Am Gängelband einer Suchmaschine

25. Juni 2010, 09:48

Die Zusammenarbeit der ÖNB mit Google widerspricht der Wahrung nationaler Interessen - sowohl im Hinblick auf den Umgang mit dem kulturellen Erbe als auch auf den künftigen Schutz geistigen Eigentums - Benedikt Föger

Die Österreichische Nationalbibliothek wird in den nächsten Jahren als eine der weltweit ersten Nationalbibliotheken ihren gesamten historischen Buchbestand digitalisieren", lautet der Einladungstext zur Pressekonferenz vergangene Woche. Doch die eigentliche Information birgt der Folgesatz: "Das Projekt wird im Rahmen einer Public Private Partnership durchgeführt, die in ihrer Dimension im österreichischen Kulturbereich einzigartig ist." Verschwiegen wird, dass der Kooperationspartner die Firma Google ist, die derzeit versucht, eine im weltweiten Kulturbereich einzigartige Urheberrechtsverletzung zu legalisieren und salonfähig zu machen. Ein guter Grund, die drei Jahre dauernden Verhandlungen geheim zu halten und in einem Überraschungscoup zu präsentieren.

Das Kulturland Österreich ist offenbar nicht willens und finanziell in der Lage, sein kulturelles Erbe zu schützen, zu verwalten und allen zugänglich zu machen. Man kann der Generaldirektion der Nationalbibliothek keinen Vorwurf machen, dass sie versucht, ihrem gesetzlichen Auftrag mit alternativen Mitteln nachzukommen. Die Suche nach anderen Partnern löst aber nur vordergründig das Problem einer dünnen öffentlichen Finanzierungsdecke. Nicht nur dass sich Frau Rachinger selbst die Argumentationsgrundlage dem Bund gegenüber für zukünftige Projekte entzieht, schlimmer noch: Kulturpolitische Kurzsichtigkeit, das Versagen der öffentlichen Hand, wird als einzigartiger Erfolg gefeiert.

Das Konstrukt der Public Private Partnership ist bekannt: auf der einen Seite die öffentliche Hand, die sich aus der Finanzierung von Dienstleistungen wie dem öffentlichen Verkehr, der Gesundheitsvorsorge oder den Bildungsaufgaben sukzessive zurückzieht, auf der anderen Seite das beteiligte Unternehmen, das am Ende des Tages einen beträchtlichen Gewinn aus der Kooperation erzielt. Google handelt nicht aus Altruismus oder Menschenliebe, sondern aus Profitinteresse.

Das Argument, dass Google die Kosten für den Transport, die Digitalisierung und Volltexterkennung übernimmt, ist rührend naiv. Die massive Infrastruktur, die Google in den letzten Jahren zum Scannen von Büchern aufgebaut hat, gehört schließlich genutzt. Google berechnet der ÖNB für die Digitalisierung ihres Bestandes inklusive Volltextsuche 30 Millionen Euro, die sie ihr im gleichen Atemzug erlässt. Überspitzt formuliert: Google scannt sich 400.000 Bücher für den eigenen Gebrauch und bezahlt die Inhalte mit einer Kopie der dabei entstandenen Digitalisate. Die ÖNB übernimmt die Kosten für die Auswahl, Vorbereitung und Rückstellung der Bücher, die Kosten für die Verlinkung der Digitalisate mit ihrem elektronischen Katalog, die Einbindung in ihre digitale Bibliothek und die langfristige Archivierung - und verkauft die Tatsache, dass Google kein Monopol auf die digitalen Inhalte erhält, als großen Erfolg.

Betont wird von beiden Seiten, dass keine urheberrechtlich geschützten Bücher betroffen sind. Leider haben wir es mit einem Vertragspartner zu tun, der in der Vergangenheit gezeigt hat, dass er rechtsstaatliche Grenzen nicht respektiert und die Rechte der geistigen Eigentümer mit Füßen tritt. Abgesehen von der unerlaubten Vorgehensweise, urheberrechtlich geschützte Bücher einzuscannen, war einer der Haupteinwände gegen das sogenannte "Google Book Settlement" die Unzulänglichkeit und Fehlerhaftigkeit der Google-Datenbank. Dass nun eine der größten und wichtigsten wissenschaftlichen Einrichtungen der Republik genau diese Firma beauftragt, "den Aufbau innovativer Services für Wissenschaft, Forschung und Unterricht zu ermöglichen", zeugt von großer Uninformiertheit oder grober Fahrlässigkeit.

