Das Erschreckende an Frau F.

25. Juni 2010, 16:43
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"Frau Fekter" , habe ich geschrieben, "man kann nicht verlangen, dass ich ein Schreiben an Sie mit der Floskel ,Sehr geehrte‘ beginne."

"Das wäre Zynismus. Und der ist eher Ihre Sache als meine." Peter Henisch über Maria Fekter.

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Frau Fekter ins Bild zu rücken ist ein fragwürdiger Akt. Die vielen Zeichen auf dieser Seite sind ja meist Menschen gewidmet, denen sich die Autorinnen oder Autoren durch Sympathie verbunden fühlen. Menschen, die sie als Vorbilder schätzen, Menschen, die ihnen aufgrund ihrer Interessen oder ihres Engagements nahestehen, Menschen an die sie sich und andere gern erinnern. Gegebenenfalls auch merkwürdige Menschen, liebenswerte Käuze, sogenannte Originale.

Ein wenig ist diese Seite auch so etwas wie eine gedruckte Hall of Fame. Und wahrscheinlich sind viele der Persönlichkeiten, auf die hier aufmerksam gemacht wird, von den geistig und seelisch Verarmten in unserem Land sogenannte Gutmenschen. Was hat also die gegenwärtige (leider allzu gegenwärtige) Innenministerin hier zu suchen? Sie kommt in diese Nachbarschaft wie Pilatus ins Credo.

Ich würde lieber über wen anderen schreiben. Über Pfarrer Friedl zum Beispiel, der sich so tapfer für die Familie Zogaj einsetzt. Oder (wahrscheinlich hat das ja schon jemand anderer getan) über die unermüdliche Ute Bock. Oder über Di-Tutu Bukasa, der die Fußballmannschaft der Sans Papiers auf die Füße gestellt hat.

Aber ich habe mich mit Frau F. eingelassen. Bin mit ihr in eine Beziehung getreten. Das war vor zehn Tagen, da konnte ich einfach nicht anders. Ich habe mich aufgerafft und der Innenministerin geschrieben.

Anlass waren die Statements, die sie in Zusammenhang mit dem Erkenntnis des VGH von sich gegeben hat. Was ich daran unerträglich fand und finde ist eine ganz spezifische Hypokrisie und Verlogenheit. Frau Fekter, habe ich geschrieben, man kann nicht verlangen, dass ich ein Schreiben an Sie mit der Floskel ,Sehr geehrte‘ beginne. Das wäre Zynismus. Und der ist eher Ihre Sache als meine.

Schon wahr, das ist keine Anrede, die man als Ministerin gewöhnt ist. Und vielleicht leiten die Beamten, die im Innenministerium die Post sichten, E-Mails, die so unhöflich beginnen, gar nicht weiter. Und wenn doch, so hat die Ministerin wahrscheinlich ihrer Ansicht nach Wichtigeres zu tun, als die distanzlosen Zeilen eines irgendwo links irrlichternden Autors zu lesen. Bislang habe ich jedenfalls keine Antwort von ihr.

Nicht dass mich das überrascht. Ich kann damit leben. Andererseits möchte ich nichts verabsäumen. Auch um Frau Fekters willen. Ich will nichts unversucht lassen. Hier hätte sie noch Gelegenheit zu lesen, was ich ihr sagen wollte.

So eine Ministerin hat es ja wirklich nicht leicht. Schon an sich gehört die Leitung des Innenministeriums wahrscheinlich zum Unangenehmsten, was einem/einer in der Politik aufgebürdet werden kann. Es gibt traurige Beispiele in den letzten Jahrzehnten. Was ist mit Caspar Einem passiert, sobald er Innenminister war, und was hat Liesl Prokop mit sich geschehen lassen?

Man könnte sagen, die beiden sind tragisch gescheitert. Der eine, weil er nicht in Ehren zurückgetreten ist, als man ihn keine humanere Politik machen ließ, die andere, weil sie sich selbst vergeblich eingeredet hat, ohnehin eine humane Politik zu machen. Im Rahmen der Möglichkeiten. Das klingt gar nicht schlecht. Nur wurde dieser Rahmen leider sukzessive eingeengt.

Das Erschreckende an Frau F. ist, dass ihr die Rolle, die sie seit nunmehr zwei Jahren spielt, Spaß zu machen scheint. Sie fühlt sich nicht fehl am Platz, sondern gerade richtig. Ihre Augen glitzern, wenn sie wieder einmal einen ihrer unsäglichen Sager von sich gibt, ihr Mund lächelt. Seh ich das falsch, verzerrt? Ich bitte Sie, Frau Fekter, sagen Sie ein einziges Mal, dass Sie es nicht so meinen!

