Non scholae, sed vitae discimus ...

26. Juni 2010, 01:40
posten

Ausgehend von der Prämisse humanistischer Allgemeinbildung, dass der Mensch nicht utilitaristisch für die Schule, sondern vor allem für das Leben lernt, ist eindeutig zu konstatieren, dass dieses Lernen ein lebenslanges ist. Über diverse Aspekte und Phasen der Lernprozesse, beeinflussende Parameter, sowie divergierende Ziele und Wege des Lernens geben zahlreiche Ratgeber Auskunft. Ausgewählt und erlesen von Gregor Auenhammer.

"Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile." Aristoteles

Schule und Erziehung. Eine komplexe Aufgabenstellung, eingebettet in eine gesellschaftliche Grundmatrix mit Werten, Haltungen, Ansprüchen, Normen, Idealen, Vorstellungen, die allesamt vorgeben, was herauskommen soll, damit ein Kind, nach Absolvierung des Entwicklungsprozesses, fit für die Gesellschaft ist. Das Ideal einer perfekten Erziehung oszilliert zwischen Pflicht und Kür, zwischen Geben und Nehmen, zwischen Fördern, Fordern, ohne zu überfordern, gemäß Talenten und Begabungen.

Es gilt Werte wie Moral, Ehrlichkeit, soziales Gewissen, Mündigkeit und Zivilcourage zu vermitteln, Freiheiten zu gewähren, Konsequenzen selbstständigen Handelns aufzuzeigen und Grenzen zu ziehen. Wie man Kinder großziehen soll? "Vielleicht nicht großziehen, sondern einfach nur wachsen lassen", meint Martina Leibovici-Mühlberger. "Viele Eltern erleben ihre Aufgabe zu Recht als schweres Handwerk." Sie schafft ein Bewusstsein dafür, dass Eltern heute unter schwierigen Bedingungen operieren, will ihnen Mut für Ihre Herausforderung zusprechen. Aus der Perspektive der Entwicklungspsychologie beginnt Erziehung schon lange, bevor Kinder sprechen lernen. Von Geburt an ahmen sie Verhaltensweisen ihrer Umwelt nach, auch wenn sie diese noch nicht verstehen. Ergebnisse einer Studie der Yale-Universität zeigen auch, dass die Fähigkeit zur Imitation bei Kindern zu Verwirrung führen kann, wenn Erwachsene Dinge unorganisiert angehen.

Chaos oder Laisser-faire? Was ist das richtige Maß an Autorität, und wie gewinnt man die Energie dafür nach einem anstrengenden Arbeitstag? Wie viel Zeit benötigen Kinder? Existiert so etwas wie der richtige Mittelweg? Wie partnerschaftlich darf man mit Kindern umgehen, ohne sie zu überfordern? Wie gelingt eine leistungsunabhängige Liebe in einer Welt, die immer nur Ergebnisse einfordert? Leibovici-Mühlberger, Praktische Ärztin, Gynäkologin, Psychotherapeutin, selbst Mutter von vier Kindern, lädt ein, die Perspektive zu wechseln, die Welt durch Kinderaugen zu beobachten. Ihre Bestandsaufnahme zeigt mangelnde Rollenbilder, adoleszente Eltern, zerbröckelnde Familien, Medien- und gesellschaftlich fremddeterminierte Werte wie Jugend- und Schönheitswahn. Politik, Eltern und Lehrer schieben einander die Schuld zu. Das Paradoxon der Bezahlung von KindergartenpädagogInnen, in deren Händen aus psychologischer Sicht eine bedeutsame Phase der Entwicklung ruht, bezichtigt sie des Zynismus. Ihre Conclusio lautet: "Wir leben in keiner schlechten Welt, wir müssen uns nur an sie anpassen. Damit unsere Kinder wachsen können, müssen wir als Eltern die Wichtigkeit der Entwicklungsbedingungen und des fürsorglichen Umgangs mit unseren Kindern für die Ausbildung einer empathischen, reflexiven Persönlichkeit erkennen, im Familienleben umsetzen und von politischen Entscheidungsträgern und Institutionen die gesellschaftlichen Weichenstellungen dafür fordern. Unsere Kinder werden sich in einer hochkomplexen, hochinterdependenten Welt bewegen und bewähren müssen. Um die dafür notwendigen Handlungskompetenzen zur Verfügung zu haben, brauchen sie unsere Hilfe. Sie sollten uns das wert sein, denn sie sind die Entscheidungsträger von morgen."