Mit der Online-Bibliothek Europeana versucht die Europäische Union ein eigenes, nichtkommerzielles Digitalisierungsprojekt auf die Beine zu stellen. Doch dieses verfügt weder über die entsprechenden Geldmittel, noch über die uneingeschränkte Bereitschaft der Mitgliedstaaten, um Google Paroli bieten zu können. Die Österreichische Nationalbibliothek, die dieses Projekt eigentlich mitträgt, hätte gut daran getan, ein klares Bekenntnis zur öffentlichen Finanzierung abzulegen, anstatt die Monopolstellung eines privaten Medienkonzerns zu unterstützen.

Ihr Vorstoß entlässt die Politik nicht nur vollständig aus ihrer Verantwortung, schlimmer noch, sie formuliert politische Verantwortung und die Wahrnehmung derselben nicht einmal mehr als wünschenswert. (Benedikt Föger, DER STANDARD, Printausgabe 25.6.2010)

Benedikt Föger (Jg. 1970) ist Chef des Czernin-Verlags, Vorsitzender des Österreichischen Verlegerverbandes und Vizepräsident des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels.

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    Posting 1 bis 25 von 31
    1 2
    dryeti
    00
    25.6.2010, 22:06
    Mir waers natuerlich auch lieber die Republik

    wuerde selbiges machen.

    Allerdings ist jede Initiative die geistige "Eigentums-/Monopolrechte" unterlaufen sehr zu begruessen.
    Es kann ja wohl nicht sein das einzelne Menschen, oder noch schlimmer Unternehmen wie Verlage einen Anspruch auf geistige Inhalte haben.

    Heinrich POELL
    00
    25.6.2010, 21:32
    Angstbeisser ...

    Dass die Verlags- und Buchhandelsvertreter sich in Jahrzehnten der Gemütlichkeit hinter Buchpreisbindung und Morawa/Styria-Filz das Denken abgewöhnt haben, weiss man ja schon seit längerem. Aber dass die Leute mittlerweile nicht einmal mehr lesen können, ist schon bestürzend: die Ausführungen des Herren sind entweder schlicht falsch ("Bücher verkauft") oder gehören nicht zur Sache (book settlement). Ein Hundehalter würde sagen: typisches Angstbeissen eines überfütterten, orientierungslosen Tieres ...

    Um im Tierreich zu bleiben: statt bei der Erwähnung von Digitalisierung und e-Book in Gekläffe zu verfallen, hätte ich mir eher erhöhten Speichelfluss erwartet, angesichts der neuen Geschäftsmöglichkeiten. Im Kammerstaat A wohl eher nicht ...

    ©
    03
    25.6.2010, 17:54
    Netter Versuch...

    Wenn man Artikel bewerten könnte gäbs von mir ein grosses rotes Stricherl...

    Der Aufsatz liest sich ja ganz nett, aber könnten sie jetzt auch einmal erläutern wo jetzt wirklich das Problem darin liegt? Und zwar das konkrete Problem, nicht nur herumstänkern und drum herum reden.

    feneks
    01
    25.6.2010, 17:42
    Ach,

    wo anders nennt man so etwas Drittmittelfinanzierunhg ist voll in.

    caro123 ohne nachnamen
    03
    25.6.2010, 17:23
    Kirche im Dorf lassen

    Dass die geistige und kreative Leistung von UrheberInnen geschützt gehört, steht außer Frage. Aber wo ist die Sinnhaftigkeit, wenn Verlage oder Erben noch nach Jahrzehnten von einer Leistung partizipieren können und wollen, zu der sie rein gar nichts beigetragen haben?

