Der Dichter, der den Zweifler widerlegte

25. Juni 2010, 19:36
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Ivica Osim hat Japan wenig zugetraut, die Spieler haben aber seinem Nachfolger als Teamchef vertraut

Rustenburg - "Schwer ist", meinte Ivica Osim sinngemäß, als er vor der WM zu Japans Chancen in Südafrika befragt worden war. Das Wort des 69-jährigen Bosniers hat Gewicht, er ist eine ballesterische Kapazität, im Allgemeinen sowieso und im Besondern auch, weil er ab 2003 in Japan gearbeitet und vom 21. Juli 2006 bis zu seinem schweren Schlaganfall am 15. November 2007 das Nationalteam Nippons trainiert hat.

Die "Blauen Samurai" unter seinem 53-jährigen Nachfolger Takeshi Okada haben den verehrten Meister mit dem Einzug ins Achtelfinale, in dem am Montag und in Pretoria Paraguay wartet, wohl überrascht, ja sogar auch ein wenig widerlegt.

Osim hat gemutmaßt, dass Okada seinen Spielern mit der Ankündigung, ins Semifinale vordringen zu wollen, zu viel Druck aufgeladen habe. Mit dem Druck des Nichtverlierendürfens im letzten Vorrundenspiel gegen Dänemark sind die Japaner aber spielend fertiggeworden. "Ich habe das getan, um die Mannschaft zu motivieren. Diese Aktion hat jetzt ihren Zweck erfüllt. Jeder Spieler war bisher mit der größtmöglichen Leidenschaft bei der Sache", sagte Okada rückblickend. Sein Star, Stürmer Keisuke Honda, hält das Streben nach dem Halbfinale nun sogar schon für zu bescheiden. "Ich habe schon vorher gesagt, dass der Titel nicht unmöglich ist", sagte der 24-jährige "Man of the Match" vom 3:1-Triumph.

Vorteil aus Mangel 

Honda, der sein Auskommen seit diesem Jahr bei ZSKA Moskau in Russland hat und davor in zwei Saisonen für den ältesten niederländischen Klub VVV-Venlo 24 Meisterschaftstore schoss, ist einer von nur vier Legionären im japanischen Kader. Die anderen drei sind Makoto Hasebe (Wolfsburg), Daisuke Matsui (Grenoble) und Ersatzstürmer Takayuki Morimoto (Calcio Catania).

Auch diesen Mangel hielt Osim für eine gewisse Schwäche der von Okada deutlich verjüngten Mannschaft, weil die Kicker aus der J. League während der Saison einfach zu wenig gefordert würden. Andererseits gibt es vielleicht auch deshalb keine konditionellen Probleme. Okada: "Wir können viel laufen, da hilft uns auch der südafrikanische Winter."

Im japanischen Sommer haben die "Blauen Samurai" mit dem ersten Achtelfinaleinzug seit der Heim-WM 2002 für Euphorie gesorgt. "Die Mannschaft hat unserem ganzen Land Energie und Stolz verliehen", frohlockte Premier Naoto Kan, derzeit beim G-20-Gipfel in Toronto zugange. Über den Inselstaat selbst brach am frühen Freitagmorgen eine Welle der Begeisterung herein. Vielerorts fieberten tausende Fans vor riesigen Leinwänden mit, nicht wenige sprangen, wie bei großen Siegen üblich, von Brücken in Flüsse. Die Übertragung der Partie gegen Dänemark aus Rustenburg erreichte Spitzenwerte. Die Zeitungen - in Japan erscheinen die drei auflagenstärksten der Welt - druckten Sonderausgaben.

Allenthalben wird Coach Okada gefeiert. Der Mann aus Osaka, der selbst 24 Länderspiele für Japan bestritt und seine Trainerausbildung in Deutschland absolvierte, um nach seiner ersten Amtszeit als Teamchef (1997/98, Vorrunden-Aus bei der WM in Frankreich) mit den Yokohama F. Marinos 2004 und 2005 Meister zu werden, ist daheim nicht nur wegen seiner Erfolge beliebt.

Okada, ein Hobbydichter, spricht gerne in Gleichnissen und befleißigt sich eines Pathos, der bei seinen Landsleuten gut ankommt. Als er vom im Koma liegenden Osim das Amt übernahm, sprach er vom "Schmerz in meinem Herzen, wenn ich an seine Enttäuschung denke". In Hinblick auf die Qualifikation für die WM 2010 zeigte er sich "entschlossen, den vor uns liegenden steilen Weg bis zum Gipfel zu gehen".

Zu seiner Zukunft befragt, meinte Okada einmal, dass er nach der WM ganz gerne Bauer werden würde. Nach den Erfolgen in Südafrika ist nur noch von einem schönen Urlaub die Rede. Okadas Vertrag mit dem Verband läuft jedenfalls noch bis 2012. Verlängerung wahrscheinlich. (DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 26. Juni 2010, lü)

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    Keisuke Honda hält auch einen Weltmeister Japan für möglich.

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