"Wir haben heute eine Kultur des Stoffbewältigens"

25. Juni 2010, 17:07
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Werner Specht, Leiter des Zentrums für Bildungsforschung Graz, über eine neue Kultur des Lehrens und Lernens durch Standards, die "wichtigste Prüfung" in der Schule und die Vermessung der Schüler

STANDARD: Zwei der wichtigsten Schulreformen sind Bildungsstandards und Zentralmatura. Fangen wir mit den Standards an. Wie werden sie die Schule verändern?

Specht: Sie können sehr viel zu einer neuen Kultur des Lehrens und Lernens beitragen. Bis jetzt war die Predigt landauf, landab: guter Unterricht ist Abgehen von Frontalunterricht, ist innere Differenzierung, ist Individualisierung, selbstständiges Lernen usw. Das ist sicher wichtig, nur häufig wird dabei verschwiegen, dass damit ungemein hohe Anforderungen an die Lehrenden gestellt werden und man dabei auch viel falsch machen kann. Es ist Zeit zu fragen, mit welchen Lehr- und Lernformen man was bei welchen Schülern erreicht. Bildungsstandards können nützlich sein, Licht in diese Frage zu bringen.

STANDARD: Was wird durch Standards anders für die Lehrenden?

Specht: Bildungsstandards konfrontieren die Lehrenden mit wichtigen Zielen des Unterrichts, das heißt, sie stellen Kompetenzen in den Vordergrund, die Schüler erwerben sollen. Dann wird gemessen, ob und inwiefern die Schüler diese Ziele auch erreichen, und letztlich bekommen die Lehrkräfte Rückmeldung darüber, ob und inwiefern sie bei der Vermittlung der notwendigen Kompetenzen tatsächlich erfolgreich gewesen sind. Das ist ein sehr wichtiger Punkt, dass der Unterricht in Zukunft sehr stark durch Rückmeldungen über Erfolg und Misserfolg gesteuert werden wird.

STANDARD: In der Lehrerschaft gibt es aber auch Angst vor den Standards. Immerhin geben sie ja auch Auskunft darüber, wie erfolgreich der eigene Unterricht war.

Specht: Da bestehen zweifellos Ängste, auch angesichts der Möglichkeit, dass die Ergebnisse der Bildungsstandardtestung für Schul-Rankings genutzt werden könnten. Kritisiert wird allerdings auch die einseitige Betonung von Fachleistungen, und natürlich bestehen auch Ängste, dass es nicht so sehr um die Qualität des Unterrichts, sondern um eine stärkere Kontrolle der Lehrer geht. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig, denn die primäre Funktion der Standards liegt wirklich in der Qualitätsentwicklung.

STANDARD: Sie leiten das Forschungsprojekt "Bildungsstandards und Unterrichtskultur" . Welche Kultur herrscht denn derzeit im österreichischen Schulsystem vor?

Specht: Wir haben im Augenblick eine Kultur des Stoffbewältigens, wo die Lehrbücher den Lehrern quasi das Pensum vorgeben, wobei dies mehr oder weniger als Frontalunterricht und Paukunterricht durchgenommen wird. Ich will das nicht generalisieren, aber wir haben noch viel zu viel davon. Davon wollen wir weg. Guter Unterricht ist innere Differenzierung, Individualisierung, selbsttätiges Lernen der Kinder, Projekte, angeleitete Freiarbeit, Beteiligung der Schüler am eigenen Lernprozess. Wobei es eben wichtig ist, nicht nur die Methoden und Prozesse zu sehen. Der Sinn von Standards ist, zu schauen, was eigentlich tatsächlich dabei herauskommt.

STANDARD: Was kommt denn heraus, wenn die Bildungsstandards keine Konsequenzen haben für Lehrer, die sie konsequent nicht erreichen oder schlechter als andere?

Specht: Die wichtigste Konsequenz muss sein, den Lehrerinnen und Lehrern Rückmeldungen zu geben, die Selbstreflexionsprozesse anregen, um sich selbst und die Qualität des eigenen Unterrichts besser einschätzen zu können. Ich halte nicht sehr viel davon, die Bildungsstandards jetzt vorschnell mit irgendwelchen Sanktionen zu verbinden.

STANDARD: Was ändert sich für die Schüler durch die Standards? Oder ist es nur ein Test mehr, den sie machen müssen?