    Es handelt sich hier um freie Werke. Den deutschsprachigen Publikumsverlagen wäre es schon lange frei gestanden, sich ebenfalls gute Ideen einfallen zu lassen, wie man diese nutzen kann - haben sie nicht - und jetzt jammern sie über die verloren gegangene Verwertbarkeit.

    Dann mal offen auf den Tisch liebe Verlage:
    Wie viele von diesen 400.000 Bänden wollten Sie denn konkret in schönen, bibliophilen Neuausgaben für uns geneigte LeserInnen publizieren?

    Tom93
    20
    25.6.2010, 15:42
    das problem ist, dass das "nationale interesse" niemanden schert

    wer soll ein problem damit haben, wenn google für einen vergleichsweise läppischen betrag wertvolle önb-bestände zur verfügung gestellt werden? die zur ministerin mutierte ehemalige bank-managerin vielleicht?

    peace & love
    02
    25.6.2010, 15:49
    nationales interesse???


    verzeihen Sie bitte: google macht das um 30 millionen euro (geld, das dem steuerzahler erspart bleibt).

    wenn die önb das machen würde (frühr oder später ohnehin aus konservatorischen gesichtspunkten fällig) würde uns das locker das 10fache kosten. wäre mir ein vergnügen von Ihnen zu erfahren wo das 'nationale interesse' bleibt !

    Tom93
    00
    25.6.2010, 16:20

    lesens mal den artikel zu dem sie hier posten.

    .MS.
    01
    25.6.2010, 17:30

    lesens mal unter dem Artikel, wessen Interessen der Autor vertritt.
    Wenn jeder Bücher, deren Urheberrechte abgelaufen sind, gratis aus dem Internet laden kann, entgehen den Verlegern und Buchhändlern Einnahmen. Das ist das "Nationale Interesse".
    Google verdient an den Büchern dann, wenn man sie über Google gesucht werden und der Leser dabei auf Werbungen klickt. Aber der Leser hat die Wahl die ÖNB hat die Bücher dann in digitaler Form und kann das bessere Angebot zur Verfügung stellen, sodass keiner den Umweg über Google nimmt.
    (BTW: beim Geld verdienen macht es für Google keinen Unterschied wer die Bücher digitalisiert hat)

    Tom93
    20
    25.6.2010, 18:05
    trotzdem sollte das der staat besorgen und nicht private

    es ist ein armutszeignis für die republik, dass die önb sich google an die brust werfen muss, wegen vergleichsweise läppischen 30 millionen. das hat der herr meischberger für zwei telefonanrufe auch schon bekommen! wieso kommt der staat seinen verpflichtungen nicht nach? das müsste man einfordern!

    .MS.
    00
    25.6.2010, 19:25

    Aber worin kon kret liegt der Nachteil für den Österreichischen Bücherleser, wenn Google die Bücher digitalisiert? Darauf habe ich bis jetzt keine schlüssige Antwort gefunden.

    caro123 ohne nachnamen
    01
    25.6.2010, 18:17
    Sehr richtig, ABER....

    Ich schätze mal, dass die Digitalisierung von Büchern aus dem 15. Jhd. für unseren Finanzminister nicht die allerhöchste Priorität hat...

    Tom93
    00
    25.6.2010, 18:22
    wer redet von "allerhöchster priorität"?

    es geht um 30 millionen! ungefähr soviel, wie die hypo kärnten wohl am tag verschlingt.

    caro123 ohne nachnamen
    00
    25.6.2010, 19:48
    30 Millionen...

    NUR 30 Millionen - eh NUR ca. das Zehnfache des durchschnittlichen Jahresbudgets einer normalgroßen Universitätsbibliothek. Bei einem durchschnittlich Buchpreis von so etwa 25,- EUR könnten die Unibibliotheken damit eh nur 1,2 Millionen neue Bücher ankaufen....

    glindan
    00
    25.6.2010, 15:08
    "Lieber Standard"

    Bitte Vermerken Sie Autor und seine Zugehörigkeit(en) demnächst am Anfang des Kommentars, dann vergeude ich wenigstens keine Zeit.