Ich bitte Sie, Frau Fekter

Sie sagt es nicht. Sie wird so etwas wohl nie sagen. Sie ist die eiserne Lady des Österreichischen Fremdenrechts. Und das ist streng und soll immer noch strenger werden. Des find i super, sagt der, wenn schon nicht von Natur aus, so durch permanente Boulevardmedien-Massage inzwischen ordentlich fremdenfeindliche Österreicher.

Natürlich sagt das auch die anständig fremdenfeindliche Österreicherin. Wenn es - sobald Frau F. den Vollzug der Mission Z. mit dem entsprechenden Stolz verkündet hat - womöglich Posters mit ihrem Porträt gibt, werden sie manche der Damen, deren munter gehässige Gespräche mir den Aufenthalt in Kaffeehäusern oder das Fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln verleiden, bestimmt daheim aufhängen. Vor dem Fekter-Poster können sie dann den Blick üben, mit dem man rehleinäugige Teenager austreibt. Manche schaffen es jetzt schon, so dreinzusehen wie ihre Ministerin.

Zuerst hat man eine Familie zerstört und die Psyche bis dahin intakter Personen zerrüttet, dann hat man sich heftig darum bemüht, die miesesten Instinkte einer Bevölkerung aufzustacheln, die, anders angesprochen, gewiss auch für andere Botschaften zugänglich wäre. Es gab einmal so etwas wie Gastrecht, es gab einmal so etwas wie Nächstenliebe, es gab einmal so etwas wie Solidarität. Aber klar: Um die Leute daran zu erinnern, muss man eine gewisse Courage gegen den Zeit-Ungeist aufbringen. Eine Courage, die unter unseren Politikern und Journalisten leider sehr selten geworden ist.

Frau Fekter könnte uns alle überraschen. Sie könnte ihrem Herzen einen Stoß geben und vom humanitären Bleiberecht Gebrauch machen. Immer noch, wie Verfassungsjuristen (siehe z. B. der Standard vom 16. 6.) bestätigen. Der Spruch des VGH sagt nichts anderes, als dass man die Zogajs aufgrund der geltenden Rechtslage abschieben dürfe, er sagt kein Wort davon, dass man sie abschieben muss.

Auch die vielen anderen, bestens in Österreich integrierten Familien, die weniger im Blickpunkt der Österreicher stehen als die Zogajs, muss man nicht abschieben. Bei manchen könnte man froh sein, dass sie da sind. Und es gibt ja auch gute Nachbarschaften, ganze Ortsgemeinschaften, die das manifestieren. Frau F. könnte das endlich zur Kenntnis nehmen.

Dass sie ihrem Herzen einen Stoß gibt, ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Mit Herz darf man einer wie ihr wohl nicht daherkommen. Das Herz ist ein schrecklich unzeitgemäßes Organ. Wo kämen wir denn hin, wenn sich zur Erhaltung von Recht und Ordnung eingesetzte Personen darauf besönnen?

Das geltende Recht, auch wenn es in diesem Fall vor allem als Rechtfertigung für ressentimentgesteuerte Rechthaberei benutzt wird, muss Recht bleiben. Alles, was Recht ist! In einem Land, in dem Lady F. Innenministerin ist, geschehen keine Wunder. Dazu ist sie nicht bestellt. Ganz im Gegenteil. Ich würde ihr trotzdem wünschen, dass sie ein Engel besucht und ihr was ins Ohr flüstert.

Maria, besinn dich!

Etwa dies: Mitzi! Ich bin gekommen, um dich an etwas zu erinnern. Ich sage dir das in deinem eigenen Interesse. Du gehörst doch einer Partei an, die sich immer noch, so peinlich das manchmal wirkt, auf christliche Werte beruft. Also, Maria, besinn dich, bevor es zu spät ist! Wenn es eine über die kleinlich dummen und bösen Verhältnisse, in denen du agierst und reagierst, hinausreichende Gerechtigkeit gibt - man kann ja nie wissen, wir sollten das nicht ganz ausschließen -, dann wirst du nicht nur für das zur Verantwortung gezogen werden, was du- nur so zum Exempel - der Familie Zogaj, sondern auch für das, was du der österreichischen Seele angetan hast. Das könnte haarig werden. Da liegt dann einiges vor dir. Ich fürchte, Frau Fekter, Sie glauben nicht an Engel. Aber tun Sie es wenigstens arbeitshypothetisch. Vielleicht besteht noch eine Chance. (Peter Henisch, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 26./27.06.2010)

Zur Person:
Peter Henisch, geb. 1943 in Wien, ist seit 1975 freier Schriftsteller. Zuletzt erschien der Roman "Der verirrte Messias" (Deuticke, 2009). Gerade wurde er mit dem Goldenen Verdienstzeichen der Stadt Wien ausgezeichnet.

  • Artikelbild
    foto: standard/cremer
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