Schulfrei wegen des Almauftriebs

25. Juni 2010, 17:51
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Das Land Tirol steht zu seinen Kleinstschulen - Bei weniger als drei Schülern entfällt der Unterricht

Innsbruck - "Wo ist mein Radiergummi?" , fragt die sechsjährige Valeria in der ersten Reihe bereits zum dritten Mal lautstark. Ihr Klassenlehrer Josef Eller geht zu ihr und gibt ihr den "Ratzi" ihrer Banknachbarin: "Sei nicht so streng mit dir selbst" , meint er. Valeria hat beim Übungsblatt über Schnecken das Wort "schleimig" in die falsche Lücke eingefügt. Jetzt radiert sie zufrieden herum.

Im Juni, gegen Semesterende, könnten die vier Erstklassler schon gemeinsam mit den vier Zweitklasslern in Sachunterricht unterrichtet werden, sagt der Volkschullehrer und Direktor der einklassigen Volksschule Gschnitz, Josef Eller.

Von seiner kleinen Schule ist er begeistert. Es gebe etwa "kaum Schulweg" für die insgesamt 14 Kinder des 425-Einwohner-Ortes am hinteren Ende des Gschnitztales. "Die gemeinsame Volksschule ist auch gut für die Identität einer Gemeinde - ebenso wie die Kirche, die Musikkapelle oder die Feuerwehr."

Die 14 Gschnitzer Kinder zwischen sechs und zehn Jahren werden in zwei Fächern geteilt, in Unter- und Oberstufe. Mathematik und Deutsch für die erste und zweite Schulstufe unterrichtet Martina Penz. Während Direktor Eller gleich im ersten Stock des Schulhauses direkt über den beiden Klassenzimmern wohnt, kommt Penz täglich rund 20 Kilometer aus Pfons. Seit drei Jahren ist sie Lehrerin in der Einklassenschule in Gschnitz. "Am Anfang dachte ich, das schaffe ich nie, mehrere Schulstufen gleichzeitig zu unterrichten" , sagt Penz. Mittlerweile kann sie sich nichts anderes mehr vorstellen.

Sie schwört auf den "Wochenplan" . Dadurch würden die Schulkinder zu "mehr Selbstständigkeit" erzogen, schon in der Volksschule. "Während ich den Zweitklasslern Multiplizieren erkläre, machen die Erstklassler Stillarbeit und bekommen trotzdem schon ein bisschen von den Malreihen mit" , erklärt die Lehrerin. Gerade in Mathematik sei es nicht schlecht, wenn der Stoff von den Kindern mehr als einmal gehört werde.

Das Land Tirol steht per Landtagsbeschluss zu seinen Einklassenschulen. Für die zuständige Landesrätin Beate Palfrader (ÖVP) gehört "in jedes Dorf auch eine Schule" . Bei weniger als drei Kindern wird die Schule aber zugesperrt. Vier Tiroler Volksschulen erreichen diese Schülerzahl im Schuljahr 2010/11 nicht mehr. Gefährdet sind weitere fünf der insgesamt 18 Kleinstschulen.

Reinhold Wöll, zuständig für die Kleinstschulen im Landesschulrat, war selbst Volksschullehrer. "Die Schüler lernen in diesen kleinen Schulen viel voneinander." Spezielle Lehrerausbildung für Kleinstschulunterricht gebe es nicht: "Abteilungsunterricht" müsse von den Lehrern "gekonnt werden" wie "Integration" auch. Von Burnout unter Lehrern in Kleinstschulen hat Wöll noch nie gehört: "Es braucht aber sicher eine gewisse Robustheit. Die Kinder bringen nicht jeden Tag ein Geschenk mit in die Schule."

Beim Sachunterricht in Gschnitz wechselt Direktor Eller unterdessen von der Schnecke im Lehrplan der Unterstufe zur Topografie des Wipptales für die Oberstufe. Die beiden Viertklassler sitzen hinten im Klassenzimmer am Computer und googeln Informationen über Tiroler Städte. Einer der Drittklassler, Alexander, muss noch Wappen nachmalen. "Er hatte gestern frei wegen eines Almauftriebs" , erklärt Eller.(Verena Langegger/DER STANDARD, 26.6.2010)

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