Sabrina Janesch beginnt das Wettlesen

24. Juni 2010, 14:06
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Ihr Text über aus der Ukraine vertriebene Polen kam nicht gut an

Klagenfurt - Die deutsche Autorin Sabrina Janesch hat am Donnerstag im Klagenfurter ORF-Theater das dreitägige Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis eröffnet. Ihr Romanauszug "Katzenberge" über die Verwerfungen im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet am Ende des Zweiten Weltkrieges kam bei der Jury gar nicht gut an. Nach ihr las Volker Altwasser seinen Text "Saudade", er erntete ebenfalls deutlich mehr Kritik als Lob. Über Christophler Kloebles Vater-Sohn-Erzählung gab es sehr kontroverse Debatten.

Janesch, die am Mittwochabend den undankbaren ersten Startplatz gezogen hatte, erzählte die Geschichte eines polnischen Bauern, der seine Heimat verlassen musste, weil sie plötzlich zur Ukraine gehörte. Der Mann zog mit einem Dutzend Schicksalsgenossen nach Schlesien, um dort von Deutschen verlassene Höfe in Besitz zu nehmen. Ihr Protagonist Janecko entdeckt auf einem verlassenen Bauernhof am Dachboden den deutschen Eigentümer, der sich erhängt hatte. In der ersten Nacht auf diesem Hof vermeint er, Stimmen und Schritte zu hören, er beschließt, die Leiche wegzuschaffen. Erzählt wird das Ganze aus der Perspektive des Enkels.

Problematische Perspektive

Probleme mit der Erzählperspektive waren denn auch die Hauptkritikpunkte der Juroren. Karin Fleischanderl meinte trocken, der Text interessiere sie eigentlich überhaupt nicht, sprachlich seien es "wohlgesetzte, brave, biedere Bilder". Hubert Winkens sah grundsätzlich ein "gutes, interessantes Thema", die Erzählweise und die Sprache der Autorin würden den Ansprüchen allerdings nicht gerecht. Alain Claude Sulzer hob hervor, dass Janesch die "Isoliertheit in der Fremde" thematisiert und herausgearbeitet habe.

Altwassers Text dreht sich um einen Fischverarbeiter, der vor der somalischen Küste auf einem Fischtrawler arbeitet, er ist Spezialist für Kurznasenseefledermäuse, deren Haut, im richtigen Moment abgezogen, unglaubliche Preise erzielt. Während er an Bord ist, überlegt er ständig, ob er dem Drängen seiner Frau nachgeben und künftig an Land bleiben soll. Am Ende wird - erwartbar - das Schiff von Piraten geentert.

Für Karin Fleischanderl zerfiel die Erzählung in zwei Teile, dem schloss sich auch Paul Jandl an. Alain Claude Sulzer sah gleich "ganz viele verschiedene Texte", die letztlich aber nicht zusammenpassten. Hubert Winkels meinte, der Stoff sei "aus dem 19. Jahrhundert", Hildegard Keller fehlte der Zusammenhang der vielen Anknüpfungspunkte, die sie in dem Text gefunden habe. Meike Feßmann, die Altwasser vorgeschlagen hatte, verteidigte ihren Autor, der "die Geschichte des Meeres erzählt". Die Figur sei Protagonist einer Trilogie und funktioniere durchaus. Juryvorsitzender Burkhard Spinnen wandte ein, man dürfe die anderen Texte nicht ins Kalkül einbeziehen. Dies sei zwar vielleicht ungerecht, aber Voraussetzung dieses Wettbewerbs.

Zwischenmenschliche Beziehungen

Auch Christopher Kloeble las einen Romanauszug. "Der versteckte Mensch" befasst sich mit einer Vater-Sohn-Beziehung, bei der der Sohn bereits im Kindesalter die Vaterrolle übernimmt, da dieser zurückgeblieben ist. In der im Klagenfurter ORF-Theater präsentierten Passage stellt sich heraus, dass der Vater unheilbar krank ist und der Sohn beschließt, bis zu dessen Tod bei ihm zu wohnen.

Winkels sah den Text "völlig abstürzen", weil der Sohn plötzlich beschließe, mit seinem Vater auf "ganz normale Weise" zu kommunizieren. Feßmann widersprach, dies sei zu streng, sie stieß sich eher an der Sprache des Protagonisten. Jandl konstatierte, der Bachmannpreis sei ein "Auffangbecken" für Figuren mit Wahnvorstellungen oder Demenz. Es sei ein "Text der Putzigkeit". Sulzer wandte ein, ihm habe die Umkehrsituation der Figuren gefallen. Kloeble habe die Problemstellung auf eine lockere Weise, und "gar nicht putzig" gelöst, es gehe auch überhaupt nicht um Wahnsinn. Auch Fleischanderl gefiel der Text eigentlich ganz gut. Spinnen sah eine "Versuchsanordnung", die ganz exakt angeordnet sei. Der Gesamtanspruch, der anfangs erstellt werde, könne jedoch nicht ganz eingelöst werden. Keller meinte, ihr Interesse sei "sehr geweckt" worden, die Konstellation sei "anrührend und interessant, durchgespielt zu werden". (APA)

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