Ein Prost auf Ihre Leberwerte!

25. Juni 2010, 15:00
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Wie man Schwindler entlarvt

Häufig, wenn ich des Morgens das Haus verlasse, treffe ich den Müllmann. Der Müllmann sieht so aus und verhält sich so, wie man das von einem Müllmann erwartet. Er trägt einen karottenroten Overall mit silbergrauen Streifen und zieht einen schwarzen Colonia-Kübel hinter sich her vor's Haus. Dem äußeren Anschein nach ist der Mann durch und durch Müllmann.

Manchmal frage ich mich aber, ob es nicht zu vertrauensselig ist, jemandem nur aufgrund seines Äußeren die Zugehörigkeit zu einem Berufsstand zuzuschreiben. Näher betrachtet, könnte es sich bei dem vorgeblichen Müllmann ohne Weiteres um einen bloßen Schein-Müllmann oder Trick-Müllmann handeln; es kann ja jeder einen Karotten-Overall an- und einen Colonia-Kübel hinter sich her ziehen. Vielleicht ist der vermeintliche Müllmann trotz seiner müllmannoiden Erscheinung in Wahrheit Konditor oder Juwelier. Oder ein Investmentbanker, der nur deshalb in die Rolle eines Müllmanns geschlüpft ist, um sein soziales Ansehen ein wenig aufzumöbeln.

Das Problem des Schwindlers, der sich eine berufliche Position anmaßt, die ihm nicht zusteht, ist ein Krebsübel unserer Zeit. Die Gesellschaft ist gesättigt mit Putativ-Bundeskanzlern, Trick-Finanzministern oder Schein-Friseuren (wie dem Friseur von Heinz Fischer, der eigentlich Steinmetz ist). Dazu kommen massenhaft falsche Ärzte, die quietschvergnügt in der Gegend herumdoktern, ohne auch nur den Unterschied zwischen einem weißen und einem roten Blutkörperchen zu kennen.

Kann man der weiteren gesellschaftlichen Ausbreitung der Scharlatanerie einen Riegel vorschieben? Ja, man kann! Gefragt wäre vor allem der mündige Bürger, der bei fachlichen Fehlern und ethisch dubiosem Berufsverhalten auf der Stelle reagiert.

Hier ein paar Anzeichen für schweren Scharlatan-Verdacht beim Arztbesuch: Der "Herr Doktor" ist stark alkoholisiert ("Sicher bin i heut' fett, aber dass Sie an Ausschlag haben, seh' i ollaweu no." ), neigt zu groben Sarkasmen ("Na, der Weisheitszahn ist ja völlig im Eimer, hehe. Hamma nix putzt, Sie Dreckschweindl?" ) oder zu plumpen Vertraulichkeiten ("Ihre Leberwerte sind viel zu hoch! Darauf heben wir jetzt erst einmal einen doppelten Wodka!" ). Auch wenn Ihnen der Müllmann am Morgen einen Investmentfonds andrehen will, sollten umgehend die Alarmglocken läuten. (Christoph Winder, DER ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 26./27.06.2010)

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    Lassen Sie sich keine Investmentfonds andrehen.

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