"Russland will die Genfer Gespräche killen"

24. Juni 2010, 19:08
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Präsident Saakaschwili: Georgien ist ein Modell für Moskau - Nato-Option bleibt

Oberstleutnant Giordano Ciccarelli bringt die Lage auf den Punkt: "Die Russen sind sehr professionell. An der Waffenstillstandslinie stehen FSB-Truppen. Seit die hier stationiert sind, herrscht Ruhe - keine Schießereien mehr in der Nacht, keine gröberen Zwischenfälle." Gori, Georgien. Hier gab es im August 2008 Krieg. Die russische Armee marschierte über die von der Zentralregierung in Tiflis abgespaltene Provinz Süd-Ossetien ein und rollte die georgische Armee auf. Seither stehen die Russen - ebenso wie im abtrünnigen Abchasien - auf georgischem Hoheitsgebiet und demonstrieren ihre Macht. Hier, entlang des Kaukasus, verläuft die Sollbruchstelle zwischen der Einflusssphäre Moskaus und jener Washingtons.

Oberstleutnant Ciccarelli aus Modena steht dazwischen. Er ist Postenkommandant der EU-Mission in Gori, die seit zwei Jahren die georgische Seite des Gebietes kontrolliert. Er versucht mit seinen Leuten, es sind auch fünf Österreicher darunter, Zwischenfälle zu entschärfen: Manchmal geraten Viehhirten unabsichtlich über die Waffenstillstandslinie und werden festgesetzt. Ein kleiner Grenzverkehr ist zu managen. Vertriebene sind humanitär zu versorgen. Man versucht sogar, einen Abtausch von südossetischem Wasser gegen Gas aus Georgien zu vermitteln.

Diesem Wort, vermitteln, allerdings hängt in dieser Weltgegend der Geruch der Erfolglosigkeit an. In Genf kommen Gespräche zwischen Russland und Georgien seit Monaten nicht voran. Im Gegenteil: Zuletzt kündigten die von Russland unterstützten Abchasen an, nicht mehr in dem Format mitzumachen. Die Antwort aus Tiflis kam prompt: "Das ist ein gutes Beispiel für das Spektakel, das Russland in Georgien veranstaltet. Ohne Moskau macht Suchumi nichts. Das ist ein Marionettenregime", wettert der georgische Außenminister Grigol Vashadze in Tiflis bei einer Pressekonferenz mit seinem österreichischen Amtskollegen Michael Spindelegger am Donnerstag in Tiflis.

Auf Saakaschwilis Couch

Präsident Michail Saakaschwili wird wenig später in seinem schwerbewachten Präsidentensitz noch deutlicher: "Russland will die Genfer Vermittlungsgespräche killen", sagt er vor einer Runde österreichischer Journalisten, die er auf einer cremefarbenen Ledergarnitur ganz im Stil des Oval Office empfängt. Moskau erkenne die Georgiens Führung ebenso nicht an wie den souveränen Willen der Bürger. Georgien werde zunehmend unsowjetisch und sei ein Modell von dem die Russen lernen könnten. In Sachen Transparenz und Korruptionsfreiheit zum Beispiel sei Tiflis in allen Rankings gestiegen, Russland dagegen dramatisch gefallen.

Er sei jederzeit bereit mit dem Kreml zu verhandeln. Aber die territoriale Integrität seines Landes müsse gewahrt bleiben. "Wir wollen uns in Richtung EU bewegen und auch die Option des Nato-Beitrittes nicht aufgeben, weil dieser in greifbarer Nähe ist." Dass die neue US-Regierung, anders als jene von George W. Bush, nicht mehr so begeistert davon ist, glaubt Saakaschwili nicht: "Wir brauchen nicht zu jammern, sie reden die ganze Zeit über Georgien." (Christoph Prantner aus Gori/DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2010)

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    Saakaschwili mit Außenminister Spindelegger, im Hintergrund die Couchgarnitur

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