STANDARD-Umfrage

79 Prozent sagen: Talente bleiben in den Schulen ungenutzt

25. Juni 2010, 16:54

63 Prozent gehen davon aus, dass an unseren Schulen wesentliche Bildungsziele verfehlt werden - 79 Prozent meinen, dass Talente und Fähigkeiten der Schüler übersehen werden

Auf den ersten Blick sieht das Urteil der Österreicher über unser Schulsystem gar nicht so schlecht aus: 47 Prozent halten es für gleich gut wie das anderer EU-Länder, 13 Prozent für besser. Besonders jene, die selbst noch in Ausbildung stehen oder Schule und Studium erst in den letzten Jahren abgeschlossen haben, geben der österreichischen Schule gute Noten - die schlechteste Einschätzung kommt von jenen, deren Ausbildung schon mehr als 25 Jahre zurückliegt. Im EU-Vergleich stehen unsere Schulen also gut da, auch wenn 28 Prozent sagen, dass es anderswo besser wäre.

Bei näherem Nachfragen zerbröselt das Bild von der guten Schule aber.

der Standard ließ 500 repräsentativ ausgewählte Menschen über 16 durch das Linzer Market-Institut fragen: "Wird heute an den Schulen im Wesentlichen die richtige Bildung vermittelt, oder werden wesentliche Bildungsziele vernachlässigt?" Und da kommt es dick: 63 Prozent sagen, dass wesentliche Bildungsziele vernachlässigt würden, nur 26 Prozent meinen, dass an den Schulen die richtige Bildung vermittelt würde. Eltern mit schulpflichtigen Kindern im Haushalt urteilen zwar etwas milder, sind aber auch mehrheitlich der Meinung, dass Wesentliches vernachlässigt würde.

Was das sein könnte, wurde von Market in einer Liste abgefragt:

  • 65 Prozent meinen, dass an unseren Schulen mehr Wert auf Naturwissenschaften und Technik gelegt werden sollte - wobei den konkreten Schulfächern, die die Grundlagen vermitteln sollen, deutlich weniger Gewicht gegeben wird. Nur 45 Prozent würden der Physik mehr Raum geben (43 Prozent sagen, darauf solle weniger Wert gelegt werden), bei der Chemie sind sogar nur 41 Prozent für eine Ausweitung, aber 47 für einen geringeren Wert. Auffallend ist, dass die Chemie besonders von den Schülern und Studenten selbst besonders schlechte Noten bekommt. Biologie und Umweltkunde erfreuen sich dagegen hoher Wertschätzung: 71 Prozent meinen, die Schule sollte da mehr vermitteln, jedem vierten Befragten ist es schon zu viel.
  • Einen Spitzenplatz im Bildungskanon nehmen Informatik und Computer ein: 91 Prozent sind für eine Aufwertung dieses Wissensgebietes. Die zugrunde liegende Mathematik interessiert schon etwas weniger: 80Prozent wünschen sie aufgewertet, 16Prozent meinen, man käme mit weniger Mathematik auch durch. Auch hier sind es wieder die Schüler und Studenten, die besonders matheskeptisch sind. Wirtschaftskunde wird von 74 Prozent für besonders wichtig gehalten - und hier sind die noch in Ausbildung stehenden Befragten wieder besonders dabei.
  • Der Komplex der Sprachausbildung wurde sehr differenziert abgefragt: Absoluter Spitzenreiter mit 92 Prozent, die mehr Wert darauf legen würden, sind die internationalen Sprachen wie Englisch, Französisch oder Spanisch. In scharfem Kontrast dazu steht die Einschätzung der Sprachen unserer östlichen Nachbarländer: Auf Tschechisch, Ungarisch oder Slowenisch würden 46 Prozent eher weniger Wert legen, nur 44 Prozent würden diese Sprachen aufwerten. Noch schlechter steht es um die eher als exotisch angesehenen Sprachen Japanisch, Chinesisch und Arabisch sowie die alten Sprachen Latein und Altgriechisch, die jeweils nur von elf Prozent für bedeutsam gehalten werden. Zum Vergleich: Die deutsche Sprache wollen 87 Prozent aufgewertet wissen.
  • Kunsterziehung (31 Prozent für Aufwertung, 56 Prozent für Abwertung), Religion und Ethik (34 Aufwertung, 58 Abwertung) und Philosophie (25:58) genießen offenbar wenig Ansehen. Dagegen wollen 65Prozent Politische Bildung und Geschichte aufwerten, 61 Prozent die Sexualkunde und 51 Prozent die Medienkunde.

Klar ist das Urteil, dass die Schule auf die Kinder zu wenig eingeht. Nur 18Prozent sagen, dass die meisten Talente gefördert werden, 79 Prozent meinen, dass viele Talente ungenutzt blieben.

