Simon's Town, Long Street und die Party

24. Juni 2010, 19:00
6 Postings

Es war nur ein Moment der Trauer, das Scheitern des Gastgebers. Jetzt geht das Fest munter weiter, die Südafrikaner übersiedeln ins Ghana-Lager

Brasilianer, Niederländer, Deutsche, Amerikaner, Portugiesen und noch viele andere tummeln sich am Cape Point, dem Kap der guten Hoffnung, oder beim Beobachten der Brillenpinguine in Simon's Town, wo das viktorianische England noch immer präsent ist. Die Stimmung ist gut, und immer wieder hört man Trommeln und Gesänge.

Simon's Town also, der Marinestützpunkt bei Kapstadt. Natürlich wird auch hier in den Lokalen der prächtigen Hauptstraße das Geschehen in den Stadien verfolgt, und das führt mitunter zu Problemen. So kennt das südafrikanische Fernsehen offenbar keine Konferenzschaltungen am entscheidenden Spieltag. Stattdessen werden beide Spiele auf verschiedenen Kanälen übertragen. Was also tun? Ganz einfach, im Lokal werden mehrere Fernseher aufgestellt, in der Raucher- wie in der Nichtraucherzone.

Alle Hoffnung bei Ghana

"Wir tun unser Bestes, die Gäste sind zufrieden", sagt die Kellnerin des Fischrestaurants Herthas. Der eine Teil der Besucher blickt eben in diese Richtung, der andere in jene. Und wenn der eine Teil laut aufschreit, dreht der andere Teil die Köpfe. Und als die USA in letzter Minute gegen Algerien scoren und Slowenien aus dem Turnier werfen, stimmen die US-Fans ihren "Yes, we can"-Chor an. Wenn ein Slowene bei Herthas ist, so gibt er sich nicht zu erkennen.

Auch beim Public Viewing in der Fanzone von Kapstadt geht die Konferenzschaltung ab. Dennoch ist die Stimmung eins a. Der Name ist hier Programm - "Fifa Fan Fest" nennt sich die Veranstaltung. Auf Ghana konzentrieren sich die Hoffnungen eines ganzen Kontinents, das merkt man schon am Geräuschpegel beim Spiel gegen Deutschland. "Die Geschäfte gehen gut, wir verkaufen genügend Artikel, nur die Frankreich-Schals sind Ladenhüter", schildert eine Fanartikelverkäuferin.

Da gleich neben der Fanzone das Rathaus steht, werden aufgrund der winterlichen Temperaturen kurzfristig Erinnerungen an den Wiener Christkindlmarkt wach. Im Gegensatz zu einigen Journalisten sind die meisten Fans warm genug angezogen, zu ihnen hatte sich herumgesprochen, dass im Juni nicht überall auf der Erde Sommer sein kann.

"Nicht aufs Elferschießen hoffen"

Wer eine bunte Party erleben will, kann auch in die Jugendherberge Backpacker in die Long Street gehen. Hier trifft man Jugendliche aus aller Welt, die die WM-Atmosphäre genießen wollen. Zimmer mit sechs Stockbetten und Gemeinschaftsduschen erinnern an Studentenheime oder die Bundesheerzeit. Rucksacktouristen fühlen sich aber wohl in dem preiswerten Haus.

Fertaf Smith aus Irland tourt mit seiner Freundin durch das Land am Kap. Obwohl "sein" Team wie das österreichische fehlt, wollte er sich "die WM nicht entgehen lassen". Barney aus England hat für sein Team gleich die richtige Taktik fürs Achtelfinale gegen Deutschland parat. "Kein Tor kriegen, mindestens ein Tor schießen, nicht aufs Elferschießen hoffen." Daneben sitzt noch Babsundi von der Elfenbeinküste, der sein Team noch nicht aufgegeben hat. Zwischenzeitlich stößt die Kanadierin Marie-Michelle hinzu, die allen die Daumen drückt, nur nicht dem großen Nachbarn USA. Diese Einstellung kann nicht nur der Ire nachempfinden.

(Christian Thomas, Der Standard, Printausgabe 25. Juni 2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Seit 11. Juni geht in den Straßen von Kapstadt die Post ab. Und sie wird abgehen bis 11. Juli.

Share if you care.