"Als Nächstes ein Land komplett umstellen"

25. Juni 2010, 14:56
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Unterrichtsministerin Claudia Schmied will die Neue Mittelschule bald flächendeckend im "Pionierland" Vorarlberg einführen - Den Kampf um die Landeslehrer gibt sie verloren – wegen Aussichtslosigkeit

STANDARD: Wir treffen uns - nicht ganz gewollt - nur zu zweit, ein Sessel ist leer, er war für die ÖVP reserviert, die aber nach Zusage befunden hat, bis Herbst lieber nichts mehr öffentlich zur Schule zu sagen, um dann ein eigenes Bildungsprogramm vorzulegen. Wie viel Stillstand kann das österreichische Schulsystem noch aushalten?

Schmied: Gar keinen. Wir müssen Schritt für Schritt an den Reformen weiterarbeiten, und ich freue mich sehr, dass am Minoritenplatz mit Wissenschaftsministerin Karl eine sachlich orientierte Ministerin vertreten ist. Ich möchte da jetzt kein Öl ins Feuer gießen. Die Diskussion in der ÖVP braucht offensichtlich intern noch ein bisschen Zeit.

STANDARD: Beatrix Karl hat sich in einem - für eine ÖVP-Ministerin - karrieretechnisch fast als Hasard zu nennenden Akt für die gemeinsame Schule ("Gymnasium für alle" ) ausgesprochen, was von der Parteispitze sofort als "persönliche Meinung" abgetan wurde. Was ist in so einer politischen Konstellation möglich?

Schmied: Generell müssen wir, und das meine ich vor allem als Staatsbürgerin, froh sein, dass es eine Ministerin gibt, die ihre Meinung sagt und sich fachlich eindeutig zu einem Thema bekennt. Bildungspolitik ist ein schwieriges Feld der politischen Auseinandersetzung - auch in der jeweils eigenen Partei. Insofern sage ich: Fein, dass Ministerin Karl da ist. Es ist Bewegung im Thema.

STANDARD: Fakt ist, dass die ÖVP-Spitze und die VP-dominierte Lehrergewerkschaft noch immer massive Probleme mit der, wie sie es nennen, "Einheitsschule" , haben. Wenn die SPÖ in der nächsten Legislaturperiode nicht einen geneigteren Koalitionspartner hat, ist die Neue Mittelschule (NMS) dann tot?

Schmied: Ich bin da nicht so pessimistisch. Ich glaube an wichtige Umsetzungsschritte noch in dieser Legislaturperiode. Wir haben jetzt 320 Standorte in ganz Österreich mit 35.000 Schülerinnen und Schülern. Im Juni präsentieren wir die erste Befragung von Eltern, deren Kinder in der Neuen Mittelschule sind, und dann werden wir, ausgehend von den Bildungsstandards, die ersten harten Fakten über Leistungserfolge an der NMS haben. Das sind alles Argumente, die die Eltern überzeugen werden - und das Wichtigste sind in dem Prozess die Eltern. Darum freue ich mich über den einstimmigen Beschluss der Landeshauptleute zur Ausweitung der Neuen Mittelschule. Immerhin ist schon heute jede sechste Schule in der Sekundarstufe I für Zehn- bis 14-Jährige eine NMS. In Vorarlberg, dem Pionierland der Neuen Mittelschule, haben sogar 90 Prozent der Schulstandorte umgestellt. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Vorarlberg diese Pionierrolle intensiviert - und warum nicht als nächsten Schritt ein Bundesland komplett umstellen?

STANDARD: Vorarlberg soll also als erstes Bundesland ganz auf Neue Mittelschule umstellen?

Schmied: Die Neue Mittelschule war ja von Anfang an als Zwischenschritt gedacht auf dem Weg zur gemeinsamen Schule. Es wäre großartig, wenn wir jetzt in Vorarlberg den nächsten Schritt setzen und das ganze Bundesland umstellen könnten. Das wäre bahnbrechend.

STANDARD: Vor lauter Fehlersuche und Reformbedarfserhebungen schleicht sich manchmal das frustrierende Gefühl ein, dass in der Schule ja gar nix mehr gut läuft - was läuft denn sehr wohl gut?

Schmied: Es gibt ja so einen Grundsatz: Menschen lieben Dramen. Es wird viel lieber über das diskutiert, was nicht so gut gelingt. Fakt ist, dass an ganz vielen Schulen faszinierende Projekte gelingen. Die Kernfrage ist, wie wir es schaffen, diese vielen Innovationen zum Standard zu machen.

STANDARD: Welche Antwort haben Sie auf diese Kernfrage?

