Die Streiklust in der Wagenhalle

22. April 2003, 19:55
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100.000 Menschen stehen diese Woche bei Betriebsversammlungen gegen die Pensionspläne der Regierung

Wien - "Nach links hinein, links geht's zur Betriebsversammlung", zeigt der Mann mit dem roten Gewerkschaftskapperl auf die Wagenhalle. Den meisten Eisenbahnern, die zwischen den Gebäuden und Gleisen der ÖBB-Zentralwerkstätte in Wien-Simmering auf die Halle zuströmen, bräuchte er den Weg zwar nicht zeigen. Aber der Mann mit dem Kapperl hat den Job zu erfüllen, den seine Armbinde beschreibt: "ÖGB-Ordner".

In der langen, hohen Wagenhalle stehen viele Eisenbahnwaggons herum - und immer noch das Feierschild "1873 bis 1998, 125 Jahre Stiftswerk Simmering". Den rund 400 Männern und vereinzelten Frauen, die sich Dienstagmittag in der Halle fast ein bisschen verlieren, ist aber alles andere als nach Feiern zumute: Immerhin sind sie heute zum Protestieren da, zur Betriebsversammlung gegen die Pensionspläne.

Blaumann steht an Blaumann, blaue Latzhose an blauer Latzhose - und alle sind verärgert: "Als ich zur Bahn gegangen bin, haben mich alle ausgelacht, weil ich so wenig verdiene. In der Privatwirtschaft kriegt man 20 Prozent mehr. Und jetzt wollen sie uns auch nicht in Pension gehen lassen", redet sich Herr Georg in Rage. Journalistenfragen wie die, ob eine Anhebung des Pensionsalters von 54,5 auf 57,5 Jahre wirklich ein Grund zur Empörung sind, machen seinen Kollegen Rudolf gleich noch wütender: "Alle reden über unser Pensionsalter - aber niemand sagt, dass wir keine Abfertigung kriegen und viel mehr Pensionsbeiträge zahlen als andere."

Fremdkörper Blouson

Franz Burghart sagt das schon. Er ist Pensionsexperte der ÖBB, der Erste, der auf der Betriebsversammlung ans Rednerpult vor dem herumstehenden Waggon "2. Klasse, Nichtraucher" tritt - und unterscheidet sich schon durch seine Krawatte und sein Wildlederblouson von den Zuhörern. Burghart referiert knochentrocken über Durchrechnungszeiträume, Steigerungsbeträge und andere Pensionsreformdetails, die dazu führen, dass die höheren Pensionsbeiträge der Eisenbahner zwar bleiben, sie aber später und mit weniger Geld in Pension gehen sollen - und schafft es, während seiner zehnminütigen Rede nicht ein einziges Mal von Applaus unterbrochen zu werden.

Noch fahren die Züge

Wilhelm Haberzettl, Chef der Eisenbahnergewerkschaft, trifft die Emotionen seiner Zuhörer schon eher. Etwa, wenn er gegen Wolfgang Schüssel anschimpft, der als Vizekanzler bei der Pensionsreform 1997 für 20 Jahre Ruhe garantierte und den Eisenbahnern jetzt als Kanzler wieder etwas wegnehmen will: "Wir zahlen um 47 Prozent mehr Pensionsbeiträge und bekennen uns dazu. Aber der Verhandlungspartner soll auch zu seinem Wort stehen", donnert Haberzettl. Und die Männer nehmen ihre Hände aus den Hosentaschen der blauen Montur und rufen "Bravo". Solche Sätze gefallen ihnen. Andere Haberzettl-Sätze, wie die über "die Kameralistik des Bundes", lassen die herumstehenden ÖBB-Mitarbeiter eher kalt.

So wie sie sollen 100.000 Menschen diese Woche bei 2000 Betriebsversammlungen quer durch Österreich stehen. Und den Auftakt der großen Protestaktion der Gewerkschaft gegen die "Geldbeschaffungsaktion" Pensionsreform bilden. Wohin dieser Protest führen kann, daran lassen Gewerkschaftsführer seit Tagen keinen Zweifel: bis hin zum Streik. Die Industriellenvereinigung hat die Signale gehört - und warnt schon vor Streiks.

Am Dienstag fahren die Züge noch, trotz der Protestversammlung. Das wird nicht so bleiben, wenn die Regierung ihre Pensionspläne nicht zurückzieht, droht Haberzettl: "Dann gibt es einen Arbeitskonflikt bis zum Streik, den die Eisenbahnergewerkschaft nicht fürchtet", ruft er in die Halle. Und schließt die Betriebsversammlung nach einer halben Stunde.

Buckeln für die Liste

Noch gehen die Blaumänner nicht zurück an die Waggon-Montur. Sie schimpfen noch ein bisschen über "Pensionsraub" - und geben sich kämpferischer als Haberzettl: "Na, sicher sind wir für Streik. Wir können uns nicht immer alles gefallen lassen und vor der Regierung buckeln."

Buckeln muss nur Herr Peter. Sein Rücken ist die Schreibunterlage für die Unterschriftenliste und die Protestresolution. Herr Peter buckelt in dem Fall aber gern: "Es ist doch leiwand, wenn endlich gekämpft wird."
(DER STANDARD, Printausgabe, 23.4.2003)

100.000 Menschen stehen diese Woche bei Betriebsversammlungen gegen die Pensionspläne der Regierung. Am Dienstag standen die Eisenbahner, etwa in der Zentralwerkstätte in Simmering. Und ließen sich auch von noch so trockenen Rednern nicht vom Zorn abhalten.

von Eva Linsinger

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ÖGB

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    Aktivisten des ÖGB, maskiert als Bundeskanzler Vizekanzler, während ihrer Aktion, dem Schwarz-Blauen Regierungskegeln, am 6. März auf der Ringstrasse vor dem Parlament.

  • Der Gewerkschaftsbund startet eine Reihe von
Betriebsversammlungen gegen die
Pensionsreform-Pläne der Regierung.
    montage: derstandard.at

    Der Gewerkschaftsbund startet eine Reihe von Betriebsversammlungen gegen die Pensionsreform-Pläne der Regierung.

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    Betriebsversammlung der ÖBB in Wien-Simmering

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