"Ohne Heimweh wäre das Internat die ideale Schule"

25. Juni 2010, 17:59
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Josef Hader denkt gerne an seine Schulzeit im Stiftsgymnasium von Melk zurück - Er plädiert für die Ganztags- und Gesamtschule

Standard: Sie sind auf einem Bauernhof im Waldviertel aufgewachsen. Wollten Ihre Eltern, dass Sie ins Internat nach Melk kamen?

Hader: Nein, die Eltern waren eher skeptisch. Ich hab mich immer irgendwo versteckt, um zu lesen. Als ich dann einen Bruder bekam, der schon mit drei Jahren alte Waschmaschinen zerlegt hat, war klar, dass er handwerklich begabter ist. Und dann hat das bischöfliche Seminar eine Art Werbesonntag gemacht. Es gab eine "rhythmische Messe" - zum ersten Mal stand in der Kirche von Nöchling ein Schlagzeug! -, und am Nachmittag wurde Theater gespielt. Das hat mir wahnsinnig gefallen. Ich sagte, ich will dorthin - auch weil ich in der Volksschule von den Mitschülern verdroschen wurde. Ich dachte, in der Hauptschule wird das noch viel schlimmer, da geh ich lieber ins Internat, denn dort sind sicher nur ganz tolle Kinder. Meine Großmutter hat mich sehr unterstützt. Die hat sich ohnehin gewünscht, dass ich Pfarrer werde. Ich bin also auf meinen Wunsch hin nach Melk.

Standard: Und wie war es dort?

Hader: Die ersten Jahren waren schlimm. Ich hatte Heimweh und ständig Angst, dass ich versagen könnte, dass ich jämmerlich nach Nöchling zurückkehren müsste. Im ganzen Ort würden sie dann reden: "Er hat's nicht geschafft." Der schönste Moment war um 21 Uhr, wenn das Licht im Schlafsaal abgedreht wurde. Denn dann war ich acht oder neun Stunden geschützt in meinem Bett. Ich hab nie so viel gelesen wie in dieser Zeit - auch als Flucht. Ich ärgere mich, dass ich jetzt weniger lese. Aber es ist wohl ein Zeichen dafür, dass ich ein glücklicheres Leben hab.

Standard: Haben Sie nicht auch sehr positiv über Melk erzählt?

Hader: Ja, ab dem zwölften Lebensjahr konnte ich mit den Gleichaltrigen umgehen. Das Internat wurde sehr liberal geführt. Mündige Christen - ausdrücklich Christen, nicht Katholiken - will er aus uns machen, sagte der Rektor.

Standard: Gab es Übergriffe?

Hader: Ich habe nichts erlebt und nichts davon gehört. Der Lehrkörper war eine Mischung aus frühen Grünen, liberalen Schwarzen und linken Pfarrern. Ich glaube, dass ein solch liberales Klima viel weniger anfällig für Missbrauch ist als ein konservatives Klima. Wir waren gewohnt zu diskutieren, und wenn wir gefunden haben, dass die Erzieher falsch liegen, haben wir die Probleme angesprochen.

Standard: Stimmt es, dass im Unterricht das kommunistische Manifest gelesen wurde?

Hader: Ja, der Deutschlehrer, ein liberaler Schwarzer, hat gemeint: Ihr sollt wissen, was da drinnen steht, damit ihr wisst, worum es geht, wenn ihr auf der Uni Marxisten trefft. Der Geografieunterricht war eigentlich Sozialkunde, Geschichte eigentlich Zeitgeschichte. Wenn ich in Melk wohnte: Ich würde meine Kinder sofort auf diese Schule schicken. Denn das öffentliche Stiftsgymnasium ist nicht, wie manche Klostergymnasien in Wien, ein abgeschlossener Hort des Bürgertums. Die Kinder aus allen Schichten gehen hin, auch die Arbeiter- und Bauernkinder.