Specht:Für die Lernenden ändert sich zunächst, dass die Lehrenden vermutlich einen etwas anderen Unterricht machen, wenn sie sich stark mit Bildungsstandards auseinandersetzen. Den Schülern wird aber auch klarer, was die wirklich zentralen Lernziele sind und worauf sie sich konzentrieren müssen.

STANDARD: Wenn die Bildungsstandards in Zukunft etabliert sind, ist die Unterscheidung in HS, NMS und AHS ja eigentlich obsolet, denn sie legen ja die allgemeingültigen Standards fest, egal, ob die Standards in einer Hauptschule oder einer AHS erbracht werden.

Specht: Die Standards sind gleich, aber sie können immer noch unterschiedlich gut realisiert werden. Insofern ist die Unterscheidung von AHS, Leistungsgruppen usw. durch die Bildungsstandards an sich nicht obsolet. Die Standards geben eine genauere Auskunft darüber, wie die Leistungen der Schülerinnen und Schüler sind, und helfen dadurch manches an subjektiven Fehlern zu korrigieren, die die Lehrer bei der Leistungsbeurteilung machen. Sie machen den Lehrern eine verbesserte Kalibrierung der eigenen Leistungsbeurteilung möglich.

STANDARD: Der höchste Bildungsstandard ist dann die Zentralmatura. Was erhofft man sich davon?

Specht:Die jetzige teilzentrale kompetenzorientierte Matura ist ein sinnvolles Projekt mit dem Ziel, die wichtigste Prüfung in unserem Schulsystem vergleichbar und aussagekräftig zu halten. Man tut den Gymnasien nichts Gutes, wenn sie sich in schwerere und leichtere Schulen unterscheiden lassen. Die Konsequenz ist, dass dann die abnehmenden Institutionen - die Unis, die Fachhochschulen und die Betriebe - den Zeugnissen nicht trauen und sich die Selektionsfunktion in die abnehmenden Institutionen verlagert, während die Bedeutung der Matura sukzessive abnimmt, wenn die Unterschiede zwischen den Schulen immer größer werden.

STANDARD: Manchmal gewinnt man den Eindruck, als ob es nur noch ums Messen und Vermessen der Schüler/-innen geht, und der Unterricht, das Kerngeschäft der Schule, kommt zu kurz.

Specht: Ich kann das ein Stück weit nachvollziehen, muss aber sagen, bis vor wenigen Jahren war die Messung von Qualität im Schulwesen der deutschsprachigen Länder noch völlig fremd. Man war der Meinung, dass die eigenen Schulsysteme zu den besten der Welt gehören und dass Qualität von Bildung sich dem technischen Zugriff von Messinstrumenten entzieht - und dann kam eben Pisa. Pisa hat beide Vorurteile widerlegt. Sowohl dass wir supergut sind, als auch, dass man wichtige Qualitätsdimensionen nicht messen könnte. Was man sehen muss, ist, dass praktisch mit allen Schulreformen - und das bezieht sich durchaus auch auf die Neue Mittelschule - immer ein Utopieüberschuss verbunden ist. Von vergleichsweise kleinen Interventionen erwartet man sich große Wirkungen auf sehr viele Dimensionen. Daher ist objektives Messen notwendig, auch um überschießende Erwartungen auf den Boden der Realität zu holen. Ich halte es allerdings für ein Hauptproblem der gegenwärtigen Messkultur, dass man sich zu sehr auf Fachleistungen konzentriert und Bereiche, die sich nicht so leicht messen lassen, zu kurz kommen.

STANDARD: Welche zum Beispiel?

Specht: Wir wissen, dass auch erzieherische Aufgaben in der Schule angesichts des Funktionsverlusts der Familie zunehmend an Bedeutung gewinnen. Heute kommt es auch darauf an, ob man in der Schule Selbstbewusstsein, Sozialkompetenz, Teamfähigkeit, Empathie, den Umgang mit Frustrationen, aber auch Demokratie lernen kann. Ich würde mir wünschen, dass längerfristig auch überfachliche Bildungsstandards kommen, anhand derer die Schule auch als Lern- und Lebensraum stärkere Berücksichtigung findet. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.6.2010)

Werner Specht (63) ist Senior Researcher am Bifie-Zentrum Graz (Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens). Von 2003 bis 2005 war der Erziehungswissenschafter Mitglied der von der damaligen Ministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) installierten Zukunftskommission.

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