Einmal tief Luft holen

22. April 2003, 10:41
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Neu entwickeltes Gerät liefert durch einfache Atemluftanalyse Zusatzinformationen zu medizinischen Laborwerten

Patient A. klagt über Beschwerden im rechten Oberbauch. Er sucht den ortsansässigen Internisten auf. Der Mediziner vermutet eine Erkrankung an der Leber und ordnet zunächst Blutbild und Ultraschall an. Mit einer Gewebsentnahme will er noch zuwarten. Zum Schluss reicht er A. einen Trinkhalm und ein Glas. "Blasen Sie bitte hier rein", ersucht der Arzt den Patienten.

So oder so ähnlich könnte schon bald die routinemäßige Untersuchung beim Internisten im Falle einer Lebererkrankung ablaufen. Die Firma V & F Medical Development, Mitglied im Kompetenzzentrum Medizin Tirol, arbeitet zurzeit an einem Gerät, das im aktuellen Diagnoseverfahren durch einfache Atemluftanalyse - also nicht invasiv - wertvolle und breit gestreute Zusatzinformationen liefern könnte. Mit dem Vorteil, einfacher, schneller, vor allem schmerzloser Handhabung.

"Schlichtweg sensationell" nennt der Landecker Internist Raimund Kaserbacher die Forschungen der Absamer. "Wenn ich einem Patienten kein Blut mehr abnehmen muss, um zum Beispiel Diabetes feststellen zu können, ist das ein wesentlicher Fortschritt." Und zwar sowohl für den Patienten wie auch für die Möglichkeiten der Diagnostik.

Weiter Weg

Bis zum endgültigen Verzicht auf die immer noch aussagekräftigste Diagnostik, das Blutbild aus dem Labor, sei es freilich noch ein "relativ weiter Weg", betont Siegfried Praun von V&F. Erste Schritte in diese Richtung bestätigt der Forscher aber sehr wohl.

"Airsense" heißt das Wunderding, und der Grundgedanke dahinter ist bestechend einfach: Gasmessgeräte der seit 17 Jahren bestehenden V&F Analyse- und Messtechnik GmbH finden bereits ihren Einsatz unter Automobil- und Lebensmittelherstellern. Dieselbe Technologie fand in der Folge von der eigens gegründeten Tochterfirma Medical Development am Menschen ihre Weiterentwicklung: Die menschliche Atemluft besteht beim Ausatmen aus einer Vielzahl von Molekülen. Diese unterscheiden sich durch ihre Masse. Bei der "Airsense" handelt es sich nun um ein Messgerät, das es erlaubt, gasförmige Verbindungen oder Verbindungen, die aus flüssigen oder festen Körpern entweichen, zu messen. Und damit lassen sich Rückschlüsse auf Vorgänge im Körper ziehen.

Erste Ergebnisse erzielten Praun und seine neun Mitarbeiter etwa in Kooperation mit der Innsbrucker Universitätsklinik im Bereich der Leberdiagnostik. Ob eine Fettleber beispielsweise aufgrund zu hohen Alkoholkonsums entstanden ist oder nicht, können Ärzte bei herkömmlichen Diagnoseverfahren nicht feststellen. Praun: "Der prominenteste Leberwert im Labor, das Enzym Gamma-GT gibt keine ausreichende Auskunft über die Ursache einer krankhaften Veränderung." Mithilfe eines einfachen Atemtests könne man nunmehr genau bestimmen, woher die Vergrößerung des mit Fetttröpfchen angereicherten Organs rührt. Praun: "Das hat nicht nur für die nachfolgende Therapie, sondern auch im Bereich der Früherkennung maßgebliche Auswirkungen."

Das Prinzip, von Gasen Rückschlüsse auf organische Abläufe zu ziehen, findet bereits seit geraumer Zeit alltäglichen Gebrauch. Beim hinlänglich bekannten Alkomat etwa bläst man durch ein Mundstück in ein Gerät, durch den der Anteil an Ethanolmolekülen festgestellt wird. Ebenfalls etabliert ist der Helicobakter-Atemtest, mit dem festgestellt werden kann, ob die Magengegend mit diesen nachgewiesenen Wegbereitern für Magenkarzinome befallen ist. Beide Methoden zählen zur "Einkomponentenanalyse".

Vollautomatisch

Das Gasmessgerät "Airsense" arbeitet im Gegensatz dazu multikomponentenanalytisch und damit weitaus differenzierter. Man bläst durch besagten Strohhalm in ein Glas, dieses wird luftdicht verschlossen und im so genannten Massenspektrometer vollautomatisch analysiert. Zum Unterschied von herkömmlichen Geräten können dabei alle wesentlichen Verbindungen nachgewiesen werden. Die V&F-Forscher maßen 114 verschiedene Moleküle in der menschlichen Atemluft. Verwertbar für die Leberdiagnostik waren 44.

Neben der Leberdiagnostik sieht Siegfried Praun eine Reihe weiterer Anwendungsgebiete. Beispielsweise könnte durch Gasanalyse die Wirksamkeit von Diäten überprüft werden. Erstmals sei nachgewiesen worden, dass sich bestimmte Atemanteile bei einer Entgiftungskur signifikant veränderten, berichtet Praun.

In der Arbeitsmedizin könnten ebenfalls nicht invasive Technologien wertvolle Erkenntnisse bringen. Praun: "Wenn Menschen an ihrem Arbeitsplatz Lösungsmitteln wie zum Beispiel Aceton und Äther ausgesetzt sind, kann man überprüfen, wie der Körper diese Stoffe aufnimmt und auch wieder abbaut."

Für die Forschung öffnen sich neue Felder. Viele Daten, die das Massenspektrometer liefert, sind in der Medizin in ihren Zusammenhängen noch gar nicht bekannt. "Wir werden einiges neu lernen müssen", glaubt Internist Raimund Kaserbacher. (Doris Priesching/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 4. 2003)

Ein neu entwickeltes Gerät liefert durch einfache Atemluftanalyse wertvolle und breit gestreute Zusatzinformationen zu medizinischen Laborwerten. Der völlige Verzicht auf herkömmliche Blutabnahme scheint damit im Bereich des Möglichen. Das Prinzip, von Gasen Rückschlüsse auf organische Abläufe zu ziehen, kommt bereits beim hinlänglich bekannten Alkomat zum Einsatz. Die Technologie des "Airsense"- Massenspektrometers arbeitet auf ähnlicher, aber weitaus ausgefeilterer Basis.

Vandf.com
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