Martina Leibovici-Mühlberger: "Wie Kinder wieder wachsen", 236 S. / € 20,-. Ecowin 2010

Hehre Ziele! Die ideale Mischung von Fördern und Fordern, ohne Kinder mit zu hohen Ansprüchen zu überfordern, ist für viele "moderne" Eltern heutzutage oberste Priorität. Den richtigen Ton zwischen Geboten und "notwendigen" Verboten zu treffen ist aufgeklärten Eltern ein Anliegen. Diese selbstauferlegte, antiautoritäre, selbsterwählte Political Correctness, im Gegenzug zu Erziehungsmodellen vergangener Zeiten, zu erfüllen, führt aber auch zu Problemen. Der Vorwurf, unerzogene, disziplinlose Tyrannen großzuziehen, erfolgt vonseiten älterer Generationen bzw. kinderloser Mitmenschen, nicht selten. Die Journalistin Katrin Wilkens, selbst Mutter dreier Kinder, erläutert in beiläufigem, teils sarkastischem, teils amüsantem Plauderton, warum aber auch perfekte Eltern nerven: Der alltägliche Erziehungswahnsinn kritisiert die Sinnlosigkeit von Ratgebern, beschreibt die Infantilisierung vieler Eltern, die Nutzlosigkeit von Lebensdogmen, frühkindlichen Musik- und anderen Kursen, sowie Präjudizierungen mittels diverser pränataler Schuleinschreibungen. Etwas übertrieben viele Themen wie Homöopathie, Montessori-Pädagogik, Erziehungsmethoden im "Dritten Reich", in der DDR etc. werden angerissen, die man in Wahrheit nicht beiläufig abhandeln kann. Vieles gerät daher subjektiv und oberflächlich. Mit Übermüttern und Übervätern wird hier schonungslos abgerechnet, aber auf eine höchst humorvolle Weise, die erkennen lässt, dass die Autorin weiß, worüber sie schreibt. Als Mutter kennt sie alle: die modernen Väter, die Haferbreirezepte auf dem Spielplatz austauschen, sich ganz aufopfernd um ihre Kinder kümmern, Frau und Haushalt aber vernachlässigen; Väter, die sich beim Stillen überflüssig vorkommen, und Mütter, die ohne Coolpacks nie einen Spielplatz betreten. De facto plädiert sie für Gelassenheit und gesunden Menschenverstand.

Katrin Wilkens: "Der alltägliche Erziehungswahnsinn", 224 S. / € 15,40. Westend-Verlag 2010

Ob des Umstandes, dass unsere Arbeitswelt von sich rasch verändernden, globalen Parametern bestimmt ist, hinterfragt der Wiener Zukunftsforscher Peter Zellmann in Die Zukunft der Arbeit, was für frühere Generationen galt: Nach Schule und Ausbildung präjudizierte der Einstieg in das Berufsleben den weiteren Verlauf bis zur Pensionierung. Ein Wechsel der Berufssparte, selbst ein Firmenwechsel hatten Seltenheitswert. Heute ist lebenslanges Lernen, rasches Handeln, proaktives Agieren notwendig, um den alltäglichen Anforderungen der Leistungsgesellschaft gerecht zu werden. Somit sind die Ansprüche an alle Arbeitskräfte, besonders aber in verantwortungsvollen Positionen, von ständigen neuen Herausforderungen, neuem Werkzeug technischer und intellektueller Natur geprägt. Eine extremen Metamorphosen unterworfene, von Reizüberflutung geprägte Gesellschaft und Arbeitswelt bedarf konkreter Maßnahmen, meint Peter Zellmann: die logische und mutige Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse, unleugbarer demografischer Fakten und der Bereitschaft, das Denken weder Partei- noch Gremiengehorsam unterzuordnen. Der Pädagoge meint: "Wir müssen uns einmischen. Nur eine vernünftige und gerechte Verteilung der Arbeit verhindert soziale Verwerfungen, nur ein realitätsbewusster Umgang mit dem, was kommt, macht uns fit für die unvermeidbaren Veränderungen. Und vor allem: Nicht jede Veränderung ist negativ, ist zu fürchten. Umverteilung der Arbeit führt auch zu Gewinn an Lebensqualität!" Veränderungen bei Bildung, Arbeitswelt und "neuen Beschäftigungsmodellen" sind seiner Ansicht nach unausweichlich. Die Zukunft der Arbeit verändert den Blick auf die Realität der europäischen Arbeitslandschaft. Ein kritischer Denkansatz für den Umgang mit der Zukunft.

