Familie geht vor Partei

21. April 2003, 19:25
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Frankreichs Rechtsaußen Le Pen baut Tochter als Nachfolgerin auf

Genau ein Jahr nach seinem Erfolg in den französischen Präsidentschaftswahlen macht Jean-Marie Le Pen wieder Schlagzeilen. Mit Absicht beendete der 74-jährige Rechtsextremistenchef den 12. Kongress des Front National (FN) am Jahrestag seines bisher wichtigsten Wahlergebnisses.

Am 21. April 2002 hatte er den Sozialisten Lionel Jospin im ersten Durchgang der Präsidentschaftswahlen mit 17 Prozent übertrumpft; erst in der Stichwahl musste er sich dem amtierenden Staatschef Jacques Chirac beugen. Am Ostermontag posaunte Le Pen, er werde voraussichtlich noch bis ins Alter von 95 Jahren fit bleiben und Politik betreiben. Immerhin kümmert er sich neuerdings um seine Nachfolge. Diese heißt Marine Le Pen: Auf dem Kongress bestimmte er seine jüngste Tochter zur FN-Vizepräsidentin. Und dies, obwohl die 34-Jährige an der Basis eine bittere Abfuhr erlitt: Bei den Wahlen in das Zentralkomitee, das Parteiparlament, fiel sie im Vergleich zum Jahr 2000 vom 10. auf den 34. Rang zurück.

Verantwortlich für diese Ohrfeige war der Parteivize Bruno Gollnisch, der Marine die Nachfolge Le Pens streitig macht. Diese meinte ganz im Stil von Papa: "Ich will niemanden rauswerfen und niemanden ausschließen, aber sie müssen schon merken, wie der Wind weht."

Solche Worte verbergen schlecht, dass der Front National nicht mehr den Ton in der französischen Innenpolitik angibt. Vor allem Innenminister Nicolas Sarkozy hat freie Hand, um eine klar bürgerliche Sicherheitspolitik zu verfolgen. Am Wochenende erklärte er beispielsweise vor muslimischen Würdenträgern, er toleriere nicht länger Fotos verschleierter Frauen in französischen Pässen. Diesen hochsymbolischen Entscheid rechtfertigt Sarkozy selbst damit, dass es einen "neuen 21. April" zu verhindern gelte. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2003)

Stefan Brändle aus Paris
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