Unser tägliches Plastik

27. Juni 2010, 18:34
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Hormonell wirksame Substanzen aus Kunststoffen gelangen über Lebensmittel in den Organismus - Experten warnen vor gesundheitlichen Folgen

Wir löffeln und trinken aus Plastikbechern, lassen uns Lebensmittel in Plastiksackerl packen, schweißen Käse und Wurst in Plastikfolie. Kunststoff ist ständiger Begleiter unserer Nahrungsmittel und steht ohne unser Wissen sogar auf dem Speiseplan. Denn Ausgangstoffe wie Bisphenol A, Zusatzstoffe wie die Weichmacher Phthalate, die in Verpackungen und Kosmetikprodukten enthalten sind, können in Lebensmittel "migrieren" und gelangen durch sie in den Organismus.

Von den zahlreichen Substanzen, die aus der Verpackung, über Spielzeuge oder andere Kunststoffprodukte in den Körper gelangen, sind nur wenige auf ihre Toxizität untersucht.

Seit Jahren umstritten ist der Einsatz von Bisphenol A (BPA) für Lebensmittelverpackungen. BPA ist Ausgangsstoff für den transparenten und temperaturbeständigen Kunststoff Polycarbonat, es steckt in Babyfläschchen und Schnullern ebenso wie in Recyclingpapier, im beschichteten Kassenbon wie in der DVD, in der Getränkedose oder im Zahnersatz.

Gesundheitschädigende Folgen

BPA zählt zu den hormonell wirksamen Substanzen. Internationale Wissenschafter weisen auf gesundheitsschädigende Folgen hin. So berichtete die US-Molekularbiologin Patricia Hunt kürzlich auf einem Symposium über In-vitro-Fertilisation in Bregenz über ihre Beobachtungen. BPA beeinflusse die Entwicklung menschlicher Eizellen, Chromosomendefekte könnten zur Fehlgeburten führen. Das US-Gesundheitsinstitut NIH veröffentlichte 2008 eine Studie, wonach Bisphenole schwere Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns bei Föten und Neugeborenen haben können. Der Brite David Melzer wiederum stellte einen möglichen Zusammenhang zwischen BPA und Herz-Kreislauf-Erkrankungen fest.

Aufgerüttelt durch den Dokumentarfilm Plastic Planet, setzte sich auch die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, AGES, mit BPA auseinander: Es gebe keinen Hinweis auf krebsauslösende Wirkung, man könne Ergebnisse aus Tierversuchen nicht 1:1 auf den Menschen umlegen. Bei Einhaltung des von der EU festgelegten TDI-Grenzwerts (Tolerable Daily Intake) 0,05 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht, bestehe kein Risiko. Das Auftreten von Bisphenol A in Beruhigungssaugern sei jedoch nicht vorgesehen und sollte vermieden werden. Soll BPA verboten werden? Sigrid Rosenberger, Sprecherin des Gesundheitsministers, hält eine europäische Regelung für "wünschenswert".

Risikoneubewertung

Die Europäische Behörde für Ernährungssicherheit (EFSA) hatte bis Mai 2010 eine Risikoneubewertung von Bisphenol A angekündigt. Namhafte Wissenschafter und NGOs fordern diese Neubewertung nun per offenem Brief ein. Die EFSA solle aber auch die zahlreichen kritischen Studien zu Rate ziehen. Bisher habe man sich auf Gutachten der Plastikindustrie verlassen, kritisiert Daniela Hoffmann, Chemieexpertin von Global 2000: "Seit Jahren wird im Sinne der Kunststoffindustrie fahrlässig verharmlost. Wir fordern eine Neubewertung von BPA, die sämtliche wissenschaftliche Studien einbezieht."

Mit einer jährlichen Jahresproduktion von 3,8 Millionen Tonnen zählt BPA zu den Rennern der Kunststoffindustrie. In einzelnen EU-Staaten werden nun partielle Verbote überlegt: Frankreich wird BPA in Trinkflaschen verbieten, Dänemark hat ein vorläufiges Verbot für BPA in Lebensmittelverpackungen, Kinderbechern und -flaschen erlassen. Norwegen will den Gehalt von Bisphenol A in Verbraucherprodukten senken. ( Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 28.6.2010)

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    Giftalarm: Hersteller bringen nun Schnuller ohne BPA auf den Markt.

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