Börsen vor der Trendwende

29. April 2003, 01:23
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Fragt sich nur welche! - Gastkommentar von Michael Margules

An sich müsste jetzt endlich der Weg frei sein für eine länger anhaltende Kurserholung, die über das durchaus beachtliche Niveau – alleine der deutsche Markt hat gemäß DAX rund 32 Prozent zugelegt, und notiert damit so wie mit Ausnahme Japans alle anderen bedeutenden Märkte auf den Jahresanfangsständen – der letzten drei Wochen hinausgeht.

Kurzfristige Politik weicht den langfristigen Fundamentdaten

Die wichtigsten (und bedrohlichsten) Hindernisse sind mehrheitlich aus dem Weg geräumt. Die Alliierten haben, militärisch, im Irak gesiegt. Massenvernichtungswaffen – chemische und biologische Kampfstoffe – wurden nicht eingesetzt, und auch die Erdölfelder, der Reichtum des Iraks, brennen nicht. Ist aber an den Märkten bereits Normalität eingekehrt? Die unmittelbar bei Ausbruch und ebenso nach dem Kriegsende im Irak unter Investoren ausgebrochene Euphorie hat sich wieder gelegt und einer realistischeren Einschätzung Platz gemacht – und zwar völlig zu Recht: Weder im politischen noch im wirtschaftlichen Umfeld sind im Moment die Voraussetzungen für zu großen Optimismus gegeben. Amerikas Intervention im Nahen Osten hat noch lange nicht alle Probleme gelöst, und an Konfliktherden, die die Finanzmärkte noch lange belasten könnten, fehlt es nicht. Auch und insbesondere das konjunkturelle Umfeld lässt noch einiges zu wünschen übrig, das Wachstum in den wichtigsten Industrieländer stagniert und Impulse, die das ändern könnten, sind erst wenige auszumachen, oder, wie im Falle von Asien, zumindest kurzfristig durch das Virus S.A.R.S. bedroht.

Amerikanischer Aktienmarkt mit ausgeprägte Zyklen

Auch für Börsenhistoriker überwiegen eher die Warnsignale. Zumindest stimmt ein vom amerikanischen Investmentberater und Börsenbrief-Autor Sy Harding unternommener Rückblick nachdenklich. Seiner Studie zufolge gab es seit dem Jahr 1901 am amerikanischen Aktienmarkt ausgeprägte Zyklen. Dabei wechselten sich Perioden der Stärke mit schwachen Phasen ab und umgekehrt. So brachte die „Buy and Hold“-Strategie, die laut Professor Jeremy J. Siegel, wie in seinem herausragendem Werk „Stocks for the long Run“ dargestellt, die einzig lohnenden Alternative des Aktieninvestierens darstellt, den Anlegern zwischen 1901 und 1921 entweder keine Gewinne oder sogar Verluste. Es kam zu häufigen Kurswechseln, und erfolgreich waren nur jene Anleger, die ein Gespür für das richtige Timing hatten. Insgesamt waren in dieser Zeit sechs Bärenmärkte zu verzeichnen. In vier dieser Fälle verlor der Dow Jones Industrial Average mehr als 40 Prozent.

Oft waren nur „Markttimer“ erfolgreich

Weitaus besser sah es dagegen von 1921 bis 1929 aus. Hier brachte es der Markt acht Jahre lang auf durchschnittliche Gewinne von 25 Prozent per anno - und zwar ohne eine ernsthafte Korrektur hinnehmen zu müssen. Als die Kaufen und Halten-Strategie schon zur Erfolg bringenden Routine geworden war, kam es allerdings im Jahr 1929 zum großen Crash. In der Folge verlor der Dow Jones 90 Prozent seines Wertes. In den zwanzig Jahren nach diesem Crash gelang es wieder nur Anlegern mit einem ausgesprochen guten Gefühl für das richtige Markttiming, Geld zu verdienen. Die richtige Strategie in dieser Zeit war es, Gewinne nahe der Hochpunkte mitzunehmen und in Abschwungphase auf fallende Kurse zu setzen. Buy-and-Hold-Investoren mussten dagegen 26 lange Jahre warten, bis der Markt sein Kursniveau des Jahres 1929 zurückeroberte.

Geschichte mahnt zur Vorsicht

Nach dieser harten Geduldprobe ging es dafür in der Phase zwischen 1949 und 1966 wieder nach oben. Im Schnitt ergaben sich Kursgewinne von 14 Prozent im Jahr, allerdings kam es auch immer wieder zu Korrekturen, die den Dow um bis zu 27 Prozent zurückwarfen. Durchgehend wechselhaft wurde es dann von 1966 (Jahresendstand des Dow Jones-Index von 1.000) bis 1982 (Jahresendstand des Dow bei 800) wieder, ehe sich daran der Bullenmarkt von 1982 bis 1999 anschloss. In dieser Zeit verbuchte der S&P 500 Index durchschnittliche Jahresgewinne von 14,8 Prozent.

Diese gewinnträchtige Periode ist aber, wie die meisten Anleger leidvoll erfahren haben und auch in der vom oben erwähnten Autor Siegel nicht in seinem „Stocks for the long Run“ mit den nahezu 200 jährigen Untersuchungen des amerikanischen Aktienmarkts bis dato nicht enthalten, spätestens seit März 2000 durch einen Bärenmarkt abgelöst worden. Daran schließt sich für Harding die Frage an, ob diese Entwicklung als Hinweis für die Entwicklung der nächsten Jahre gewertet werden muss. Wenn sich die Geschichte wiederholt, dann sollte die jetzige Phase ähnlich den Zeiträumen von 1909-1921, 1929-1945 und 1966-1982 verlaufen.

Das Umfeld bleibt holprig

Die ersten Jahre dieses Jahrtausends scheinen die Theorien des Sy Harding zu bestätigen: wohl scheinen die ärgsten Korrekturen, vor allem in Europa und Asien abgeschlossen, doch Anleger erwartet jedoch, um es möglichst diplomatisch auszudrücken, ein typisches Seitwärts-Szenario: nämlich eine noch längere Periode rückläufiger Kurse, mit stets wiederkehrenden, kurzfristigen (Bären)Rallys, die aber ebenso von neuen Phasen nachhaltiger Kurskorrekturen und damit einhergehenden Versuch der Börsen, (endlich)Halt und Boden zu finden, eingeholt und abgelöst werden.

Doch wie so oft sollen die berühmten Worte des nicht minder berühmten, ehemals erfolgreichen Goleadors Johann K. als Gegen- und Reibepol herangezogen werden: „Aufgegeben wird nur ein Brief“, vulgo Börsen und Aktien antizipieren den Faktor „Hoffnung“ – warum nicht auch diesmal?

Nachlese

--> Drei Jahre Baisse reichen
--> Einer wird gewinnen
--> Schweigen in der Folterkammer
--> Politik beeinflußt die Börsen wenig
--> Die Baisse kann bis 2018 andauern...
--> 1:0 für Anleihen
--> Arme Rentner
--> Kanonendonner oder Kursfeuerwerk?
--> Gratis-Kredit für den Chef
--> Aktien-Lotto
--> Quo vadis, Greenback?
--> 100 minus Lebensalter = Börsenerfolg
--> Haben „Bob the builder“ und US-Präsident Bush etwas gemein?
--> Aktien oder Anleihen: The winner is ...
--> Dow Jones in Richtung 120.000
--> "Baissemarkt bis 2018"
--> Eine schöne Bescherung
--> Von Analys(t)en und Abhängigkeiten
--> Börsen vor "Happy Wende"
--> Wenn der Zauber nicht wirkt
--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.

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    foto: montage
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