Ob das mit falschen Schullaufbahnen zusammenhängt? Unter Vermeidung des polarisierenden Begriffs Gesamtschule ließ der Standard fragen, wann denn die erste wichtige Entscheidung der Schullaufbahn fallen sollte. Quer durch alle Bevölkerungsgruppen sagt nur jeder Zehnte, dass das mit zehn Jahren nach der Volksschule passieren sollte. 67 Prozent halten 14 Jahre für richtig, und 23 Prozent meinen, dass man erst mit 18, im Maturaalter, eine Entscheidung fällen sollte. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.Juni 2010)

 

Kommentar posten
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patmos
01

Wissenschaftliche Studien der Kronenzeitung und von 8 Millionen Bildungsexperten beweisen es:
De Lehra san schuid!

f.j.neffe
 
00
Im Unterrichtsvollzug stören Talente nur

Talente sind Geistes- und Seelenkräfte, also FEINE Kräfte. Für die ist der übliche DRUCK der Pädagogik viel zu GROB. Talente sind KRÄFTE; in der Ich-kann-Schule bewegt man sie nach demSOG-Prinzip, d.h. man lässt sich was einfallen, was ZIEHT.
Talente brauchen einen SOUVERTÄNEN Umgang mit ihnen. Wer ist in unseren Unterrichtsvollzugsanstalten schon SOUVERÄN?
Ich grüße souverän.
Franz Josef Neffe

oblomow II
01
28.6.2010, 09:48
mein großvater sagte immer ...

... 60% sind zu 100% deppad ...

feldstudie, die wahre empirie

Feles
03
28.6.2010, 09:17
diese Studie sagt nix aus

über die Qualität des österreichischen Schulsystems, sondern gibt nur über dessen Ruf Auskunft.

standardabweichung
00
28.6.2010, 08:44

es wäre schon hilfreich wenn die schülerInnen nach einer zweimonatigen eingangsphase ihr lehrpersonal selbst wählen dürften. das absurde lotteriespiel jedes jahr neue pädagogInnen vorgesetzt zu bekommen konterkariert jedweden bildungsansatz

Fritz Meyer
12
27.6.2010, 20:44
Der Sinn und Zweck der Schulen war auch nie die Talentförderung.


Sondern das Heranzüchten gehorsamer Untertanen.

Und in den meisten europäischen Ländern hat sich an dieser "Grundfunktion" bislang nichts wesentlich geändert. Eher im Gegenteil.

Fritz Meyer.

Karl Ali Mustafa
02
27.6.2010, 13:31
Wir müssen brauchen neue Fusbahlschüle sonst nix werden weltmeister

Martin Wöber
03
27.6.2010, 12:04
Suggestiv und nona


Was soll denn anderes bei so einer Umfrage herauskommen als schwachsinnige Analysen und Schuldzuweisungen, die genau diejenigen herabsetzen, die sich am meisten für unsere Kinder einsetzen?

Außerdem ist Talenteentfaltung, Wissenserwerb und Kompetenzerwerb mit anstrengender, konsequenter Anstrengung für alle Beteiligten verbunden und mit Passivität, Faulheit, Verwöhntheit, Desinteresse und Sucht nach den Produkten unserer Unterhaltungsindustrie schlichtweg inkompatibel.

Karl Ali Mustafa
10
27.6.2010, 13:36
Falsch. Geben kinder vil schokolade dan beser lernen

Rich. Hengstenberg's kalif. Walnuss Essig
01
27.6.2010, 11:40
Das zeigt schon ziemlich klar die Verprollung Österreichs

Sprachen, Kunst, Philosophie, Mathematik, alles unnötig und viel zu viel. Nein, "Wirtschaftskunde" und "Politik" brauchen unsere Schüler. Man schämt sich für so ein Volk, es ist zum Speiben!

bulversteher
211
27.6.2010, 08:32

es gibt intelligente erwachsene, es gibt stockbloede erwachsene.

es gibt intelligente kinder, es gibt stockbloede kinder.

solange das nicht akzeptiert wird und krampfhaft alle kinder ueber einen kamm geschoren werden, werden weiterhin auch die intelligenten verbloeden und somit alle gemeinsam fuer ein mehr als unterdurchschnittliches niveau sorgen.

was hat man davon, wenn ALLE matura und studium haben, die schwierigste frage waehrend der ausbildung aber war: wieviel ist 3*2?

richtig: das resultat ist ein volk von idioten. siehe usa. regieren tun die 1% privatschul- und eliteunimillionaere. wollen wir das?

