Paul Krugman provoziert Europa

25. Juni 2010, 06:57
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Wer weiß besser, wie man aus der Krise raus kommt: Wirtschaftsnobelpreisträger und Wirtschaftsweiser beflegeln sich

Wer provoziert, der will Reaktionen. Die hat Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman jetzt auch bekommen. Es gibt einen neuen Gegenspieler: den Chef der Deutschen Bundesbank, Axel Weber, und mit ihm den Wirtschaftsweisen Wolfgang Franz. "They hate me", jammert Krugman nun also in seinem Blog auf www.nytimes.com.

Hassen ist vielleicht ein bisschen drastisch formuliert, aber die Feder ist bekanntlich mächtiger als das Schwert, dem Krieg der Worte steht also nichts mehr im Wege. Doch warum eigentlich der ganze Terz? Krugman attackierte in einem Interview mit dem deutschen Handelsblatt Axel Weber, der als kommender EZB-Chef gehandelt wird. Dieser sei wegen seiner Befürwortung einer straffen Geldpolitik "ein Risiko für das Schicksal des Euro". Von einem Desaster für alle sprach Krugman gar, würde die EZB einen "so konservativen Präsidenten" bekommen. Die europäischen Sparprogramme hält Krugman weder für gut noch für tatsächlich notwendig, "aus amerikanischer Sicht sind das keine großen Defizite. Wir würden gerne mehr sehen." Eine Ansage.

Dass der US-Amerikaner mit provokanten Wortspenden nicht hinterm Berg hält, ist längst bekannt; letztes Jahr brachte er auch Österreichs Politiker und Banker auf die Palme. Eine Replik auf seine Aussagen zu Weber und der europäischen Sparpolitik bekommt er auch postwendend in der selben Zeitung, die das Interview mit ihm abgedruckt hat. Der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz weist den Wirtschaftsnobelpreisträger in seine Schranken, dieser habe nämlich den "Vogel der Selbstsicherheit abgeschossen". Wer sei denn schuld an der Finanzkrise, welches Land habe denn "sozialpolitische Irrwege beschritten, indem einkommensschwache Haushalte mit Hypothekendarlehen beglückt wurden, die sie nie und nimmer abbezahlen konnten?" Das und vieles mehr fragt sich Franz. Ein wenig gönnerhaft wirft er am Ende den Fehdehandschuh erneut über den großen Teich: "Also, mein lieber Paul Krugman, nichts für ungut, aber wie wäre es mit etwas mehr Fingerspitzengefühl und Verständnis für die Faktenlage?"

Im medialen Kampf der Titanen wird natürlich auch wieder zurückgeschossen, wofür hat Herr Krugman auch seinen Blog. "Sie hassen mich" betitelt er seinen Eintrag vom 23. Juni. Die Deutschen glaubten immer noch, dass die Amerikaner die alleinige Schuld an der Krise hätten, was natürlich nicht stimme, da die von den Deutschen mitfinanzierten europäischen Immobilienblasen in Spanien und Irland genauso groß oder größer als die in den USA ausgefallen seien. "Das war eine nordatlantische Krise, ziemlich genau gleich arg auf beiden Seiten des Ozeans."

Auch Krugman ist ein Meister des Faches "Provokantes gerne zum Schluss". Amerika habe gesündigt, wie andere auch. Aber die strenge Geldpolitik, die Axel Weber als EZB-Chef wahrscheinlich verordnen würde, wäre ebenfalls eine Sünde. Eine, die Europa zu einer düsteren Zukunft mit Stagnation und Deflation verdammen würde.

Auf geht's in die nächste Runde. (rom, derStandard.at, 24.6.2010)

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    Paul Krugman sagt, dass ...

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    ... Axel Weber ganz furchtbar wäre als EZB-Chef. Und dann verteidigt ihn ...

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    ... Wolfgang Franz. Und Paul Krugman motzt wieder zurück. ...

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