Traumtor ermöglicht Traumduell

24. Juni 2010, 13:48
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Deutschland vs. England als Achtelfinalkracher - Mertesacker: "Müssen uns enorm steigern" - Capello: "Extrem glücklich"

Johannesburg - Der dreifache Weltmeister Deutschland, der noch nie in der Gruppen-Phase einer WM auf der Strecke geblieben ist, hat dem Druck des Gewinnen-Müssens standgehalten. Über das 1:0 am Mittwochabend in Johannesburg im letzten und entscheidenden Spiel des Pools D freuten sich nicht nur die Deutschen, sondern auch die Verlierer aus Ghana, die den Mutterkontinent wohl als einziges Land im Achtelfinale der Fußball-WM in Südafrika vertreten werden, sofern nicht die Elfenbeinküste doch noch ein Wunder schafft.

Durch das Traumtor von Mesut Özil nach einer Stunde vor 83.391 Zuschauern im Soccer-City-Stadion kommt es nun in der Runde der letzten 16 mit Deutschland gegen England am Sonntag (16.00 Uhr) in Bloemfontain zu einem Klassiker par excellence. "Das ist sicher eine besondere Begegnung. Das wird ein Spiel werden, das große Vorfreude bereitet. Das Duell lebt von der Geschichte. Wir werden versuchen, dann einige Dinge besser zu machen", sagte der deutsche Teamchef Joachim Löw.

Löws Truppe im "Stahlbad"

Auch wenn die Briten bisher nicht überzeugten, auch die DFB-Elf wird sich steigern müssen. Denn das, was sie gegen die Ghanaer zeigten, war keine Ruhmestat - es war ein erzitterter Arbeitssieg nach intensiv, aber nicht hochklassig geführten 90 Minuten. "Man hat gemerkt, dass ein großer Druck auf der jungen Mannschaft lastet. Aber auch solche Spiele muss man gewinnen. Das haben wir geschafft und darüber bin ich glücklich", meinte Löw über das letzte Gruppen-Spiel resümierend. Es sei für seine junge Truppe gut gewesen, durch "so ein Stahlbad" gegangen zu sein.

Goldtorschütze Özil, der von einem verdienten Sieg sprach, meinte zu seinem ersten WM-Treffer: "Ich habe vor mir niemand gesehen, dann habe ich mir gedacht: draufschießen. Wir sind erleichtert, dass wir gewonnen haben." Der Werder-Regisseur meinte, dass er schon vor der Pause, als er alleine auf das Ghana-Tor zugelaufen war, das 1:0 hätte machen müssen. Und zum 32. Duell mit den Engländern bemerkte er: "Wenn wir die Leistungen von heute abrufen, können wir auch sie bezwingen."

Optimistischer Kaiser

"Kaiser" Franz Beckenbauer gibt sich ebenfalls optimistisch und sagte: "Gegen England kann man sich viel besser einstellen als gegen die wuseligen Afrikaner." Innenverteidiger Per Mertesacker, der nicht seinen besten Tag erwischt hatte, meinte dagegen: "Wir müssen uns enorm steigern, um mithalten zu können." Und Bayern-Offensiv-Mann Thomas Müller meldete sich mit Keckheit zu Wort: "Wenn wir Weltmeister werden wollen, müssen wir ohnehin jeden schlagen."

Sorgen um Schweinsteiger

Zum Problem könnte die Blessur des starken Sebastian Schweinsteiger werden, der sich zehn Minuten vor dem Schlusspfiff am linken, hinteren Oberschenkel verletzt hat. "Er musste raus, da er muskuläre Probleme hatte", erläuterte Löw nach der Partie und bezeichnete den Wechsel als "Vorsichtsmaßnahme". Sollte er wegen der Muskelverhärtung ausfallen, wäre das nicht gerade von Vorteil, musste der frühere Innsbruck- und Austria-Trainer aber zugeben.

Im Mutterland des Fußball kann man den WM-Knüller gegen den Erzrivalen ebenfalls kaum erwarten. "Macht Euch bereit für die deutsche Kriegsmaschine - der alte Feind hat das Achtelfinale gegen England gebucht", schrieb das Boulevardblatt "The Sun" auf seiner Internet-Seite. Und die "Daily Mail" frohlockte: "Özils Kracher macht das Traum-Duell perfekt."

Neues Selbstvertrauen für England

England beschwört nach dem erzitterten Aufstieg ins Achtelfinale seinen wiederentdeckten Kampfgeist. Zwar vermochten die "Three Lions" auch am Mittwoch gegen Slowenien (1:0) nicht restlos zu überzeugen. Die Art und Weise des Auftritts in Port Elizabeth weckte aber die Hoffnung auf mehr.

