"Jeder schickt seinen Dackel" in den ORF-Stiftungsrat

25. Juni 2010, 16:58
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Wird der neue Ö1-Chef politisch entschieden, "speib ich mich an": Senderchef Alfred Treiber über die endlosen Kuhhändel um den ORF, und wohin Hofratswitwen ihr Kipferl stecken können

STANDARD: Mit Ende Juni kehren Sie dem ORF den Rücken. Wären Sie gern länger geblieben?

Treiber: Ich habe dazu keine starke Meinung. Ich wäre unter Umständen geblieben, aber es ist so auch gut. Ich gehe nicht mit Freude, aber auch nicht in Depression. 

STANDARD: Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie erreicht haben?

Treiber: Der Zustand von Ö1 könnte besser nicht sein. 9,5 Prozent Tagesreichweite ist das beste Ergebnis ever. Die Hörerzahlen stimmen in außergewöhnlichem Ausmaß. 

STANDARD: Der Erfolg kommt von den Journalen - für die Sie nicht verantwortlich sind, sondern Chefredakteurin Bettina Roither?

Treiber: Das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Die hohen Quoten kommen von steigenden Quoten aller Programme. Dass die Journale eine wichtige Rolle spielen. ist richtig. Aber sie machen nicht den alleinigen Erfolg von Ö1 aus. 

STANDARD: Zuletzt mussten Sie viel sparen. Hat der Job noch Spaß gemacht?

Treiber: Mir hat der Job immer viel Spaß gemacht. Die Sparvorgaben waren schmerzhaft, aber nie so schmerzhaft wie angekündigt. Es wurde mit Ö1 vorsichtiger umgegangen. Die Einsparungen waren nicht so, dass sie das Programm beschädigt hätten.

STANDARD:  Dazu gibt es auch andere Meinungen: Vereinheitlichte Nachrichten, mehr Wiederholungen, gekürzte Wortsendungen?

Treiber: Das muss ich auf der ganzen Linie zurückweisen - mit Ausnahme der Nachrichten. Damit bin ich nicht glücklich und sehr dafür, dass wir das wieder reparieren. Alles andere stimmt überhaupt nicht. Das neue Schema hat sich bewährt. Mit den Wiederholungen bekommen die Sendungen bedeutend mehr Publikum. Die Wirtschaftlichkeit erhöht sich. 

STANDARD: Mit "Welt ahoi!" haben Sie Ihr Publikum zuletzt eher verstört.

Treiber: Bei Welt ahoi! wird sich noch herausstellen, dass das ein Treffer war. Die Stimmung dreht sich langsam, aber sicher um - auch aufgrund von Ermüdungserscheinungen der Hofratswitwen, die jetzt irgendwann ihr Kipferl woanders hinstecken müssen. 

STANDARD: War es klug, die Stammhörer zu vergraulen und um ein Publikum zu buhlen, das sich sein Radio ohnehin im Internet macht?

Treiber: Mit der Logik könnte man sagen, irgendwann hören wir auf Radio zu machen. Welt ahoi! hat unter jungen Hörern allerbeste Zeugnisse. Das ist eine hervorragende Sendung, die supergescheit ist und nicht furchtbar blöd. 

STANDARD: Hat Sie das Ausmaß der Empörung überrascht?

Treiber: Überrascht, aber nicht gestört. Die Aufregung sehe ich positiv. Wenn man 10.000 Minuten in der Woche diesen Leuten genehmes Programm sendet, werden sie es auch aushalten müssen, dass 25 Minuten anders sind. Ich habe daher kein Mitleid mit diesen Leuten, sondern hoffe, dass sie sich daran gewöhnen und in der Zeit Kirchenbesuch absolvieren, mit iherm Hund spazieren oder sich mit ihrer Rheumasalbe einschmieren. 

STANDARD: Sie haben neun ORF-Generäle erlebt: Der beste?

Treiber: Diese Frage werde ich nicht beantworten. Was immer ich sage, macht keinen schlanken Fuß. Dass Bacher eine herausragende Figur war, steht außer Zweifel. Vom modernen Management her war Gerhard Zeiler bei weitem der Beste. Ähnliches gilt für Gerhard Weis. An der Situation heute mag ich, dass es sehr menschlich zugeht und keine Kasernenhoftöne schallen, die ich lange Jahre gehört habe. Bacher war nicht der einzige. 

STANDARD: Wie beurteilen Sie das Verhältnis zwischen Politik und ORF?

