"Die Probleme entstehen, weil zu wenig miteinander gesprochen wird"

25. Juni 2010, 19:15
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Konflikttrainerin Veronika Lippert kommt, wenn's Ärger gibt - und der betrifft selten die Schüler allein

Standard: Was muss passieren, damit Sie in eine Klasse gerufen werden?

Lippert: Meistens werden wir geholt, weil zu viel gestritten wird. Aber was wirklich los ist, wissen wir erst, wenn wir dort sind. Die Probleme entstehen, weil zu wenig miteinander gesprochen wird. Auch die Eltern sind dabei in die Verantwortung zu ziehen. Wenn es etwa ein Problem mit Ausländerfeindlichkeit gibt, das wir in der Klasse bearbeiten, geht das oft zu Hause weiter.

Standard: Wie läuft ein Konfliktlösungs-Workshop ab?

Lippert: Es gibt viele Instrumente, die man verwenden kann. Teamspiele, bei denen keiner gewinnt, eignen sich gut. Bei älteren Schülern arbeiten wir viel mit Gesprächen. Oft merken wir auch, dass das Problem, weshalb wir geholt wurden, gar nicht der Kern der Sache ist. Wir erleben das manchmal beim Thema Mobbing, wo ein Kind vielleicht zu Hause Schwierigkeiten hat und die in der Klasse auslebt. Darum kann man auch nicht in jede Klasse mit dem gleichen Rezept gehen.

Standard: Wie kann man Ausgrenzung und Rassismus entgegenwirken?

Lippert: Es ist einfach wichtig, dass man sich damit beschäftigt. Wenn man richtig Integration betreibt und keine Angst vor dem Anderssein hat, würde das auch in jeder Schule gut funktionieren. Es geht oft nicht darum, dass jemand zum Beispiel aus der Türkei kommt oder sonst woher, sondern darum, dass er anders ist. Es ist Aufgabe der Schule und Eltern, Vorurteile abzubauen.

Standard: Erleben Sie auch, dass Kinder und Jugendliche gewalttätig werden?

Lippert: Ja, aber ich glaube nicht, dass die Kinder grundsätzlich gewalttätig sind, sondern dass sie keine anderen Lösungsstrategien kennen. Das ist ein sehr trauriger Trend, der aber in vielen Familien vorgelebt wird. Deshalb ist für uns auch die Elternbildung zentral. In den Kursen spielen wir mit den Eltern Beispiele nach und geben ihnen Werkzeuge mit, die sie verwenden können: Ich-Botschaften, Konfliktregelung oder aktives Zuhören.

Standard: Sind Eltern in der Erziehung ihrer Kinder unsicherer geworden?

Lippert: Ich glaube, dass wir Eltern heute oft den Mut verlieren, die Führungskräfte für unsere Kinder zu sein. Kinder wollen Regeln, und sie wollen sich orientieren können. Wir können unseren Kindern nicht alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Und wir müssen sie begleiten, selbst Lösungen zu finden, um kompetente Erwachsene zu werden.

Standard: Wie viel Verantwortung tragen die Lehrer für Konflikte in der Klasse?

Lippert: Eine große. Lehrer schauen oft nur auf die Leistung. Aber wenn die emotionale Ebene nicht passt, kann auch die Leistung nicht passen. Von Schülern hören wir dann Klagen über die vielen Vorwürfe, wie: "Du schon wieder" oder "Na eh klar, der schon wieder". Man kann da nur mit wertfreien Ich-Botschaften gegenwirken, wie: "Ich sehe, dass es dir nicht gut geht."

Standard: Werden die Lehrer in ihrem Willen, empathisch zu sein, durch das Schulsystem beschränkt?

Lippert: Ja, absolut. Die Lehrer merken das auch selbst, wissen aber nicht, was sie anders machen sollen. Ihnen fehlen Kommunikationstools, die müssten zwingender Bestandteil der Ausbildung sein. Lehrer versuchen oft, Drohungen über die Noten zu spielen, anstatt dass sie ihre echte Autorität leben und die Kinder mit ihrem ganzen Umfeld und ihren Problemen abholen. (Bettina Reicher/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27. Juni 2010)

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