Die kindliche Neugier zum Kribbeln bringen

25. Juni 2010, 17:39
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"Na also, es geht doch!" - mit engagierten und couragierten Lehrerinnen und Lehrern

Graz - Natürlich möchte ich, dass sich in den österreichischen Schulen etwas bewegt, dass die Chancengleichheit der Kinder steigt und ihnen beim Unterricht nicht das Hirn einschläft, sondern ihre Neugier zu kribbeln beginnt. Ich wünsche mir, dass sie gefördert und gefordert werden, dass man sie nicht für blöd hält oder mit Stoff vollstopft, zu dem die Anschauung fehlt und der bloß ihre Merkfähigkeit verrümpelt, während die wichtigen Dinge, die man sich nicht einfach runterladen kann, gar nicht vorkommen.

Trotzdem wird man um couragierte, engagierte LehrerInnen nicht herumkommen, wenn die Schule anders werden soll. Und manchmal gibt es sie schon, diese andere Schule, zumindest bilde ich mir ein, sie schon ein paar Mal geortet zu haben. Zuletzt in Graz, am Rosenberggürtel. Die Afritsch-Volksschule mit ihrer Lehrerin, Frau Dr. Riederer, und deren Literaturprojekt für die 4. Klasse.

Die Steiermark als Unterrichtsschwerpunkt im Sachunterricht soll flächenübergreifend mit Deutsch von den Kindern literarisch erfahren werden. Geplant sind im Laufe eines Schuljahres sechs Lesereisen zu sechs verschiedenen DichterInnen in der Steiermark, heißt es in der Projektbeschreibung. Zuerst wurden die Kinder entsprechend vorbereitet, dann fuhren sie von Alpl bis zum Apfelland, vom Erzberg bis nach Stainz sowie von St. Ulrich im Greith bis nach Altaussee, ja, und in Graz besuchten sie die Landesbibliothek.

Sie waren mit zwei Lehrerinnen unterwegs, eine davon eine Integrationslehrerin, die auch die Gebärdensprache beherrscht, und Müttern, die gerade Zeit hatten. Im Literaturmuseum Altaussee waren sie zuletzt, diese zwanzig zehnjährigen Kinder. Aufgeweckt, konzentrationsfähig und hervorragende FragerInnen.

Ein taubstummer Bub möchte wissen, ob ich eine Beziehung zu Schnecken habe, da ich einen Ring trage, der entfernt an eine Schnirkelschnecke erinnert. Eine kleine, ernsthafte Türkin will nicht glauben, dass ich ihre Sprache spreche, sie wird dann gebeten, für die Klasse zu übersetzen, was wir geredet haben. Eine kleine Poetin möchte Kinderbuchautorin werden usw. usf. Ich habe schon lange keinen so vergnüglichen Nachmittag in so intelligenter Gesellschaft verbracht.

Am ersten Juli treffen wir uns alle im Literaturhaus in Graz, die Kinder, die AutorInnen, die LehrerInnen. Dann werden die Kinder vorlesen, was ihnen zu unserer Literatur und zu der Gegend, in der wir wohnen, eingefallen ist.

Na also, es geht doch! (Barbara Frischmuth/DER STANDARD Printausgabe, 26.6.2010)

Barbara Frischmuth (68) lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin für Türkisch und Ungarisch in Altaussee.

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