Mehr Meer

26. Juni 2010, 14:15
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In ihren Erinnerungen entführt Ilma Rakusa die Leser zu den Schauplätzen ihrer Kindheit und frühen Jugend zwischen Ost- und Westeuropa

Wer beim Titel ans Reisen denkt, liegt nicht ganz falsch, wer hingegen einen autobiographischen Roman erwartet, sollte zu einem anderen Buch greifen. Vergeblich wird man hier nach einer chronologischen Erzählstruktur suchen. "Mehr Meer" ist ein Erinnerungsband, in dem die Autorin zurück in ihre Kindheit reist und dabei hautnahe Momentaufnahmen ihrer Gedankenwelt liefert.

Der Osten - das Andere

Dabei erinnert sich Rakusa zuerst an die Eltern. Der Vater, ein studierte Chemiker aus Ljubljana, die Mutter eine Ungarin geboren in der heute slowakischen Kleinstadt Rimavska-Sobota, vor dem zweiten Weltkrieg als Rimaszombat noch zu Ungarn gehörend. Der Osten, ist das was Rakusa von ihren Eltern bleibt. Dieses Vermächtnis nennt sie "das Andere" und schreibt von nie gekappten Verbindungen, denen sie im Laufe ihrer frühen Lebensjahre oft nachreisen wird.

Nomadenkindheit

Rakusa, das "Unterwegskind" von mehrmals Ausgewanderten kommt ein Jahr nach Ende des zweiten Weltkriegs in der Slowakei auf die Welt. Dann wird nach Budapest übersiedelt, an das es sich nur vage erinnern kann. Abgesehen von ungarischen Sagen, Volksliedern und Schiffen, die an der Donau entlangfahren. Weiter geht es von dort in die Heimat des Vaters. Die verbindet Rakusa mit Apfel- und Kirschbäumen und prächtig gedeihendem Garten. Aber auch in Ljubljana, im Haus von Verwandten väterlicherseits, bleiben sie nicht lange. Drei Jahreszeiten erlebt das Kind in Slowenien. Zurück bleiben Erinnerungen an die Flora und Fauna des Gartens und der Geruch von Braunkohle, der sich mit dem Herbst- und Nebelwetter über Ljubljana ausbreitete.

Koffer als Lebensbegleiter

An das Wegziehen gewöhnt sich das Kind innerlich schwer. Es reist mit den Eltern mit, hat ja auch keine andere Wahl. Der Anblick von Koffern ist seit der frühen Kindheit vertraut und verhasst zugleich. All das Hab und Gut wird verstaut, das Vertraute im Kinderzimmer verschwindet im Gepäck. Rakusa schreibt: "Ich wurde ja auch nicht gefragt. Das Weggehen entscheiden die anderen. Die Eltern, die Umstände. Ich ging mit. Ins Unbekannte. Ins nächste Provisorium."

Triest, Zuflucht am Meer

Das Wandern führt die Familie weiter in die norditalienische Hafenstadt Triest, nahe der slowenischen Grenze. Triest, das steht für eine glückliche Zeit, für den Geruch von Salzwasser, für mediterranes Klima, für das Sammeln von Muscheln, für kalkweiße Strandfelsen, für die Mittagshitze im "Siestazimmer" bei geschlossenen Jalousien, für zwei neue Sprachen: Italienisch und Englisch. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Winterliche Kälte

Rakusa beschreibt aus kindlicher Sicht topographische Gegebenheiten und klimatische Unterschiede beim Weiterwandern in das kalte Westeuropa. Als die mittlerweile um einen Sohn vergrößerte Familie nach Zürich aufbricht. Hier hält die Kälte Einzug im Erinnerungsband. Die Schweiz, das sind Schneewände auf dem Gotthard-Paß, das ist die beschwerliche Einreise mit dem Auto im Winter, das ist "unwirsche Winterlandschaft."

Zurücklassen muss Rakusa das geliebte Meer mit seinen hellen Farbschattierungen und der Siestahitze. In Zürich, der letzten Station der elterlichen Wanderung, tut sie sich schwer mit dem Heimischwerden. Den Norden verbindet sie mit klirrender Kälte, versteht nicht was das für ein Sommer ist, wenn die Triester Strandkleider aufgrund mangelnder Hitze im Schrank eingesperrt bleiben. In der Schweiz beginnen auch die Migräneattacken. Das Kind versteht nicht, was es hier in der Fremde zu suchen hat.

Fremdsein

Auch noch nach vielen Jahren in der Schweiz, schildert Rakusa seltsame Momente der Fremdheit, wenn sie beispielsweise in der Straßenbahn sitzt, neben Menschen, "die in Kleidung von Mimik nicht zu unterscheiden sind." Es ist auch das gesellschaftliche Klima des Südens, den "unbeschwerten sozialen Umgang", den sie vermisst. Die Gesichter der Nachbarn sind kaum zu sehen und Einladungen in die eigenen vier Wände werden nicht zurückgegeben.

Den Eingewanderten bleibt der Stempel "die Fremden" erhalten: "Ausländer, das haftete ans uns" ist zu lesen. Das Kind fühlt sich "streng beobachtet", die Eltern legen Wert darauf, dass es leise spielt, man will nicht auffallen. Rakusa schreibt von "ängstlicher Überanpassung" der Eltern, die ihre "Schweiz-Eignung" beweisen mussten.

Weiterreisen

Es bleibt der Wunsch (der Erzählerin als auch der "mitreisenden" Leserschaft) nach mehr Meer, mehr Adria, mehr Herumwandern und mehr Osten. Am Ende bleibt ein Koffer voller Erinnerungen und Sinneseindrücke, die Bilder der Kindheit wieder aufleben lassen. Immer ist da auch der Osten, den Rakusa als ihr anderes Gedächtnis beschreibt und erinnernd aufsucht.

Wer mehr über Zugreisen nach Litauen, Autoreisen in die Slowakei (die über Österreich führen), über Studienaufenthalte in Paris und St. Petersburg, damals noch Leningrad, und über Auslandsbriefe, die in der Sowjet-Zeit von den Behörden genauestens begutachtet wurden, lesen will, dem wird die Lektüre von "Mehr Meer" ans Herz gelegt.

Ilma Rakusa
Mehr Meer
Erinnerungspassagen
Literaturverlag Droschl 2009

ISBN: 9783854207603

  • Es bleibt der Wunsch (der Erzählerin als auch der "mitreisenden" Leserschaft) nach mehr Meer, mehr Adria, mehr Herumwandern und mehr Osten
    foto: sxc.hu

    Es bleibt der Wunsch (der Erzählerin als auch der "mitreisenden" Leserschaft) nach mehr Meer, mehr Adria, mehr Herumwandern und mehr Osten

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