Schmied: Ein Schlüssel zum Erfolg ist sicher, den Schulen und allen, die dort beschäftigt sind, mehr zuzutrauen. Also mehr Verantwortung an den Schulstandort. Es ist wichtig, dass sich die Direktoren auch ein Stück weit mitaussuchen können und mitbestimmen können, wer an ihrem Schulstandort als Lehrer/in tätig ist. Wir müssen den Schulen Luft zum Atmen geben. Es braucht Freiräume.

STANDARD: "Für die Verbesserung der Chancengerechtigkeit in der Sekundarstufe wäre eine Reform der zweigeteilten Lehrerausbildung die wichtigere Maßnahme." - wichtiger als die beliebte Verkleinerung der Schulklassen, sagt der Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, Jürgen Baumert, im "Spiegel". Das lässt sich auf Österreich übertragen. Halten Sie die zweispurige Lehrerausbildung an Pädagogischen Hochschulen für Pflichtschullehrer und für AHS-Lehrer/innen an Unis für sinnvoll und adäquat?

Schmied: Das ist eines unserer Großprojekte. Mit den Lehrern kommen auch verschiedene Haltungen in die Schule. Ganz wichtig ist, den Beruf des Lehrers in den Mittelpunkt zu rücken - vor allem die Berufsentscheidung. Darum ist ein Aufnahmeverfahren am Studienbeginn unverzichtbar, damit die Geeigneten die Ausbildung machen. Entscheidend ist mir ein gemeinsames Curriculum. Eines ist evident, die Pädagogischen Hochschulen sind zu 100 Prozent auf die Aus- und Fortbildung der Lehrer und Lehrerinnen ausgerichtet. An der Uni Wien macht der Lehramtsbereich zehn Prozent aus. Ich bin da ganz bei Bildungsforscher Stefan Hopmann von der Uni Wien, der sagt: Die Ausbildung zum Lehrer darf nicht eine Nebenbeschäftigung für eine Institution sein, sondern sie muss im Mittelpunkt stehen.

STANDARD: Ein besonders großer Brocken ist das neue Lehrerdienstrecht. Da dürfte es nicht allzu förderlich sein, dass die Beziehung zwischen Ihnen und der Lehrergewerkschaft seit dem doch ziemlich eskalierten Streit um zwei zusätzliche Lehrverpflichtungsstunden heillos zerrüttet wirkt.

Schmied: Das erlebe ich nicht so. Wir sind in guten Vorbereitungsgesprächen zum neuen Dienst- und Besoldungsrecht. 2011 werden wir in intensive Verhandlungen gehen können. Wenn es um die Detailverhandlungen geht, müssen logischerweise Bundeskanzleramt und Finanzministerium mit am Tisch sein. Wenn wir wollen, dass Schulen mehr Verantwortung haben, brauchen wir andere Steuerungsinstrumente. Dann müssen wir uns vom Matrix-Modell - ein Lehrer, eine Stunde, ein Fach - verabschieden und in andere Arbeitszeitmodelle kommen.

STANDARD: Wollen Sie auch den Kampf mit den Ländern um die Landeslehrer - auch so eine kostspielige Anomalie - aufnehmen?

Schmied: Das ist eine machtpolitische Frage, und ich sehe keine große Chance, das zu ändern. Ich weiß aber, was ich sicher nicht will: dass alle Lehrer Landeslehrer werden und wir, was die Verantwortung im Bildungsbereich betrifft - frei nach Peter Turrini - in neun autonome Republiken Mürzzuschlag zerfallen. Da nehme ich den Titel des ÖAAB-Bildungspapiers wörtlich: "Bildungsrepublik Österreich" . Ja, wir brauchen österreichweit ein gutes, einheitliches Schulsystem. Das darf natürlich nicht - wie es in Deutschland der Fall ist - in die Verantwortung der Länder geraten. Darum sage ich wahrscheinlich realistisch: Bundeslehrer bleiben Bundeslehrer, Landeslehrer Landeslehrer, aber wir verständigen uns auf ein gemeinsames Personalverrechnungs- und Controllingsystem, dem sich alle Bundesländer und der Bund verpflichtet fühlen. Das schafft jeder mittlere Konzern in der Wirtschaft. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 26./27. Juni 2010)

CLAUDIA SCHMIED (51) promovierte an der WU Wien, von 1997 bis 2000 war die Bankerin wirtschaftspolitische Beraterin im Kabinett von Finanzminister Rudolf Edlinger, 2007 wurde sie zur Ministerin für Unterricht, Kunst und Kultur ernannt.

  • "Mein linker, linker Platz ist leer, drum wünsch ich mir - vergeblich
 - jemanden von der ÖVP zum Reden her": Unterrichtsministerin
 Claudia Schmied.
    foto: standard/cremer

    "Mein linker, linker Platz ist leer, drum wünsch ich mir - vergeblich - jemanden von der ÖVP zum Reden her": Unterrichtsministerin Claudia Schmied.

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