Die ultimative Pensionsreform

21. April 2003, 20:08
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Vom Volksbegehren "Politikerpensionen für alle" über die Vorzüge der "pränatalen Rentenanpassung" bis zu "Ablebenspfusch" und "Millenniumswert": ein Ausflug ins Reich der Sciencefiction - ein Kommentar der anderen von Thomas Wintersberger

Das folgende Szenario versucht die heftige Kritik an den Pensionsplänen der Bundesregierung in produktive, wenn auch (vorerst?) fiktive Bahnen zu lenken. Ziel des Unternehmens: das realiter Unausweichliche - unüberlegte Pensionsreformen kurbeln das "Pfuscherunwesen" an - mit dem offensichtlich Wünschenswerten - wie können aufkommensneutral noch höhere arbeitslose Politikereinkommen finanziert werden? - zu einem ebenso harmonischen wie richtungsweisenden Ganzen im Dienste des Gemeinwohls zu fügen. Dergestalt:

Stufenplan

1. In den kommenden zehn Jahren wird der Bruttobetrag der Pension schrittweise um zwei Prozentpunkte pro Jahr gesenkt. Das ergibt einen Abfall auf 81,7 Prozent. Gleichzeitig wird der Durchrechnungszeitraum schrittweise verlängert auf 40 Jahre. Dies senkt die Pension um weitere, durchschnittlich gerechnete 16 Prozent. Damit wären wir bei ca. 65,7 Prozent des jetzigen Wertes. Die Folge: Immer mehr Österreicher/innen drängen in politische Funktionen - in der berechtigten Erwartung auf besseren Verdienst und höhere Pension.

Die etablierten Parteien blocken diese Ambitionen anfangs noch ab, sehen sich aber nach dem Auftauchen einer neuen Partei, die durch ein Volksbegehren "Politikerpensionen für alle" regen Zulauf erhält, gezwungen, nachzugeben, um die eigene Existenz langfristig abzusichern: Eine etwas höhere Anzahl "Zufriedener" wird die Unzufriedenen leichter unter Kontrolle halten - eine einfache gruppendynamische Kalkulation.

Die Zahl der Abgeordneten in Parlament, Landtagen, Gemeinderäten etc. wird also aufs Erste verdoppelt. Staatssekretäre erhalten zusätzlich zu ihren Mitarbeitern je drei Subsekretäre, die die Arbeit ihrerseits auf je acht Untersubsekretariate aufteilen. Diesen werden darüber hinaus Beamte beigestellt, die nach drei Jahren Anstellung automatisch "Politikerstatus" erhalten, um die Kontrolltätigkeit auf einem Niveau zu stabilisieren, das eventuelle "Mitleidseffekte" mit der Restbevölkerung ausschließt.

2. Der neue "Politikerschub" bewirkt wegen des rasch anfallenden Pensionsanspruchs dieser Klientel naturgemäß eine neuerliche Pensionsreform: Dabei werden von den Jahren des Durchrechnungszeitraumes schrittweise (so genannte "Drübergangsregelung") zehnmal die beiden besten Jahre gestrichen und zwei schlechte zur Berechnung herangezogen. Ergibt eine weitere Reduktion der Pension, um bis zu 20 Prozent - und somit einen verbleibenden Rest von 45,7 Prozent.

3. Bei manchen Bevölkerungsgruppen, vor allem jenen, die nicht die mittlerweile vorgeschriebenen 65 Arbeitsjahre aufweisen, müssen zur Pensionsberechnung auch Einkommen aus der Ausbildungszeit herangezogen werden, fallweise auch solche vor der Geburt; der Kanzler rühmt diese "Pensionsanpassung unter Bedachtnahme pränataler Fakten" als europäischen Quantensprung.

4. Auf ein Minimum geschrumpfte Pensionen zwingen die Bevölkerung zum "organisierten Pfusch" bis ins Greisenstadium.

Bei Erreichen des Pensionsalters besteht nämlich "Rentenpflicht", da mittlerweile 40-jährige jugendliche Arbeitslose auf den Arbeitsmarkt drängen, um wenigstens die Hälfte der zur Pensionsberechnung herangezogenen Jahre in einem geregelten Arbeitsverhältnis gewesen zu sein. Die Zeit von 15 bis 40 (der so genannte "Erlebenspfusch") darf ja offiziell nicht aufscheinen.

5. Um die im Lebensabend notwendig gewordene, im Volksmund "Ablebenspfusch" genannte Erwerbstätigkeit ordentlich vorbereiten zu können, versuchen viele, trotz hoher Abschläge - zwölf Prozent pro Jahr! -, Vorruhestandsmodelle in Anspruch zu nehmen. Macht bei fünf Jahren früherem Pensionsantritt 60 Prozent. Subtrahiert man diese vom letzten Pensionsprozentwert (45,7 Prozent, s. o.), so sind wir bei minus 14,3 Prozent.

Da im Übrigen als Berechnungsgrundlage für alle Abzüge eine fiktive im Jahr 2000 angesetzte Pension in der Höhe von 2200 Euro zur Anwendung kommt (im offiziellen Sprachgebrauch als "Millenniumswert" deklariert), eröffnet sich unterm Strich folgende Perspektive: Jede/r 65-Jährige muss exakt 314,6 Euro monatlich bezahlen, um seinen Vorruhestand zu genießen bzw. seinen "Ablebenspfusch" Gewinn bringend vorzubereiten.

Gleichzeitig erhalten Expolitiker jeden Alters bis zu ihrem Pensionsanspruch ein arbeitsloses Grundeinkommen von 22.000 Euro, welches mithilfe der genannten Vorruhestandsbeiträge aufkommens- und steuerneutral finanziert wird.

Fast müßig zu erwähnen, dass die für diesen Reformschub verantwortlichen Politiker gleich mit einer doppelten Frohbotschaft in die nächste Wahl ziehen könnten: Sämtliche relevante Pensionen sind auf Jahrzehnte gesichert und "unsere Senioren" so aktiv wie noch nie ... (DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2003)

Thomas Wintersberger ist Kabarettist in Niederösterreich
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