HIV als soziales Todesurteil

24. Juni 2010, 15:15
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Schlechte Umsetzung der Anti-Diskriminierungsgesetze führt zu Stigmatisierung, Jobverlust oder auch Kindesentzug

Wien - Während sich in Südafrika derzeit alles dem Fußball-Fieber widmet, wird im Hintergrund ein verzweifelter Kampf gegen Aids und vor allem die HIV-Infektion von Frauen geführt. Bis zu 1.500 Menschen stecken sich täglich mit der Immunschwächekrankheit an, schilderte Johanna Kehler, Geschäftsführerin des "Aids Legal Networks" in Kapstadt am Donnerstag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der Grünen Frauensprecherin Judith Schwentner in Wien. Obwohl die Gesetze Diskriminierung verhindert sollten, führt die Umsetzung zu Stigmatisierung, Wohnungs- und Jobverlust.

In Südafrika sind mehr als die Hälfte der HIV-Infizierten weiblich, erklärt Kehler. Die Ansteckung geht einher mit einer hohen Gewalt sowie einer der weltweit höchsten Vergewaltigungsraten. Heterosexuelle Kontakte gelten als Infektionsgrund Nummer eins. 

Besser, sie weiß gar nichts von der Infektion

Die Diskriminierung von Betroffenen führt laut Kehler in Extremfall bis zum Tod: "Es passiert ganz oft, dass Frauen aus dem Haus geschmissen werden, ihnen das Sorgerecht weggenommen wird, Beziehungen zerbrechen und der Arbeitsplatz weg ist." Für die infizierten Frauen sei es dadurch sicherer, über ihr HIV-Problem gar nichts zu wissen und das erschwere die Arbeit der Hilfsorganisationen, die ohnehin unter Finanzierungsnot leiden, enorm, kritisierte Kehler. "Wir haben nicht genug Geld, alle zu behandeln."

Schweigepflicht wird nicht befolgt

Grund für die schwierige Situation sei die nicht funktionierende Umsetzung der Gesetze durch Justiz und Polizei, so die Expertin. Es sei zwar vorgesehen, dass das medizinische Personal ein Testergebnis verraten dürfe, halten würde sich daran jedoch niemand. Bei einer Schwangerschaft würden viele Frauen zwangsweise getestet und das Ergebnis weiter erzählt - viele würden daher ferne Kliniken aufsuchen, damit bei einem unerfreulichen Ergebnis niemand von der Infektion erfahre. Aber auch dann wird das Leben für Betroffene zum Spießrutenlauf: Sobald eine Mutter ihr Baby nicht stillt, sondern ihm die Flasche gibt, wird sie automatisch als HIV-Infizierte abgestempelt.

Österreichs Versäumnisse

Österreich vernachlässige bezüglich Aids seine internationale Verantwortung, beklagte Schwentner im Hinblick auf die Situation in Südafrika. Als einziges EU-Land habe die Alpenrepublik nur ein Mal - 2002 - eine Million Euro in den "Global Fund to Fight Aids" zur Erfüllung der Millenniumsziele eingezahlt. "Das ist im Vorfeld der Aids Konferenz in Wien beschämend", so die Frauensprecherin. Auch der regelmäßige Bericht der österreichischen Vorhaben an die UNO sei mangelhaft. Zuletzt sei dieser vor vier Jahren erstellt worden.

Asylwerberinnen in Österreich diskriminierungsgefährdet

Auch in Österreich seien HIV-Infizierte bei einem Outing nach wie vor diskriminierungsgefährdet, kritisierte Schwentner. "Weil es so ein Tabuthema ist." Dabei müsste man Betroffenen, die mit einer Diagnose bis zu 40 Jahre leben, ein gleichgestelltes Dasein ermöglichen.

Besonders stigmatisiert würden Sexarbeiterinnen, darunter vor allem Asylwerberinnen. Eine Tätigkeit in der Prostitution als neue Selbstständige sei häufig deren einzige Arbeitsmöglichkeit. Komme es zu einer HIV-Infektion würden die Frauen ausgewiesen und müssten in Länder zurückkehren wo es weder gute Behandlungsmöglichkeiten noch gesellschaftliche Akzeptanz gebe. Für solche Menschen wäre ein subsidiärer Aufenthalt wünschenswert, forderte Schwentner.

Späte Diagnose

Viele weibliche HIV-Infizierte in Österreich hätten Migrationshintergrund und würden die Ansteckung erst spät, jenseits der 40, entdecken, meinte Schwentner weiter. Grund dafür sei die Ausrichtung der Testangebote, die nur auf bestimmte Milieus - Drogenkonsumenten, Homosexuelle - zugeschnitten seien. (APA)

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