Treiber: Immer gleich schlecht. Der Politik ist ein Massenmedium wie der ORF wichtig, das ist zur Kenntnis zu nehmen. Die Frage ist nur, wie weit geht die Einmischung? Es war immer viel nicht Legitimes dabei, das hat sich bis heute nicht geändert.

STANDARD: Wie beurteilen Sie das ORF-Gesetz?

Treiber: Dass das Internet in Frage gestellt wird, halte ich für eine Katastrophe. Dass es überhaupt so weit gekommen ist, ist nur zu verstehen, dass es ein Kuhhandel ist. Die ganze ORF-Geschichte mit der Politik ist die Geschichte von endlosen Kuhhändel.

STANDARD: Der im Moment reger ist als üblich?

Treiber: Dass es schlimmer ist, glaube ich nicht. Durch die Gesetzwerdung vielleicht auffälliger. Bei meiner Arbeit als Senderchef konnte ich in 15 Jahren wenig spüren.

STANDARD: Gab es Interventionen?

Treiber: Interventionen gab es nie, weil ich dafür bekannt bin, dass ich auf diesem Ohr taub bin. Wünsche gab es immer wieder. Der größte Fehler war die Politiker aus dem Stiftungsrat zu entfernen, mit dem Schmäh der Entpolitisierung. Genau das Gegenteil war der Fall. Das war der Schuhlöffel, über die Hintertür, dass man politischen Einfluss verstärkt. Das Procedere ist schwieriger. Jetzt schickt jeder seinen Dackel hin. Ich will keinen Stiftungsrat beleidigen, aber es ist mindestens so politisch wie vorher.

STANDARD: Haben Sie einen Wunschnachfolger?

Treiber: Ja, und so wie es ausschaut, wird er es nicht werden.

STANDARD: Ihnen wird eine Vorliebe für Ihren Marketingchef Clemens Kopetzky nachgesagt. Warum soll er keine Chancen haben?

Treiber: Vor allem spielen politische Entscheidungen eine Rolle. Ich habe gesagt, wenn das eine politische Entscheidung wird, dann speib' ich mich an. Mehr habe ich zu dem Ganzen nicht zu sagen.

STANDARD: Im Moment stehen die Zeichen auf Brechreiz.

Treiber: Ja, das kann sein. Das wird mich auch nicht umbringen, aber dass mich das nicht freut, ist klar.

STANDARD: Finden Sie es nicht seltsam, wenn der Marketingchef den Kultursenders führt?

Treiber: Den Schmäh kenn' ich schon. Das ist ein Vorurteil, dass Marketingmenschen nur Kugelschreiber verteilen und ansonsten Dummköpfe sind. Das ist eine komplette Dummheit und ein Unverständnis, was in Ö1 ein Kommunikationschef zu tun hat. Er ist für den Ö1-Club, CD-Produktion zuständig und übernimmt wesentliche Aufgaben im Radiokulturhaus. Er ist ein in der Wolle gefärbter Kulturmensch und ein Manager, der sich auskennt. 

STANDARD: Es könnte auch sein, dass die zukünftige Frauenquote eine Rolle spielt?

Treiber: Mir braucht man mit diesem Unsinn nicht kommen. Die letzten beiden Toppositionen habe ich mit Frauen vorgeschlagen zu besetzen, das ist auch so passiert. Religion und aktuelle Kulturchefin sind mit Frauen besetzt. Ich halte die Frauenquote für wichtig. Die gleiche Qualifikation ist die Voraussetzung. Die ist hier nicht gegeben. 

STANDARD: Sie sprechen von Bettina Roither?

Treiber: Es gibt einen, der ganz deutlich besser ist, einer der Ö1 von der Wurzel her kennt. 

STANDARD: Was haben Sie in Ihrer Pension vor?

Treiber: Als erstes mache ich Urlaub. Wenn ich zurück komme, möchte ich mit einem Malerkollegen eine Kunstgalerie eröffnen mit den Künstlern der Ö1-Talentebörse. Die sollten meines Erachtens auch ausstellen können. Noch nicht ausgemacht ist, dass ich in der EBU Präsidiumsmitglied der Culture Group ehrenamtlich bleibe. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 26./27.6.2010)

Zur Person
Alfred Treiber (66) ist seit 1995 Chef von Ö1. Er begann in der ORF-Jugendredaktion, baute in Afghanistan Radio Kabul auf. Nach seiner Rückkehr gründete er die Feature-Redaktion, die er ab 1987 leitete.

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     ORF-Führung "sehr menschlich" : Ö1-Chef Alfred Treiber.

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