Accessoires für eine beschwingte Zukunft

25. Juni 2010, 16:51
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Zwei in einer Grazer Sammlung von Sotheby's-Experten entdeckte Antiken bescherten den Besitzern jetzt ein beachtliches Vermögen

Vergesslichkeit und ein Quäntchen Schlamperei haben auch ihr Gutes. Aus Sicht von Besitzern eines Kunstwerkes bewahren sie - etwa im Falle einer Grazer Familie (siehe der Standard, "Der Torso in meiner Tür", 29. 5. 2010) - vor spontanen Fehlverkäufen.

Als man kürzlich bei Umbauarbeiten im Haus den vom Urgroßvater im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erworbenen Torso im Zwischenraum einer Doppeltür entdeckte, bahnte sich bezüglich der familiären Vermögensverhältnisse eine Wendung an - eine von sensationeller Beschaffenheit, die man zu jenem Zeitpunkt, als man den aus Wien angereisten Sotheby's-Mitarbeiter begrüßt, freilich noch nicht erahnen kann.

Der prachtvolle Marmortorso eines römischen Imperators (Augustus, Tiberius oder Claudius), datiert in die erste Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr., wird auf 800.000 bis 1,2 Millionen Dollar taxiert. Der vermeintliche Gipsabguss eines Figurentrios, den man eigentlich gar nicht zu verkaufen gedachte, wird bereits vor Ort als marmorne Satyr-Gruppe identifiziert. Recherchen von Florent Heintz, leitender Antikenexperten in New York, ergeben in weiterer Folge eine außergewöhnliche Provenienz: Es handelt sich um das erste und bislang einzige in der Antiken-Sammlung Lorenzo de' Medicis ("Il Magnifico" ) nachweisbare Exponat, für das Käufer zumindest zwischen 300.000 und 500.000 Dollar springen lassen müssten. Oder auch mehr, wie der Auktionsverlauf am 11. Juni zeigen sollte.

Verlegte Brille

Am Tag davor hatte Kontrahent Christie's mit seiner Antiken-Auswahl eine herbe Niederlage einstecken müssen. Mit einem Absatz von 64 Prozent nach Positionen und 66 Prozent nach Wert (Umsatz 8,69 Mio. Dollar / 7,24 Mio. Euro) blieb die Bilanz dort deutlich hinter den Erwartungen zurück, mutierte in der Geschichte des 1992 gegründeten Departments zu einer bitteren Pille für den selbsternannten Status eines Marktführers. Den höchsten Zuschlag erteilte man für einen 80 cm hohen Lampenfuß (1. Jh. v. Chr.) im Bereich der Taxen bei 1,14 Millionen Dollar.

Über diese Vorgabe setzte sich Sotheby's mit einem Tagesumsatzes von 17,5 Millionen Dollar (14,31 Mio. Euro), der die Erwartungen der hauseigenen Experten um mehr als das Dreifache übertraf, bravourös hinweg.

Um zwei Uhr nachmittags lokaler Zeit (MEZ 20.00 Uhr) beginnt am 11. Juni bei Sotheby's in New York die Auktion. Hermann N., Urenkel des Grazer Sammlers, verfolgte sie nebenbei übers Internet. Nein, aufgeregt sei er nicht gewesen. Seine Brille hatte er verlegt, weshalb er kaum zwischen den 100.000er- und Eine-Million-Gebotsschritten auf der Anzeigentafel unterscheiden konnte. Ja, das Bietgefecht für das vermeintliche Gipsensemble habe ihn dann schon sehr überrascht. Weit über der angesetzten Taxe fällt für Lot 29 bei netto drei Millionen (3,44 Mio. Dollar / 2,81 Mio. Euro) der Hammer - zugunsten eines anonymen Privatsammlers, wie später bekannt wird.

Noch spendabler gebärdeten sich die Interessenten aber bei Lot 37. Im Zuge von Crossmarketing-Maßnahmen hatte Sotheby's den Torso im Vorfeld gemeinsam mit den Stars der zeitgenössischen Kunstszene präsentiert. Mit Erfolg, unter den sieben Bietern im Saal und einem Tross von Telefonanwärtern sollen einige Antiken-Rookies gewesen sein. Erst bei netto 6,5 Millionen (7,36 Mio. Dollar / 6,02 Mio. Euro) nimmt das Gerangel dank eines anonymen Telefonbieters ein ruhmreiches Ende. Ob der Torso einem russischen Magnaten als Badezimmer-accessoire dient oder einen versierten Sammler erfreut, ist dem Urenkel einerlei.

Um 21.28 Uhr MEZ zählt die steirische Metropole jedenfalls fünf Millionäre mehr, die sich den Betrag, abzüglich Versteigerungsprovision und Fotokosten, von etwa 7,5 Millionen Euro teilen werden. Zu den Steinen, erzählt Hermann N., habe er mehr Beziehung gehabt als zu diesem neuen, kleinen Vermögen. Für die anderen vier Begünstigten kann er nicht sprechen, für ihn selbst wird sich nichts ändern: "Ich lebe, wie ich gelebt habe - vielleicht nur eine Spur leichter." (kron, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 26./27.06.2010)

  • Mehr als  sechs Millionen Euro bewilligte ein anonymer Bieter für 
diesen kaiserlichen Marmortorso (1. Jh. n. Chr.).
    foto: sotheby's

    Mehr als sechs Millionen Euro bewilligte ein anonymer Bieter für diesen kaiserlichen Marmortorso (1. Jh. n. Chr.).

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