Längere Schulpflicht, neue Lehrerausbildung

25. Juni 2010, 16:34
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Vom Pisa-Debakel in die Spitzengruppe: Polen zieht aus jeder Studie Konsequenzen

Die Matura in Polen ist nicht einfach irgendeine Prüfung. Es ist "die" Prüfung überhaupt. Jahr für Jahr überträgt das Fernsehen die Bilder vom Beginn des Prüfungsmarathons: Hunderte von 18- und 19-Jährigen sitzen an Einzeltischen in riesigen Sälen. Konzentriert warten sie auf die Prüfungsbögen. Kein Scherz, kein Wort ist zu hören. Dann schließen sich die Türen, und ganz Polen zittert mit. Polens größte Tageszeitung, die Gazeta Wyborcza, publiziert jeweils die Prüfungsfragen und ihre Lösungen vom Vortag. Nach einer Woche ist die Matura vorbei. Dieses Mal war Mathematik zum ersten Mal wieder Pflichtfach.

Polen gilt als Bildungsaufsteiger. Die Pisa-Tests fallen von Mal zu Mal besser aus. In der Disziplin "Lesen und Verstehen" zählen Polens 15-Jährige inzwischen zur Spitzengruppe der ersten zehn von insgesamt rund 60 teilnehmenden Ländern. Schon 1999 - das drohende Debakel beim ersten Pisa-Durchlauf vor Augen - führte die damalige konservative Regierung unter Jerzy Buzek eine radikale Bildungsreform durch. Die Grundschule wurde von acht auf sechs Jahre verkürzt, dafür die Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr verlängert. Nach der Grundschule besuchen alle Schüler und Schülerinnen drei Jahre lang das Gymnasium, eine Art Mittelschule. Erst danach entscheiden sie sich für das ebenfalls dreijährige Lyzeum, das Technikum oder die Berufsschule. Die Folge der späten Trennung: Mehr als 70 Prozent eines Jahrgangs machen heute in Polen Matura.

Revolutioniert wurde aber nicht nur Polens Schulsystem, auch die Prüfungen wurden völlig neu gestaltet. Statt in einem Test das zuvor Auswendiggelernte einfach nur wiederzugeben, sollten die Kinder nun den durchgenommenen Schulstoff selbstständig anwenden. Problemlösen und Denken wurde wichtiger als das Abspulen von Wissen. Vorbild für die neuen Prüfungen in Polen wurden die Pisa-Fragebögen. Multiple-Choice-Fragen beispielsweise kannten viele Schüler an Polens Schulen bis 1999 gar nicht.

Inzwischen schreiben alle Schüler und Schülerinnen nach den ersten neun Schuljahren einen Test, dessen Ergebnis zwar nicht versetzungsrelevant ist, aber die weitere Schulkarriere bestimmt. Nur die besten Schüler und Schülerinnen können mit der Aufnahme in ein renommiertes Lyzeum rechnen. Viele polnische Eltern plündern ihr Bankkonto für Nachhilfestunden vor diesem ersten großen Test. In der Folge schaffen dann auch tatsächlich wesentlich mehr 14- und 15-Jährige als vor 2000 den Sprung ins Lyzeum und bestehen nach drei Jahren die Matura.

Polens Bildungsministerium analysiert die Pisa-Ergebnisse jeweils ganz genau und zieht praktische Konsequenzen. Als sich bei zwei Pisa-Tests hintereinander zeigte, dass die Mathematikleistungen der polnischen Schüler weit unter dem Durchschnitt der teilnehmenden OECD-Länder lagen, wurde Mathematik erneut zum Matura-Pflichtfach.

Fortbildungkurse ausgebucht

Da auch viele Lehrer befürchteten, dass ihre Schüler bei der Zentralmatura in Mathematik durchfallen könnten, meldeten sie sich für Fortbildungskurse an. Sie interessierten sich nicht nur für die Aufgaben, die in der neuen Matura zu bewältigen sein würden, sondern auch für neue Lehrmethoden. So war Mathematik bislang ein reines Theoriefach in Polens Schulen. Jetzt geht es verstärkt darum, mathematische Formeln auch im Alltag praktisch anzuwenden. Auch der jugendliche Spieltrieb und Entdeckergeist soll künftig zur Lösung einer Aufgabe führen.

Polens Erfolgsrezept heißt: Schule soll Spaß machen - Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern. So kam auch die Ausbildung der Lehrer auf den Prüfstand. An den Unis wurde das Studium für Lehramtskandidaten völlig umgekrempelt. Lehrern und Lehrerinnen wiederum, die bereits seit Jahren unterrichten, wurde ein attraktives Fortbildungsangebot gemacht. Die Kurse sind regelmäßig ausgebucht. (Gabriele Lesser aus Warschau/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.6.2010)

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