Angst haben die Engländer laut eigenen Angaben vor niemandem mehr, schon gar nicht vor dem Erzrivalen. "Das ist wieder das Team, das ich kenne", betonte Teamchef Fabio Capello. "Wir können gegen jeden Gegner zuversichtlich sein, weil die Köpfe der Spieler wieder frei sind." Der große Druck der Öffentlichkeit habe laut Capello die spielerische Blockade in den ersten beiden Partien ausgelöst. "Aber jetzt gibt es keine Angst mehr, keine Selbstzweifel", meinte der Italiener. "Ich bin extrem glücklich."

Balsam für Ghana-Coach Rajevac

Ebenso groß wie in Deutschland war auch die Freude in Ghana. "Die "Black Stars scheinen für ganz Afrika", hörte man im Radiosender "Joy FK". Das Online-Portal "Ghanaweb" schrieb: "Ja, ja, jaa - Ghana ist Afrikas einzige Hoffnung!" Selbst Teamchef Milovan Rajevac, der in den vergangenen Tagen noch als "serbischer Judas" und "Ratte" beschimpft worden war, bekam plötzlich wieder Sympathiebekenntnisse der Fans. "Endlich hat Milo den serbischen Druck abgeschüttelt, nun kann er sich auf uns konzentrieren. Mit seiner Hilfe werden wir die USA schlagen", gab sich ein Anhänger optimistisch.

"Ich hoffe, die Mehrheit der Südafrikaner unterstützt uns intensiv", meinte Rajevac. "Das Turnier hat für Afrika nicht so gut begonnen, aber nun lasst uns hoffen, dass es besser endet", sagte Offensivmann Sulley Muntari vom Champions-League-Sieger Inter Mailand. Die "Black Stars" treffen am Samstag in Rustenburg (16.00 Uhr) auf die USA. Ghana hat das Kunststück fertiggebracht, die Gruppenphase zu überstehen, ohne dabei aus dem Spiel heraus ein Tor erzielt zu haben. Die Treffer gegen Serbien (1:0) und gegen Australien (1:1) markierte jeweils Stürmer Gyan vom Elferpunkt.

Serbische "Schande"

Während die australischen Fans nach dem 2:1-(0:0)-Erfolg im abschließenden Gruppenspiel gegen Serbien trotz der knapp verpassten Achtelfinalteilnahme stolz auf ihre "Socceroos" waren und feierten, herrschte unter den serbischen Anhängern und Journalisten Riesenenttäuschung nach dem Ausscheiden ihrer "Adler". "Schande!", titelte die Belgrader Zeitung "Press" am Donnerstag. Und "Danas" schrieb: "Die Kängurus haben für die Adler die Koffer gepackt."

Die Boulevardzeitung "Novosti" gab Trainer Radomir Antic die Schuld für den K.o.: "Die völlig falsche Strategie und die falschen Auswechslungen" hätten das Debakel verursacht. "Der Traum vom Viertelfinale wurde zum Alptraum." Auch die auflagenstärkste Zeitung "Blic" resignierte: "Trauriges Ende Serbiens bei der WM: Aus Adlern wurden Vögelchen. Besiegt von einem nicht so starkem Gegner nach einem katastrophalen Spiel in der zweiten Hälfte."

Kritik an Schiri Larrionda

"Uns hätte am Ende sogar ein Unentschieden zum Weiterkommen gereicht, aber wir hatten nicht das Wissen, die Kraft und den Mut, noch ein Tor zu erzielen", hieß es in "Press". Serbiens Coach Radomir Antic, der trotz des verpassten Aufstiegs weitermachen will, hielt dagegen von Selbstkritik nichts und suchte die Schuld für das Aus ausschließlich bei Referee Jorge Larrionda aus Uruguay, der laut Antic ein reguläres Tor wegen Abseits aberkannt und im Finish auch noch ein Handspiel von Cahill im Strafraum nicht geahndet hatte.

"Das ist ein schwarzer Tag für Serbiens Fußball, der Schiedsrichter hat uns bestohlen. Uns wurden zwei Treffer aberkannt, wobei der erste definitiv nicht abseits war. Und außerdem wurde uns noch ein Elfer vorenthalten für eine Handball-Aktion, die in den Spielen zuvor zu zwei Elfern gegen uns geführt hatten", erklärte Antic und erinnerte damit an die entscheidende Situation bei der 0:1-Auftaktniederlage gegen Ghana. "Wir haben bewiesen, dass wir zurecht bei dieser WM waren, sind aber leider nicht fair behandelt worden. Das heutige Spiel hat bewiesen, dass nicht immer das bessere Team gewinnt", sagte Antic. (APA/dpa/Si/Reuters/AFP)

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    Die Entscheidung zu Gunsten Deutschlands.

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    Mesut Özil kickte Deutschland ins Duell mit England.

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