Peter Zellmann: "Die Zukunft der Arbeit" 288 Seiten / € 19,95. Molden-Verlag 2010

Lernen, mit den Arbeitsmitteln, die Werktätige alltäglich verwenden, richtig umzugehen, sei "eine unbequeme Wahrheit eines Zeitalters, in dem Überwachung zu einem selbstverständlichen Teil unseres Lebens geworden ist", meint der Unternehmensberater Thomas Havranek. In Verraten & verkauft dekuvriert der Risiko-Manager die Probleme, die sich für den "gläsernen Menschen" heute ergeben können. Er spannt den Bogen von Personenkontrolle via Nacktscanner über Kreditkartendaten, Internetnutzung bis zum Wirtschaftsleben, in dem Industriespionage und Wirtschaftskriminalität allein in Österreich Schäden in Milliardenhöhe anrichten. Anhand aktueller Beispiele führt er vor Augen, wie Mitarbeiterbespitzelung unter dem Deckmantel der Sicherheit betrieben wird. Er gibt einen Überblick über vielfältige, zum Teil erschreckend einfache Methoden, mit denen sich Arbeitgeber und Mitarbeiter gegenseitig verraten und verkaufen. Und er macht deutlich, wie schnell die Notwendigkeit von Informationsvorsprung zu Diebstahl geistigen Eigentums führen kann. Wissen ist auch hier Macht. Umso wichtiger wird in Zukunft sein, Chancen, Risiken einzuschätzen und damit umzugehen. Präventiv und proaktiv, auf welcher Seite auch immer man sich befindet.

Thomas Havranek: "Verraten & verkauft" . 200 Seiten / € 19,90. Molden-Verlag 2010

Als unverwechselbares Individuum wahrgenommen und geschätzt zu werden, ist erklärtes Lebensziel wohl jedes denkenden Menschen. Eigenständig, autark, intelligent, vielseitig interessiert, belesen, eloquent – eine Persönlichkeit. Dass Lernen in veritas nie endet, dekuvriert auch der Psychologe Uwe Böschemeyer in seinem Opus Du bist viel mehr. Ausgehend von Viktor Frankls These der "existenziellen Frustration" als Kernproblem unserer Zeit, erläutert der Psychotherapeut und Theologe Uwe Böschemeyer das Enneagramm als Säule der wertorientierten Persönlichkeitsbildung, die zur Erweiterung der Persönlichkeit beitragen und Hilfen auf dem Weg zur Selbstwerdung und Selbstfindung sein können. Er beschreibt verschiedene Typen des Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit und ihrer Entwicklung. Er motiviert, unberührte und ungelebte Gebiete des Geistes und der Seele kennenzulernen, sie in ihrer Kraft zu erfahren. Das Lernen, mit dem angeborenen Typus umzugehen, soll in Weiterbildung der Persönlichkeit münden. "Wer seine Persönlichkeit weiterbildet, wird mehr sein eigener Mensch. Wer mehr sein eigener Mensch wird, lebt mehr aus sich heraus, was zu ihm selbst gehört. Wer mehr seine Möglichkeiten auslebt, gewinnt mehr Freiheit, für sich und andere. Wer mehr Freiheit gewinnt, wird sich selbst gerechter."

Uwe Böschemeyer: "Du bist viel mehr" 216 Seiten / € 19,95. Ecowin-Verlag 2010

Wider den Stillstand: sein Handeln, Denken, Agieren, in Kontext zum sozialen Umfeld stets kritisch zu hinterfragen, sich selbst zu reflektieren ist Teil einer ständigen Metamorphose. Neugier und lebenslanges Lernen fördert das Individuum, prägt und erwirkt eine starke Persönlichkeit. Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir. Quod erat demonstrandum. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.6.2010)

Share if you care.