Standard: Waren Ihre Erfahrungen der Grund, warum Sie Lehrer werden wollten?

Hader: Schon. Schauspieler oder Künstler hab ich mir nicht zugetraut. Aber ich dachte mir: Das gefällt mir eh gut, wenn ich vorn stehen und was erzählen kann. Ich wollte ein Deutschlehrer werden, der mit den Jugendlichen viel Theater spielt, und ein Geschichtelehrer, der die Gegenwart über die Vergangenheit erklärt.

Standard: Dann kam das Kabarett.

Hader: Ich hab mir Urlaub gegeben vom Studieren - und bin ich nicht mehr auf die Uni zurück. Aber was ich sagen will: Wenn es das Heimweh nicht gegeben hätte, wäre das Internat die ideale Schule gewesen. Denn man war auch am Nachmittag mit den anderen zusammen, es gab eine Bibliothek, Musikunterricht, Theaterbesuche, man konnte auch noch am Abend jemanden fragen: "Wie geht denn das?" Ich denke mir: Ohne das Übernachten ist das Internat ja so etwas wie eine Gesamtschule. Ich habe daher nie verstanden, dass die ÖVP-Politiker ein katholisches Internat okay finden und gleichzeitig die Gesamtschule so vehement ablehnen. Schade, dass es erst jetzt zu einer Reform kommt.

Standard: Kann es nicht sein, dass Eltern Angst haben, ihre Kinder könnten indoktriniert werden?

Hader: Man ist ja nicht verurteilt, die Schule ums Eck als Schicksal anzunehmen. Man kann sich mehrere öffentliche Schulen anschauen, wie ich das mit meinem älteren Sohn gemacht habe: Was hängt an den Wänden? Welche Initiativen gibt es? Sind die Lehrer sympathisch? Wenn man ein paar Gespräche führt, kann man eine gute Entscheidung treffen.

Standard: Sträuben sich die Bürgerlichen nicht eher gegen die Gesamtschule, weil sie eine Nivellierung nach unten befürchten?

Hader: Ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn ich anderen geholfen habe, weil ich in einem Fach gut war, bin ich noch viel besser geworden. In Melk gab es zudem die Möglichkeit, dass Hauptschüler das Oberstufengymnasium besuchen. Und ich hab nicht das Gefühl gehabt, dass die in dieser Parallelklasse dümmer waren: Ich hab mir auch von denen in den Gegenständen helfen lassen, in denen ich schwach war.

Standard: Aber es gab keine Probleme mit Schülern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist.

Hader: Das stimmt. In Wien gibt es ein lang zurückliegendes politisches Versagen in der Wohnpolitik. Es haben sich Viertel mit den billigsten Wohnungen gebildet. Und daher gibt es Volksschulen mit 80 Prozent Ausländeranteil. Man müsste Geld in die Hand nehmen, um das zu korrigieren. Jeder vernünftige Mensch würde mehr Geld in Bildung investieren, weil sie unsere Zukunft ist. Leider funktioniert Politik nicht immer vernünftig. Und man sollte ein vernünftiges System wie die Gesamtschule nicht vom 15. Bezirk aus betrachten. Sondern man sollte sich Maßnahmen überlegen, damit auch im 15. Bezirk der Anteil von In- und Ausländern in einer vernünftigen Relation steht. Eine der wesentlichen Aufgaben der Schule wäre, wenn wir nicht in 30 Jahren Bürgerkriegszustände haben wollen, dass Migranten- und inländische Kinder zusammenarbeiten können. Das müsste überhaupt das wichtigste Ziel sein.

(Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe, 26./27.06.2010)

Zur Person:
Josef Hader (48) ist Kabarettist, Drehbuchautor ("Indien" mit Alfred Dorfer) und Filmschauspieler ("Der Knochenmann", "Der Aufschneider").

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    Josef Hader wundert sich: "Jeder vernünftige Mensch würde mehr Geld in Bildung investieren, weil sie unsere Zukunft ist."

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