Kompliziertes Verhältnis

21. April 2003, 20:13
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Ein US-Angriff auf Syrien wäre nur im ALleingang zu machen - Von Gudrun Harrer

Die Vernunft scheint zumindest im amerikanisch-syrischen Umgang wieder Einzug zu halten; die Befürchtung, die USA könnten auch in diesem Konflikt für eine militärische "Lösung" optieren, ist wohl vom Tisch. US-Außenminister Colin Powell wird nach Damaskus reisen - ein Besuch, der im Bagdad vor dem Krieg undenkbar gewesen wäre.

Würden sich die USA für einen anderen als den diplomatischen Weg entscheiden, müssten sie diesen völlig allein gehen: Die europäischen Verbündeten stehen nicht zur Verfügung. Einen wichtigen Unterschied, der militärisch irrelevant sein mag, politisch dann aber doch nicht so ganz, machen aber auch die arabischen Staaten: Verbal einer gewaltsamen Entfernung Saddam Husseins entgegengesetzt, haben sie für dessen Verteidigung keinen Finger gerührt und weinen ihm angesichts seines Verbrechenregisters keine Träne nach. Syrien mit Präsident Bashar al-Assad ist ganz im Gegensatz zum untergegangenen Irak Saddams ein wohlintegriertes, politisch starkes Mitglied der arabischen Staatengemeinschaft - wobei seine Defizite in Menschenrechtsfragen dabei natürlich keine Rolle spielen, denn im Glashaus wirft wohlweislich niemand mit Steinen.

Das Verhältnis Syriens zu den USA ist kompliziert: Vom Weißen Haus jüngst mit dem unter Bill Clinton abgeschafften, von George Bush wiederbelebten Begriff "Schurkenstaat" belegt, befindet es sich nicht auf der "Achse des Bösen". Viel ist jetzt die Rede vom - für die syrische Wirtschaft tatsächlich dramatischen - Verlust der Öleinnahmen, die Syrien durch UN-rechtlich illegale Öllieferungen aus dem Irak bisher hatte. Dieser Ölschmuggel fand, wie der in die Türkei, unter den freundlichen Augen der USA statt, salopp gesagt, ein kleines Dankeschön für die Kooperation Damaskus' nach 9/11.

Und obwohl Syrien all die Jahre über wegen seiner Verbindungen zu palästinensischen Terrorgruppen auf der US-Terrorliste stand, war der alte Assad, dessen Sündenregister wohl etwas länger war als das des jungen Assad jetzt, sehr wohl ein hoffähiger Gesprächspartner auch für US-Politiker. In den USA hat man nicht vergessen, dass der israelisch-syrische Frieden nicht am prinzipiellen Nichtwollen Damaskus' gescheitert ist, sondern an territorialen Fragen. Wenn man der Nachgiebigkeit Syriens nun durch wirtschaftlichen und politischen Druck nachhelfen kann, wird man es ohne Zögern tun. Aber es muss offensichtlich nicht gleich ein Krieg sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2003)

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