Opfervertreter: "Almosen" für Missbrauchsopfer

25. Juni 2010, 18:45
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Klasnic-Kommission will Schmerzensgeld zahlen - Opfervertreter sind empört über "Almosen der millionenschweren Einrichtung Kirche"

Wien - Über 200 Opfer haben sich laut Waltraud Klasnic bislang bei der von der katholischen Kirche mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle beauftragten und von der früheren steirischen Landeshauptfrau (ÖVP) geleiteten Opferschutzkommission gemeldet.

Und diesen über 200 Personen kann sie seit Freitag auch konkrete Beträge nennen. Die Klasnic-Kommission hat ein Modell für Schmerzensgeldzahlungen erarbeitet, das - je nach Schweregrad - folgende Beträge vorsieht:

5000 Euro gibt es für „leichte Fälle des Missbrauchs ohne überschießende Gewaltanwendung". Wer "über einen längeren Zeitraum" mehrfachen Übergriffen ausgesetzt war oder eine "geringe Zahl an schwerwiegenden Übergriffen unter Gewalteinwirkung" erlebt hat, kann mit 15.000 Euro aus dem Kirchenfonds rechnen. 25.000 Euro gibt es schließlich für Opfer, die "über mehrere Jahre hinweg fortgesetztem Missbrauch mit Verletzungsfolgen und/oder fortdauernden seelischen Schmerzen" ausgesetzt waren.

Besonders schwerwiegende Fälle sollen extra abgegolten werden. Auch die Therapiekosten sind in dem Modell nicht beinhaltet, werden aber ebenfalls von der Stiftung übernommen.
Eine finanzielle Obergrenze gibt es laut Klasnic weder für die Schmerzensgeldzahlungen noch für die Therapiekosten. Sie geht davon aus, dass die Kirche zahlen wird. Kommissionmitglied und Verfassungsrichterin Brigitte Bierlein will bereits im Herbst mit den ersten Zahlungen beginnen.

Sie weist auch darauf hin, dass es keine Verzichtsklausel gibt und daher auch bei Inanspruchnahme der freiwilligen Zahlungen gerichtliche Schritte möglich sind. Allerdings müsste der bereits erhaltene Betrag laut Kommissionsmitglied Udo Jesionek von einer gerichtlichen Entschädigung wieder abgezogen werden.

Er betont auch, dass es sich beim jetzt gefundenen Modell nicht um eine „Wiedergutmachung" handeln kann. Vielmehr bemühe sich die Kirche um "Gesten", bei denen man sich an der österreichischen Rechtsprechung orientiert habe.

Für Jakob Purkathofer von der Plattform „Betroffene kirchlicher Gewalt" sind die genannten Beträge nur Peanuts. Er ärgert sich im Standard-Gespräch: "Solche Almosen stehen einer millionenschweren Einrichtung wie der Kirche nicht zu." Die gebotenen Summen seien eine „Beleidigung der Betroffenen". Man fordere weiterhin 130.000 Euro pro Opfer plus die Übernahme der Therapiekosten. Die Plattform "Wir sind Kirche" zeigt sich hingegen zufrieden: Die Kommission arbeite „sehr seriös und qualitätsvoll".

Politik stellt sich tot

Kommissionsmitglied Udo Jesionek mahnt auch die politische Verantwortung ein: So wäre es "sinnvoll", wenn der Staat „zumindest eine Koordinationsfunktion übernehmen würde". Denn: "Sich ganz aus der Verantwortung zu ziehen ist nicht sehr fair." Kollege Kurt Scholz sieht das ähnlich: "Ich halte diesen Totstellreflex für unklug, weil eine staatliche Stelle prophylaktisch wirken könnte." (Karin Moser/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27. Juni 2010)

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