Warten auf die "Digital Natives" im Lehrerzimmer

26. Juni 2010, 01:17
42 Postings

Neue Medien sind ein Motivationsfaktor im Klassenzimmer. Aber obwohl es seit 26 Jahren Informatikunterricht in unterschiedlicher Form gibt, sind nur ein Prozent der Schulklassen "Notebook-Klassen"

Wien – Der Umgang mit Handy, Computer und Internet ist für Kinder und Jugendliche heute so selbstverständlich wie für ihre Eltern die Bedienung eines Walkmans oder Fernsehers. Was liegt da näher, als die innovativen Hilfswerkzeuge auch im Unterricht zur Wissensvermittlung einzusetzen. Selbst Handys, die normalerweise in der Schule unerwünscht sind, können die Lernleistung von Schülerinnen und Schülern verbessern, zeigt eine aktuelle Studie der Fachhochschule St. Pölten. Diese hat untersucht, wie Smartphones in den Lernalltag integriert werden können und welche Effekte dies auf den Unterricht hat.

Die Ergebnisse zeigen: Allein schon durch die Verwendung der Handys waren die Jugendlichen stärker motiviert. Der Einsatz der mobilen Geräte wirkte sich auch positiv auf das Sozialverhalten der Klassengemeinschaft aus. Statt allein zu Hause vor Büchern zu sitzen, fanden sich die Schüler zur Lösung der gestellten Aufgaben in virtuellen Teams zusammen.

"Jugendliche sind heutzutage sogenannte "Digital Natives". Das heißt, sie sind mit dem Internet aufgewachsen und können daher mit neuen Medien oft besser umgehen als mit analogen, wie zum Beispiel einem Lehrbuch. Dies sollte man sich in der Schule zunutze machen", erklärt Grischa Schmiedl vom Institut für Medieninformatik der FH St. Pölten.

In Österreichs Schulen stehen jedoch 26 Jahre nach der Einführung eines verpflichtenden Informatikunterrichts durch den Kurzzeit-Unterrichtsminister Helmut Zilk moderne Lernwerkzeuge wie PCs, Note- und Netbooks nach wie vor nur eingeschränkt zur Verfügung. Sollen Schülerinnen und Schüler im Unterricht über das Internet recherchieren und vernetzt ein Thema bearbeiten, müssen sie sich meist in den "EDV-Raum" begeben, wie einst zum Sprachunterricht ins "Sprachlabor".

Ausnahme: Notebook-Klassen

Eine Ausnahme bilden lediglich sogenannte Notebook-Klassen. In diesen wird das Notebook in allen Unterrichtsfächern genutzt, auch für Haus- und Schularbeiten. Zwar wurde mit dieser Integration der digitalen Kulturtechnik schon 1999 begonnen. Aber die Zahl der Notebook-Klassen hat sich in den letzten Jahren kaum verändert und liegt bei 600 Klassen in ganz Österreich – gerade ein Prozent von 54.656 Klassen im Schuljahr 2008/09.

"Es ist nicht unsere Philosophie, den Gebrauch von Notebooks in Schulen von oben zu verordnen", begründet dies Heidrun Strohmeyer, die im Bildungsministerium zuständige Bereichsleiterin. "Wir wollen uns auf keine Methodik festlegen, wie Computer im Unterricht eingesetzt werden. Das muss sich selbst entwickeln." Nicht die Geräte allein seien bestimmend, dass die Schülerinnen und Schüler digitale Kompetenzen entwickelten.

Dass sich die Frage der Hardwareausstattung in Schulen mehr oder weniger von allein ergibt, davon ist auch Paul Kral, ehemaliger Leiter des Pädagogischen Instituts der Stadt Wien, überzeugt. Etwa dadurch, dass Hersteller, Schulträger und Eltern gemeinsam ein sozial verträgliches Finanzierungsmodell erarbeiteten. Die Herausforderung für die Weiterentwicklung des Lernens liegt für ihn aber nicht nur am Vorhandensein der modernen Werkzeuge, sondern mehr noch an ihrer sinnvollen Nutzung.

"Lernen lernen" am PC

Gegenstand des Lehrplans müsste es sein, Schülern "Lernen lernen" am PC zu vermitteln – quasi sachlich fundiertes googeln zu trainieren. Aus der Fülle der Informationen im Internet das finden, was verlässlich und brauchbar ist, müssten Kinder lernen, sagt Kral, der heute als Geschäftsführer von "know.learn& lead" Unternehmen Wege in eine vernetzte Wissenswelt aufzeigt. Der Umgang mit dem elektronischen Zettelkasten, der digitalen Archivierung und Wissensverknüpfung müsse Schülern genauso beigebracht werden wie mit dem analogen Medium Papier.

Es liege aber auch an den Lehrern, dass Schülern diese Lernkompetenz am Computer derzeit nur eingeschränkt vermittelt wird. "Web 2.0, das Mitmach-Internet, ist nun einmal Jugendkultur, die Lehrer müssen sich damit auseinandersetzen", sagt Kral.

Aber leider sei eine große Gruppe Lehrer "noch nicht so weit, sich das regelmäßig anzutun", befindet auch Strohmeyer. Unabhängig voneinander setzen Strohmeyer und Kral daher für Veränderungen auf die in diesen Jahren anstehende Welle von rund 60.000 Lehrerinnen und Lehrern in allen Schultypen, die sich – ganz analog – zur Ruhe setzen werden. So erhalten auch in den Lehrerzimmern die Digital Natives eine Chance einzuziehen. (Karin Tzschentke/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.6.2010)

  • Artikelbild
    foto: standard/hendrich
Share if you care.