Bestehende Schulbauten besser nutzen

25. Juni 2010, 18:58
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Raumwertanalyse und Charta "SchulUmBau" holen das Beste aus dem Altbau raus

Wien – Eine Liste mit der genauen Anzahl an Schulbauten in Österreich, die auch über deren baulichen Zustand und deren pädagogische Funktionalität Auskunft gibt, existiert nicht. Bei der Umstellung der Schulen auf Ganztagsformen, die in den nächsten Jahren ansteht, werden Behörden, Lehrkörper und Architektenschaft also mehr oder weniger im Trüben fischen müssen.

"Wie groß der Anteil an sanierungsbedürftigen Schulen ist, das weiß kein Mensch", sagt Christian Kühn, Professor an der Technischen Universität Wien und Mitglied der kürzlich gegründeten Initiative SchulUmBau. Die einzige offizielle Information, auf die man sich stützen kann, liefert das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur selbst: Demnach werden jedes Jahr rund zehn Prozent des österreichischen Schulbaubestandes in irgendeiner Art einer kleineren oder größeren Sanierung unterzogen.

Interdisziplinäre Planungsgruppe

"Fakt ist, dass bei sämtlichen Schulumbauten die meiste Energie und das meiste Geld in technische Adaptierungen wie zum Beispiel in Brandschutz- und Fluchtwegbestimmungen fließt", erklärt Kühn. "Wie man die Schule dabei gleichzeitig in einen angenehmen Lern- und Lebensort verwandeln kann, bleibt auf der Strecke."

Dank der Plattform SchulUmBau soll sich das ändern. Die interdisziplinäre Planungsgruppe – bestehend aus Behörden, Pädagogen und Architekten – erstellte eine "Charta für die Gestaltung von Bildungseinrichtungen des 21. Jahrhunderts" und fasste die dringlichsten Anliegen in elf Punkten zusammen. Architektonische Gestaltung und Energieeffizienz stehen dabei genauso auf dem Plan wie die Miteinbeziehung neuer pädagogischer Konzepte.

Anfang dieser Woche wurde die Charta Bildungsministerin Claudia Schmied präsentiert. "Diese Charta ist geeignet, ein gemeinsamer Qualitätsleitfaden für die tausenden Schulerhalter in Österreich zu werden", sagt Schmied auf Anfrage des STANDARD.

Großes Potenzial

Während die Stadt Wien beispielsweise bereits ihre längst veralteten Schulbaurichtlinien aus der Nachkriegszeit erneuert und sich in der Novelle nicht mehr über Details wie Klassengröße und Montagehöhe von Waschbecken auslassen wird, liegt die schwierigste Aufgabe im Umbau der Bestandsgebäude.

"Das Potenzial ist jedenfalls enorm", sagt die Salzburger Architektin Ursula Spannberger und zählt einen frappanten Vergleich auf: "In Skandinavien stehen jedem Kind zwischen 11 und 15 Quadratmeter Schulfläche zur Verfügung. In Österreich entfallen pro Kind zwischen 25 und 35 Quadratmeter. Und dennoch gibt es in Skandinavien offenere und innovativere Schulgebäude als bei uns. An der Größe und am Geld kann es also nicht liegen."

Um die vielen Bestandsschulen, denen ein Umbau bevorsteht, effizienter zu nutzen, will Spannberger die von ihr entwickelte sogenannte Raumwertanalyse einsetzen. "Die meisten Schulnutzer haben niemals gelernt, über Architektur in objektiven Kriterien zu sprechen. Viele lassen sich beim Entwurf des Architekten leicht irritieren und sehen dabei am eigentlichen Inhalt vorbei."

Mit der Raumwertanalyse, einem partizipativen Mediationsverfahren in der Größenordnung einiger Workshop-Tage, sollen die Betroffenen lernen, mit wenig Aufwand und viel Aufmerksamkeit Großes zu bewirken. Spannberger: "Die Kosten für so ein Verfahren belaufen sich auf zwei bis vier Prozent der Planungskosten. Gemessen an den Baukosten, liegt das im Promillebereich. Der Output ist mitunter enorm." (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27.6.2010)

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