Sex als literarische Nagelprobe

25. Juni 2010, 17:54
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Beim zweiten Tag des Klagenfurter Bachmann-Wettbewerbs blieb der Skandal, den Josef Kleindiensts Text hätte auslösen können, aus

Noch vier Lesungen stehen aus. Die Preisverleihung findet Sonntag statt.

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Klagenfurt - "Generell" , sagte Sybille Lewitscharoff in ihrer Klagenfurter Rede zur Literatur, "sind Schriftsteller Chimärenkünstler der Niederlage und nicht des Sieges. Ein Schriftsteller, der von Triumph zu Triumph forttaumelte, wäre eine zutiefst alberne Figur, Schriftsteller verwandeln Niederlagen - Kränkungen des Leibes, schmachvolle Liebesabweisungen, düstere Herkünfte, Geldmangel, eine Unbehaustheit in der modernen Welt (...) - in sublime ästhetische Gespinste."

Und: "Charakterfragen sind übrigens das A und O beim Schreiben, sie werden meist unterschätzt." Charaktersache ja, ganz bestimmt aber geht es in der Literatur auch um Passion, Körperlichkeit, manchmal auch um Radikalität.

Der Vorwurf, das Klagenfurter Wettlesen produziere gut gemachte, durchstrukturierte, letztendlich aber leichtgewichtige und kühle Texte, ist nicht neu. Und es bleibe einmal dahingestellt, ob es sich bei dieser Veranstaltung um eine Maschine handelt, die, wird sie mit dem richtigen Textmaterial gefüttert (keine Beziehungsgeschichten, nicht lustig, keine schlechten Dialoge), erwartbare Preisträger ausspuckt, die dann mit knatterndem Auspuffrohr an den anderen Autorenmobilen vorbeiziehen. Nach zwei Tagen Bachmannpreis-Wettbewerb und zehn Lesungen bestätigt sich allerdings der Eindruck, dass diese Veranstaltung technisch gut gemachte, aber nicht zwingende Texte hervorbringt, die der Jury viel Raum für Eigeninterpretationen lassen.

Der zweite Tag begann so, wie der erste geendet hatte: mit einem Text über verschwundene Traditionen, dem Wundgeriebensein von der Welt und einer unsicheren Zukunft. Allerdings wurde der Text Cave Canem des Wiener Autors Thomas Ballhausen, der den zweiten Tag eröffnete, von der siebenköpfigen Jury mehrheitlich abgelehnt. Dem Beitrag, der mit dem schweifenden Blick eines Erzählers von einem Turm in die Ebene anhebt, wurde zwar spielerisches Potenzial (es spielt auch das Tarotspiel eine Rolle) zugesprochen, letztendlich attestierte die Jury dem Text aber Geheimnislosigkeit und das Scheitern an der Verknüpfung einer vermeintlich (medial) transparenten Welt mit einer antikisierten Vergangenheit.

Max Scharnigg schloss in der zweiten Lesung die Erstbesteigung der Eigernordwand mit Treppensteigen und einem aus Welt und Beziehung ausgesperrten Mann kurz, und Judith Zanders lethargische Erzählerin steht in Dinge, die man heute sagt eine ungewollte Schwangerschaft in der DDR durch.

Viel zu reden gab Aleks Scholz‘ Erzählung Google Earth, die gleichsam aus dem All in einen deutschen Vorgarten zoomt, in dem sich Eigenartiges ereignet, das schließlich in der Selbstkompostierung eines Mannes endet. Die Jury war nicht nur beeindruckt vom Umgehen des Autors, eines promovierten Astronomen, mit Zeit, Raum und Erzählperspektive, mehrmals fiel auch das Wort "makellos".

Rein auf Skandalisierung war dann der Beitrag des zweiten Österreichers, Josef Kleindienst, angelegt. In seinem kolportagehaften, expliziten, mit jeder Menge sexueller und psychischer Gewalt gespickten Text Ausflug gerät ein weibliches Opfer in die Fänge eines männlichen Täters, dem sie Geld schuldet. Zwar wurden in der Jurydiskussion Vorwürfe wie Voyeurismus und Gewaltpornografie laut, schlussendlich wurde aber dieser letzte Text des zweiten Tages müde durchgewinkt. Nachdem schon in Ballhausens Beitrag eine Bettszene von Juror Alain Claude Sulzer wohlwollend vermerkt worden war, setzte Kleindienst dann mit der Schilderung von erzwungenem Oralverkehr dem Spektakel gegen 15 Uhr ein Ende.

Morgen gehen hier die letzten vier Lesungen über die Bühne. Mit Spannung erwartet wird noch die österreichische Autorin Verena Rossbacher, die bei der Auslosung den undankbaren letzten Leseplatz zog. Und die Favoriten? Bisher Dorothee Elmiger und Aleks Scholz - und das ganz ohne Sex. Dieser sei, so der Juryvorsitzende Burkhard Spinnen, immer eine Nagelprobe - nicht nur in der Literatur. Vielleicht aber ist Sex als literarisches Thema einfach auch nur überschätzt. (Stefan Gmünder, DER STANDARD/Printausgabe, 26./27.06.2010)

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