Faxedideldei
31
27.6.2010, 10:54

tut mir leid, ich musste Dir "rot" geben, die Versuchung war nach den dargebotenen zu groß..;)

Faxedideldei
00
27.6.2010, 07:51
Klar ist das Urteil, dass die Schule auf die Kinder zu wenig..

ein klares Urteil ..das weniger klare Definition mit sich bringt. Und wieder scheint der Begriff "Talent" damit gemeint zu sein, ob da wohl Persönlichkeit verschwiegen wird?

schon eher blunzenfett im kornfeld
31
27.6.2010, 07:35

nach der frage an unsere literaturgeschichte-verliebte deutsch-professorin frau dr. sowieso, wer denn jetzt eigentlich festlegt, was allgemeinbildung ist, ist mein notenschnitt von 3 (über 12 jahre) auf 4,5 gesprungen.
meine art mich auszudrücken war plötzlich ganz, ganz schlimm.
solche fragen waren echt nicht beliebt.

torch
 
10
27.6.2010, 11:55

Das Problem war, dass echtes Interesse stets als Störfaktor gewertet wurde, da es nicht in das Schema passt(e).

schon eher blunzenfett im kornfeld
21
27.6.2010, 14:13

ich wollte echt nur wissen, warum wir nicht mit gleichem druck lernen, wie man brot bäckt, kinder erzieht usw. ...

gut, ich wollte auch ein wenig an ihrem sockel rütteln. sie war in ihrem fach eine kanone - aber sonst nicht lebensfähig. ein fachidiot, wie man so schön sagt.
sie wollte uns vermitteln, dass es die wichtigste sache der welt ist, zu wissen, wann wer welches buch geschrieben hat.
nicht dass literaturgeschichte unwichtig wäre, aber die gewichtung war mir unheimlich und hab ich als absolut engstirnig angesehen.
und engstirnigkeit erwarte ich mir nicht von meinem lehrer in einer höheren schule. man sollte es zumindest hinterfragen dürfen :-)

torch
 
01
27.6.2010, 16:11

Da hatte ich viel mehr Glück, der Deutschunterricht war anregend, ich selbst nicht sonderlich interessiert - die Welle des Lesens kam erst während des Studiums, als Ausgleich zu einer anderen Disziplin.

Es wurde die Basis gelegt, wie lasen (ich mit Begeisterung Boll, Borchert, ... also durchaus nicht gängige klassische Literatur). Ich hatte leider keine Gelegenheit mehr diesem klassen Lehrer meinen Dank mitzuteilen, dass er mir die Basis des Verständnisses für auch aktuelle zeitgenössische Literatur auf meinen Lebensweg ganz ohne Druck mitgegeben hat.

Die nächste Sternstunde war der Wendelin, unvermeidbar, da mich der Doderer sehr interessierte.

Wie gut es mir ging, wenn ich Ihre Zeilen lese. Und das habe ich mir bis heute bewahrt

Ich gebs zu
09
27.6.2010, 01:07
70% der Österreicher halten die "Krone" für eine gute Zeitung,

HC für einen anständigen Menschen.

Soviel zu Mehrheitsmeinungen.

mein Deutschprofessor
00
27.6.2010, 22:52

ne ganz dumme frage, oder ne ganz dumme feststellung: soviel zur demokratie.?.?

Ich gebs zu
01
28.6.2010, 08:53
Wer glaubt, dass man Fakten durch Meinungsumfragen schaffen kann,

hat offensichtlich nicht verstanden, wie eine Demokratie funktioniert.

depp am huegel
02
27.6.2010, 00:17

diese umfragen kommen mir immer vor wie der publikumsjoker bei der millionenshow. nur die verantwortlichen politiker haben kein interesse an zurufen von draussen - die wählen immer und verlässlich lieber die falsche antwort :-(

Pi der Grieche
14
26.6.2010, 23:28
Kunst, Religion, Ethik, Philosophie? Vergiss es!

Wichtig sind Fakten Fakten Fakten!

"Mit Kunst kaun i ma nix kaufm!"
"Kunst ma ned an Zwanzger buagn?"

ella 14
00
30.6.2010, 20:27
...und der Turnunterricht

wird nicht erwaehnt, scheint voellig unwichtig zu sein...

Rich. Hengstenberg's kalif. Walnuss Essig
00
27.6.2010, 11:46

Ethik ist eh unnötig (und Religion was für ihre Angehörigen). In der Ablehnung von Kunst und Philosophie zeigt sich dagegen schon eher klar der Sünde Spur.

R. Lexer
00
27.6.2010, 15:45

Philosophie ist vor allem so ziemlich die einzige Gelegenheit, in der man in der Schule mal was zu methodischem Vorgehen in der Wissenschaft erfährt.

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