Peter Wawerzinek überzeugte die Jury

26. Juni 2010, 12:13
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Autobiografischer Romanauszug stark preisverdächtig - Iris Schmidt fiel mit Horror-Erzählung total durch

Klagenfurt - Mit einem Romanauszug hat Peter Wawerzinek am Samstag im Klagenfurter ORF-Theater den letzten Tag des Wettlesens um den 34. Ingeborg-Bachmann-Preis eröffnet. Die Jury war von der Waisenhaus-Geschichte fast einhellig sehr angetan, Wawerzinek las sich damit in die Favoritenrolle. Ihm folgte Iris Schmidt, die mit ihrer Horror-Erzählung "Schnee" total durchfiel.

"Ich finde Dich/Rabenliebe" hat Wawerzinek seinen Text genannt, in dem sich der Ich-Erzähler an seine Kindheit in einem Waisenhaus erinnert, wo er als zurückgeblieben eingestuft und von den anderen wegen seiner Magerkeit als "Weberknecht" tituliert wird. Sprachlich changiert der Autor zwischen geradlinigen Erinnerungen und poetischen Einschüben, beschreibt die Innenwelt eines Vierjährigen, der sich das Motorrad, auf dem er ins Heim gebracht wird, nachträglich in eine Luxuslimousine umfantasiert. Und über allem liegt als Leitmotiv der Schnee, der Protagonist nennt sich denn auch "Winterkind".

Alain Claude Sulzer: Text "so nahe gegangen wie bisher kein anderer"

Der Text habe durch den Vortrag noch einmal an Stärke gewonnen, meinte Hildegard Keller, er sei angelegt wie eine Partitur. "Jemand versucht aus der Stummheit heraus eine Sprache zu finden." Alain Claude Sulzer meinte, der Text sei ihm "so nahe gegangen wie bisher kein anderer". "Biografie ist auch Sprachwerdung", fasste Paul Jandl den Text zusammen. Meike Feßmann ärgerte sich über "kleinliche Einwände" gegen einen "ganz wunderbaren Text", der ein Geschenk an die Leser sei. Karin Fleischanderl konstatierte, der erste Teil stehe "unter Kitschverdacht", der Text zerfalle in drei Teile, verharmlose die Grausamkeit des Themas Gewalt gegen Kinder. Der Autor selbst meldete sich - was sehr selten vorkommt - zu Wort und setzte sich zur Wehr. Er habe Jahrzehnte gebraucht, um sich an das Thema heranzuwagen, und das sei schwer genug gewesen. Da fasse man nicht einfach den Beschluss, "so machen wir das kalte Buffet", er habe sich auch keine Gedanken mehr darüber gemacht, ob irgendetwas romantisch oder kitschig sei.

Iris Schmidt las die Erzählung "Schnee", die Juryvorsitzender Burkhard Spinnen schlicht unnütz fand. Es geht um einen Vertreter, der in ein Landhotel kommt, wo seltsame Wirtsleute ihn empfangen. Es schneit, es ist kalt, und am nächsten Tag funktioniert sein Auto nicht mehr. Das Hotel ist zugesperrt, er kommt nicht mehr hinein und macht sich zu Fuß auf den Weg zu Tal. Dabei verirrt er sich und findet zwei Erfrorene, die zuvor im gleichen Hotel übernachtet hatten. Ob er selbst erfriert, lässt die Autorin offen.

Schmidt erntete fast einhellige Ablehnung, Jandl sah "Landhotel-Suspense", Sulzer konstatierte, er funktioniere "überhaupt nicht",, Fleischanderl fand eine "lauwarme Mittellage". Nur Hildegard Keller verteidigte ihre Autorin naturgemäß, stand aber auf verlorenem Posten.

Danach waren Christian Fries und zum Abschluss die Bludenzerin Verena Roßbacher an der Reihe. (APA)

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