Bruno als Belohnung fürs Streitschlichten

25. Juni 2010, 19:11
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Nach einer Messerstecherei in einer Volksschule wurden die Konflikttrainerinnen von "Nobody is perfect" zu Hilfe gerufen

Wien – Laut hallen die Schritte im Stiegenhaus wider, als sich Ruth Bulant, Veronika Lippert und Beratungslehrerin Michaela Gamrith der Klassentür nähern. Die Krallen des Berner-Sennenhund-Mischlings, den Ruth Bulant an der Leine führt, kratzen dabei auf dem steinernen Boden.

"Es ist eine schwierige Klasse", sagt Veronika Lippert, kurz bevor sie das Ende des Gangs erreicht hat. "Und der Bruno ist jetzt die Belohnung dafür, wie sie sich in den letzten Wochen verbessert haben", erklärt die Konflikttrainerin von "Nobody is perfect".

Die Klassenlehrerin steht schon vor der Tür und scheint erleichtert über die Ablösung. Statt ihr tritt nun Lippert vor die Klasse. Während sie noch spricht, lässt Bulant von "Tiere als Therapie" die Leine ein wenig länger, und Bruno streckt neugierig seinen Kopf um die Ecke, auf Augenhöhe mit den sitzenden Kindern. Ein überraschtes Raunen geht durch die Reihen. Langsam führt Bulant den Therapiehund ins Klassenzimmer. Dann legt sie einen Finger an die Lippen, bis es still ist.

"Wenn ihr laut seid, dann gehe ich wieder", warnt sie. "Wisst ihr, um wie viel mal lauter Hunde hören als wir?" "Hundert!", ruft ein Junge von hinten. Bulant schüttelt den Kopf. "Tausend!" Jetzt schreien alle durcheinander. "Eine Million!" Nachdem man sich auf zehn geeinigt hat, stürmt die 21-köpfige Klasse nach vorne, um einen Sitzkreis um Ruth Bulant und Bruno zu bilden. Es ist heiß und stickig im Zimmer. Bruno hat seine lilafarbene Zunge weit herausgestreckt und hechelt laut. Bulant holt einen Futternapf aus ihrem Rucksack.

"Wer will dem Bruno ein Wasser geben?", fragt sie, und sofort fliegen fast alle Hände in die Luft. Abdul, ein blonder Junge, springt auf und stellt sich fordernd in den Kreis. Es wird still. Verlegen senkt er den Blick und Lippert sieht ihn ernst an. Als er nun so eine halbe Minute unter den Blicken der anderen gelitten hat, drückt ihm Bulant den Napf in die Hand. Laut schlabbernd verteilt der Hund das Wasser auf dem hellen Parkettboden. Die Kinder lachen.

Dann beginnt Bulant, Brunos Lebensgeschichte zu erzählen. Als es um die Entscheidung geht, ob sie sich um einen Wurf vernachlässigter Welpen kümmern will oder lieber doch nicht, legt sie zwei grüne Seile in den Kinder-Kreis. "Das sind zwei Wege", sagt sie. "Der eine ist, sich um Bruno und seine Geschwister zu kümmern. Der andere, zu meinen, das ginge mich gar nichts an."

"Wer hat ein Wort für den Weg, den ich gegangen bin?", fragt sie in die Runde. Kurz überlegen die Kinder, dann heben sie ihre Hände und warten, bis sie an der Reihe sind. "Den Richtigen!" "Den Guten?" "Den des Herzens?" "Des Rechts!", wirft ein Junge ein. "Vertrauen?", fragt ein Mädchen so leise, dass man es kaum hört. "Fast", sagt Bulant. Verantwortung sei das Wort. Sie legt ein Kärtchen, auf dem das steht, in den Kreis.

Hunde sind Rudeltiere, erklärt Bulant, und wenn ein Hund in einem Rudel aus Menschen lebt, müsse klar sein, wer der Chef ist. "Wer ist also der Chef", fragt sie. "Du!" – da sind sich die Kinder einig. "Wie ist das in der Klasse?", mischt sich Lippert ein. "Die Frau Lehrerin!", auch da herrscht Einigkeit. "Und zu Hause?" – "Der Papa", sagen einige. "Und", Lippert wirkt irritiert. "Die Mama!", sagen dann doch alle. "Bei mir ist nur die Mama der Chef", sagt Ozan, ein dunkelhaariger Junge.

Nun dürfen die Kinder Bruno, der in der Zwischenzeit hechelnd auf dem Rücken gelegen ist, streicheln. Das Mädchen, das sich zuvor noch unter dem Tisch versteckt hat, bürstet ihm jetzt sachte das dicke Fell. "Es geht auch viel um Mut", erklärt die Trainerin gerade, als ein Junge, der sich zurück in den Kreis setzen will, die anderen anschreit: "Jetzt rutsch!"- "Was rutsch ich?", brüllt einer. Da klopft Lippert auf das helle Parkett. "Jetzt sind wir wieder da, wo wir vor ein paar Wochen waren!"

Es habe sogar eine Messerstecherei gegeben, erzählt die Trainerin, als Bruno die Klasse nach einer kurzen Stunde verlässt. Jetzt hat sich die Klasse gebessert und mithilfe des Hundes gesehen, dass es auch anders geht. (Johanna Tirnthal/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27. Juni 2010)

  • Begeisterung in einer Volksschule im 10. Bezirk: Nach einigen Wochen Konflikttraining ist Therapiehund Bruno auf Besuch und will mit den Kindern spielen
    foto: der standard/regine hendrich

    Begeisterung in einer Volksschule im 10. Bezirk: Nach einigen Wochen Konflikttraining ist Therapiehund Bruno auf Besuch und will mit den Kindern spielen

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