Ghanas virtuose Rhythmuswechsel und Deutschlands kristallartig trianguläre Beziehungen

24. Juni 2010, 19:08
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Die Analyse der häufigsten Passbeziehungen zeigt uns zwei sehr unterschiedlich ausgeprägte Teamstrukturen. Während die deutsche Mannschaft kristallartig trianguläre Beziehungen bildete, nimmt sich das ghanaische Netzwerk auf den ersten Blick dyadischer aus. Bei den Siegern finden wir ein gleichsam architektonisch ausbalanciertes Zusammenspiel von Zentrum und Peripherie. Die Beziehungsdichte weist ein in dieser Regelmäßigkeit selten zu findendes vertikales Wachstum auf. In Schweinsteiger und Özil finden sich komplementäre Schlüsselspieler im defensiven bzw. offensiven Bereich, die durch das dichte Netz der Dreiecksbeziehungen hindurch beständig indirekt miteinander zu kommunizieren scheinen. Nicht zuletzt in der relativen Ausgeglichenheit des Verhältnisses von Geben und Nehmen drückt sich das enorme Variationsvermögen des deutschen Angriffsspiels aus.

Ghanas Stärke belief sich nicht bloß auf das Verhindern des gegnerischen Angriffsspiels, sondern prägte autonome Strukturen eines zuweilen blitzschnellen Umschaltens von Spielstörung in Spielkonstruktion aus. Wie schon gegen Australien entpuppte sich Kevin Prince Boateng als zentrale Figur, der nicht nur viele Bälle im defensiven Mittelfeld eroberte, sondern zusammen mit Asamoah auch die entscheidenden Akzente im Spiel nach vorn setzte. Das auf den ersten Blick im Vergleich zum germanischen Strukturalismus diffus wirkende ghanaische Netzwerk verrät indirekt etwas über jene Unberechenbarkeit, die den Deutschen in ihren schwächeren Momenten arg zusetzte: Ayew und Tagoe rotierten an den Flanken, die Außenverteidiger Sarpei und Paintsil schalteten sich ins Angriffsspiel ein. Vor allem in der ersten Hälfte erzeugten die Ghanaer mit virtuosen Rhythmus- und Tempowechseln gefährlichere Situationen als die Deutschen mit ihrem systematischen Angriffswirbel. Doch in der Spitze fehlte ein Vollstrecker. (Helmut Neundlinger, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 25. Juni 2010)

DIE MEISTEN PÄSSE / PASSVERSUCHE 

1. Boateng-Ayew 12
1. Ayew-Gyan 12
3. Kingson-Gyan 12
4. Annan-Boateng 11
4. Sarpei-Boateng 11
6. Kingson-Tagoe 9
6. Jonathan-Annan 9
6. Boateng-Asamoah 9
6. Paintsil-Gyan 9
10. Asamoah-Gyan 8
10. Asamoah-Boateng 8
10. Sarpei-Asamoah 8
10. Boateng-Sarpei 8

SCHLÜSSELSPIELER*

1. Boateng 109 (53/56)
2. Ayew 97 (47/50)
3. Annan 91 (50/41)
4. Asamoah 80 (36/44)
5. Gyan 79 (17/62)
6. Sarpei 74 (46/28)
7. Paintsil 57 (36/21)
8. Kingson 55 (41/14)
9. Muntari 52 (22/30)
10. Jonathan 49 (29/20)
11. Mensah 48 (29/19)

*Gegebene und angenommene Pässe

ERFOLGREICHE PÄSSE IN PROZENT

1. Mensah 96,55 (28 von 29)
2. Annan 96,00 (48 von 50)
3. Jonathan 93,10 (27 von 29)
4. Asamoah 86,11 (31 von 36)
5. Ayew 85,11 (40 von 47)
6. Boateng 83,02 (44 von 53)
7. Sarpei 82,61 (38 von 46)
8. Gyan 76,47 (13 von 17)
9. Muntari 72,73 (16 von 22)
9. Tagoe 72,73 ( 8 von 11)

DIE MEISTEN PÄSSE / PASSVERSUCHE

1. Lahm-Müller 15
2. Müller-Özil 14
3. Cacau-Özil 12
3. Schweinsteiger-Podolski 12
3. Boateng-Podolski 12
3. Özil-Cacau 12
7. Podolski-Cacau 11
7. Lahm-Özil 11
7. Schweinsteiger-Lahm 11
7. Schweinsteiger-Boateng 11
7. Mertesacker-Lahm 11
12. Schweinsteiger-Mertesacker 10
12. Friedrich-Schweinsteiger 10
12. Podolski-Özil 10
12. Trochowski-Özil 10
12. Lahm-Trochowski 10
12. Özil-Podolski 10

SCHLÜSSELSPIELER*

1. Özil 152 (61/91)
2. Schweinsteiger 133 (76/57)
2. Lahm 133 (75/58)
4. Podolski 110 (52/58)
5. Cacau 100 (31/69)
6. Khedira 88 (42/46)
6. Boateng 88 (49/39)
8. Müller 82 (33/49)
9. Mertesacker 81 (46/35)

*Gegebene und angenommene Pässe

ERFOLGREICHE PÄSSE IN PROZENT

1. Mertesacker 95,65 (44 von 46)
1. Friedrich 95,65 (44 von 46)
3. Schweinsteiger 92,11 (70 von 76)
4. Khedira 90,48 (38 von 42)
5. Cacau 83,87 (26 von 31)
6. Boateng 83,67 (41 von 49)
7. Özil 83,61 (51 von 61)
8. Lahm 82,67 (62 von 75)

Der Ansatz 

Die Spielzüge werden aufgenommen und codiert. Der Datensatz wird netzwerkanalytisch ausgewertet, das Ergebnis wird interpretiert. In der Grafik werden die Ballwege zu den drei wichtigsten Passpartnern verdeutlicht. Die Kreisgrößen ergeben sich aus den Summen angekommener und abgegebener Pässe.

Die Analytiker 

FAS.research mit Sitz in Wien und New York war schon bei der WM 2006 und der EURO 2008 im Einsatz und beobachtet exklusiv für den Standard ab 11. Juni auch die WM in Südafrika.

Team:

Ruth Pfosser, Helmut Neundlinger, Harald Katzmair. (red)

Link:

www.fas.at

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