    Nebenbei, ich find die Idee genial, da man so Zugang zu Büchern bekommt, auf die man normalerweise keinen Zugriff hätte.

    256 graustufen
    01
    25.6.2010, 14:44

    offenbar hat mittlerweile schon jeder marktstandler in österreich eine fundierte meinung zu google und die unzulänglichkeit und fehlerhaftigkeit der google-datenbanken.

    Bulkhead
    04
    25.6.2010, 13:47
    Soso

    Und die Verleger und Buchhändler handeln natürlich im ureigensten Kulturinteresse und und interessieren sich nicht für Gewinne.

    Ich kenne die Details des Google Deals nicht aber grundsätzlich ist eine Digitalisierung die einen breiteren Zugang der Bevölkerung ermöglicht zu begrüßen.

    Der Fiona sein Hund würde das nie tun.
    00
    25.6.2010, 13:22
    Was ist jetzt das Problem?

    Dass der Buchhandel den Google nicht mag?

    Londo Mollari
     
    05
    25.6.2010, 12:59
    vermittlung

    bücher sind medien. wenn diese im original nicht/schwer zugänglich sind, dafür aber eingescannt werden - ist doch gut! dnn sind sie wieder zugänglich !
    wen es dennoch aufstösst, der erlebt peinliches handeln aus eigenen, ganz egoistischen interessen. so wie der kommentator hier.

    peace & love
    06
    25.6.2010, 12:10
    freies wissen für alle.


    schaffen google & wikipedia besser als die önb.

    wo ist das gängelband?

    Rent a Democracy
    00
    25.6.2010, 14:01
    Google geht es keine Sekunde lang um freies Wissen.

    Google will Geld verdienen. Und Knappheit eines Gutes erhöht seinen Preis. Auch wenn noch nicht klar ist, auf welche Weise Google damit Geld verdienen will, sollte man das Ganze mit ein bisschen Skepsis betrachten. Da weiters nicht klar ist, wie ganz genau die Vereinbarung zwischen ÖNB und Google in allen Details aussieht, steht zu vermuten, dass man sich dort durchaus den einen oder anderen kleinen Vorteil zusichern hat lassen.

    Dass natürlich ausgerechnet ein Verleger, also ein Vertreter der Interessensgruppe, die früher die Gatekeeper-Rolle innehatte, sich über den neuen Gatekeeper, nämlich Google, beschwert, und meint davor warnen zu müssen, macht ihn natürlich relativ unglaubwürdig.

    Wer alles kontrolliert, kann keinesfalls verlieren.

    Chien de Pique
    01
    25.6.2010, 14:50

    Und freie Verfügbarkeit drückt den Preis. Und deswegen sind die Verlage dagegen.

    Chief Cohiba
    01
    25.6.2010, 13:30
    und wenn...

    ...natbib und google zusammenarbeiten wird's noch besser! auch wenn's dem (traditionellen) buchhandel nicht passt...

    Karl Krammer
    05
    25.6.2010, 12:09
    "Die massive Infrastruktur, die Google in den letzten Jahren zum Scannen von Büchern aufgebaut hat"

    sollte - wie Sie richtig sagen - auch genutzt werden. Arbeitsteilung ist der wichtigste Grund, warum die Industriegesellschaft so erfolgreich ist, Güter billig herzustellen. Darum baut man in Norwegen keine Orangen an, schneidert Kleidung in standardisierten Konfektionsgrößen und es baut nicht jede Bibliothek eine eigene Scanner-Infrastruktur auf; Vor allem nicht, wenn sie diese nur einmal benötigt.
    Und da Google eine eigene Abteilung hat, die offenbar nichts anderes macht als scannen, wird das Ergebnis auch sicher besser sein, als wenn es von Bibliothekaren durchgeführt wird, für die das ihr erstes Scanprojekt wäre.

    Dormouse
    00
    25.6.2010, 12:54

    güter billig herstellen...aber hauptsächlich nur, weil einige zu wenig dafür bekommen!

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    Posting 1 bis 25 von 31
    1 2

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