Der Thronerbe des Kommunismus

27. Juni 2010, 17:42
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Nach dreißig Jahren an der Macht will Nordkoreas Diktator Kim Jong-il die Macht nun an seinen Sohn Kim Jong-un übergeben

Doch die Thronfolge im September könnte die Führung des Landes in Streitigkeiten verwickeln.

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Pjöngjang/Tokio - In Nordkorea scheint die Machtübergabe vom "geliebten Führer" Kim Jong-il an seinen Sohn Jong-un kurz bevorzustehen. Nordkoreas Kommunistische Partei hat für September ein Treffen von Delegierten einberufen, auf dem die Führung der Partei neu gewählt werden soll, teilte am Samstag Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA mit.

Auch wenn noch nicht ganz klar ist, welchen Status das Treffen genau haben wird, handelt es sich um die erste Sitzung dieser Art seit 30 Jahren. 1980 wurde Kim Jong-il auf einem Parteitag ins Politbüro gewählt und damit für alle sichtbar zum Thronerben seines Vaters Kim Il-sung ernannt. Kim Jong-il gilt seit seinem Schlaganfall im Jahr 2008 als körperlich angeschlagen und bereite seinen Abtritt vor, vermuten Experten. Kim Jong-un könne schon im September offiziell zum künftigen Führer ausgerufen werden.

Hymnen für den Erbfolger

Die Führung hat die Zeit nach Aussagen von Nordkorea-Kennern gezielt genutzt, um Kim Junior zum Nachfolger aufzubauen. Seit Monaten veröffentlichen die Behörden Lieder und Gedichte, die nach Meinung von Experten Jong-un indirekt preisen. Auch auf Parteiversammlungen in Fabriken stimmen Kader laut Berichten bereits Lobeshymnen auf den kommenden Führer und hängen Poster mit seinem Konterfei auf.

Personell werden ebenfalls die Weichen gestellt. Anfang Juni wurde Jang Song-taek, der Schwager von Kim Jong-il, zum Vize-Vorsitzenden der Nationalen Verteidigungskommission, der eigentlichen Machtzentrale des Landes berufen. Choe Yong-rim, bisher Parteisekretär von Pjöngjang, avancierte zum Ministerpräsidenten. Beide gelten als Vertraute und Mentoren Kim Jong-uns. Auch auf den unteren Ebenen findet ein großer Generationswechsel statt, der die Loyalität des Apparats für den jungen Erben erhöhen soll, sagen Analysten des totalitären Staates.

Kim Jong-uns Lebenslauf bleibt allerdings bislang rätselhaft. Als gesichert gilt nur, dass er der jüngste von drei Söhnen Kims ist. Als Geburtsjahr tippen die Beobachter des verschlossenen Regimes auf 1983. Einen Teil seiner Schulausbildung soll er unter falschem Namen in einem Schweizer Internat genossen haben.

Für das Regime selbst ist der Machttransfer eine "große Gefahr", sagt der Nordkorea-Experte Marcus Noland vom Peterson Institute for International Economics in Washington. Denn seit den 1980er-Jahren habe Kim Jong-il die Macht der Partei schrittweise durch einen Führerkult und die Herrschaft der Militärs ersetzt, so Noland. Doch weil sein Sohn Jong-un zu jung sei, werde wahrscheinlich eine Art kollektive Führung die Macht übernehmen, die Probleme bei der Kontrolle des auf Kim Jong-il zugeschnittenen Herrschaftssystems haben können.

Kim hat ein Dickicht von Organisationen und Gremien mit überlappenden Aufgaben aufgebaut, die miteinander rivalisieren und die nur er ausbalancieren kann. Und sein Sohn hat schlicht zu wenig Zeit, in seine Schuhe zu treten. Kim Jong-il hatte noch über ein Jahrzehnt, um sich eine loyale Gefolgschaft und Machtbasis aufzubauen - ob sein Sohn ähnliches schafft, ist unklar. (DER STANDARD, Printausgabe 28.6.2010)

  • Ein Foto der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA zeigt den "geliebten Führer" Kim Jong-il (re.) neben einem jungen Mann. Dieser ist laut japanischen Journalisten sein Sohn Kim Jong-un.
    foto: epa/kcna

    Ein Foto der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA zeigt den "geliebten Führer" Kim Jong-il (re.) neben einem jungen Mann. Dieser ist laut japanischen Journalisten sein Sohn Kim Jong-un.

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