Pisa hat als Reizwort ausgedient

25. Juni 2010, 16:32
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Dänen reagierten mit nationalem Bildungskompromiss

Das Akronym Pisa hat sich in vielen Ländern zum Allzweck-Wortwerkzeug in der Diskussion um das jeweilige Bildungssystem entwickelt. Während es in Ländern wie Deutschland und später auch in Österreich Reform-Befürwortern als Angriffsmittel diente und auf der anderen Seite Bildungsverantwortliche eine Art Anti-Pisa-Reflex entwickelten, nähten sich Erfolgsländer wie Finnland "Pisa" quasi als Orden an: Sie nützten die Ergebnisse für eine effektive Imagekampagne - und als Argument gegen interne Kritiker, die Missstände wie die niedrigen Lehrerlöhne und den allgemein hohen und undifferenzierten Leistungsdruck kritisieren.

Einen alternativen Verlauf der Bildungsdebatte konnte man in Dänemark beobachten. Das skandinavische Land schnitt in den bisherigen Studien eher mittelmäßig ab. 2001 und 2007 lag Dänemark auf den Plätzen 16 und 18 nicht nur hinter jeweils fast allen nordeuropäischen Schwesternationen, sondern auch beispielsweise hinter Österreich.

Die liberal-konservative Regierung in Kopenhagen nahm sich bereits die ersten Resultate zum Anlass, im Jahr 2004 unter Einbindung der Opposition einen nationalen Bildungskompromiss auszuverhandeln. Darin wurden mehrere Reformen am dänischen Einheitsschulmodell ("Folkeskole" ) vorgenommen, darunter landesweit einheitliche Prüfungen, neue Prüfungsformen und ein neues Benotungssystem. Nach der im selben Jahr veröffentlichten Pisa-Studie wurden in Dänemark kritische Stimmen über die OECD-Erhebungsmethoden laut, weil bestimmte Aspekte wie soziale Kompetenz, die in dänischen Schulen traditionell stark gefördert wird, in den Studien kaum oder keinen Niederschlag fanden.

Seit der dritten Pisa-Studie 2007 verschwand das Wort Pisa in Dänemark sukzessive aus der öffentlichen Debatte. Heute ist es als mediales Reizwort "mausetot" , wie es eine dänische Journalistin unlängst drückte.

Das Thema Bildung steht dafür ganz oben auf der politischen Agenda. Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen gab in seiner Neujahrsrede 2010 das Ziel vor, die Folkeskole auf Weltklasse-Niveau zu bringen. Danach wurde eine unabhängige Kommission eingesetzt und durchs Land zu den Schulen geschickt. Diese legte vergangene Woche einen Katalog mit zehn Empfehlungen vor.

Die wichtigsten davon sind: Schließungen und Zusammenlegungen von bis zu 500 Schulen, Verschärfung der Anforderungen in der Lehrerausbildung, mehr individuelle Förderung von Schülern mit Lernschwierigkeiten, mehr Schulautonomie und mehr Gewicht auf Forschung. (Andreas Stangl aus Kopenhagen/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.6.2010)

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