Von Gänserichen, Kirschjägern und anderen Spracherfahrungen

25. Juni 2010, 16:51
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Jedes Land sollte Schulunterricht auch in den Sprachen der Nachbarländer abhalten: Fazit aus einer schulischen Karriere in der ehemaligen Tschechoslowakei und in Österreich

Wien - Als sich meine Eltern entschlossen, der Tschechoslowakei den Rücken zu kehren, ergo dem kommunistischen System, bedeutete dies für mich zunächst eines - ich konnte nicht mehr in Brno zur Schule gehen und musste mich mit dem österreichischen Schulsystem und dem Deutschen anfreunden. Eines kann ich heute allerdings mit Gewissheit sagen - meine frühe (und intensive) Auseinandersetzung mit zwei so unterschiedlichen Sprachen in der Grund- bzw. Volksschule führte zu einem sensiblen Umgang mit Worten, Inhalten und Kulturen.

Haf haf, wuff wuff

Nicht zuletzt bin ich davon überzeugt, dass mich diese Prägung heute dazu befähigt, als Schriftsteller zu arbeiten (als Übersetzer ohnedies). Kurioserweise waren meine ersten deutschen Worte nachweislich Tierlaute: Eine meiner ersten schulischen Aufgaben war es, ein tschechisches "haf haf" (so bellt nämlich der Hund) ins Deutsche zu übertragen, was mir immerhin gelang: "wau wau" oder "wuff wuff" .

In der tschechoslowakischen Schule war es üblich, dass man - ob man wollte oder nicht - ein "Pionier" zu werden hatte, Mitglied einer kommunistischen Jugendorganisation, einer "Kaderschmiede" künftiger Politwichtigtuer. Im "niedersten Rang" bedeutete das, dass man als "Fünkchen" anzuheuern hatte; und ja, auch ich war so ein "Fünkchen" , das offenbar, im Sinne der Erfinder, nicht "zündete" . Ich erwähne das, da mir in der österreichischen Schule sofort nahegelegt wurde (selbstverständlich unter ganz anderen Vorzeichen), den Pfadfindern beizutreten.

In der tschechoslowakischen Schule gab es ein prägendes Motiv - Gustáv Husák, den Präsidenten des Landes. 1975 bis 1989 schien er mir auf Fotos nahezu allgegenwärtig. Ein, wie ich schon damals befand, selbstherrlicher Mann mit Brille, der mit strengem Blick nach mir schaute und immerzu mahnte: Schön brav sein, junger Mann! Bleibt zu erwähnen, dass ich mit "Husák" immerzu auch ein anderes tschechisches Wort verband: "husa" . Was "Gans" bedeutet. Ein "Husák" war also eine Art selbstverliebter Gänserich von Moskaus Gnaden.

Als österreichischer Schüler sollte ich später immerhin höchstpersönlich dem Präsidenten begegnen, Herrn Kirchschläger, den ich damals - aufgrund einer akustischen Fehleinschätzung - falsch aussprach: "Kirschjäger" . Ich habe mir tatsächlich vorgestellt, dass dies wohl ein Mann sein muss, der Kirschen ganz besonders gern mag und dass Österreich wohl reich an Kirschbäumen sein müsse.

Als ich noch in der Tschechoslowakei zur Schule ging, sammelte ich Briefmarken. Meine schönsten Exemplare (weil ganz besonders bunt) stammten aus der Mongolei. Ob aber die Mongolei überhaupt kommunistisch war, das wusste ich damals nicht. Das Schulsystem der heutigen Mongolei, so viel konnte ich in Erfahrung bringen, kommt ohne Schulgebühren aus, und 70 Prozent der Studenten an mongolischen Hochschulen sind junge Frauen.

Das gekrönte Werk

Und noch ein exotisches Bildungssystem, das ich auf einer meiner Reisen kennenlernen durfte: Auf den Seychellen ist es üblich, den gesamten Unterricht in mindestens drei Sprachen abzuhalten (Kreol, Englisch, Französisch) - und wer später studieren möchte, muss dies im Ausland tun. Der Staat übernimmt hierbei die Kosten, wenn man nach seiner Ausbildung zwei Jahre lang für die Regierung arbeitet ... Da kann man nur neidlos den Wahlspruch der Seychellen zitieren: "Der Abschluss krönt das Werk."

Um einer gewissen Salzburger (katholischen) Privatschule meine Meinung auszurichten: Zweifellos ist der Deutscherwerb eine integrative Maßnahme, kein Fremdsprachenbevorzugter (vormals "Ausländer" ), der halbwegs bei Trost und in der Lage ist, freie Entscheidungen zu treffen, wird es ablehnen, Deutsch zu lernen.

Ebenso deutlich sollte gesagt werden, dass integrative Maßnahmen auch einen Fremdsprachenerwerb seitens der österreichischen LehrerInnen und SchülerInnen beinhalten dürfen - und damit meine ich keine Englisch- oder Französischkenntnisse, da ich annehme, dass keine Engländer und Franzosen eine Privatschule im Pongau besuchen. Dass man sich - rein kommunikativ - keinesfalls permanent in einer Sprache unterhält, wenn andere zugegen sind, die diese Sprache nicht beherrschen, liegt auf der Hand, das gebietet die Höflichkeit.

Ein Fazit meiner Erinnerungen: Ein gutes Bildungssystem muss die Ausbildung der Frauen fördern, eine Befürwortung von Mehrsprachigkeit ist eine Selbstverständlichkeit - unterschiedlichste Fächer gehören in verschiedenen Sprachen gelehrt, am besten schon ab dem sechsten, siebenten Lebensjahr.

Es wäre sinnvoll, diesen Unterricht etwa in den Sprachen seiner Nachbarn abzuhalten; in Österreich z. B. auf Italienisch, Tschechisch, Ungarisch. Dies wäre eine "echte integrative Maßnahme" , denn nur wenn ich die Sprachen meiner Nachbarn teile, bin ich befähigt, sie zu "begreifen" . Übersetzer vermitteln weitaus mehr als Inhalte - sie sind erst die Garanten für ein Gespräch. Erst das Übersetzen erschließt uns neue Sprachwelten, die zugleich eine andere "Ding-, Um- und Innenwelt" repräsentieren. Indem wir uns schon in der Schule mit anderen Sprachen (und Kulturen) auseinandersetzen, "gezwungen" sind, im alltäglichen Gebrauch vor Ort zu "übersetzen" , sind wir später auch viel leichter in der Lage, uns das Wissen und die Erfahrungen anderer anzueignen.

Und wissen Sie, warum es überhaupt so viele z. B. Buchübersetzungen aus und in andere Sprachen gibt? Weil man schließlich die Originale bewundert! (Michael Stavaric/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.6.2010)

  • Michael Stavaric (38), österreichisch-tschechischer Schriftsteller und 
Übersetzer. Sein 
Roman "Terminifera"  erschien 2009.
    foto: heribert corn

    Michael Stavaric (38), österreichisch-tschechischer Schriftsteller und Übersetzer. Sein Roman "Terminifera" erschien 2009.

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