Schiiten demonstrieren ihre Stärke

22. April 2003, 13:25
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Zum ersten Mal kann die schiitische Mehrheit im Irak wieder ihre religiösen Gefühle frei artikulieren - Kundgebungen richten sich gegen die amerikanische "Besatzung"

Bagdad/Kerbala - Begleitet von politischen Spannungen haben am Dienstag in der irakischen Stadt Kerbala die religiösen Zeremonien der Schiiten zum Ende der Trauerzeit für den Imam Hussein begonnen. Zu den zweitägigen Feierlichkeiten werden inzwischen mehrere Millionen Gläubige erwartet. Die Versammlung ist nach der militärischen Niederwerfung des Baath-Regimes von Präsident Saddam Hussein von großer Bedeutung, da die Schiiten erstmals seit Jahrzehnten in aller Öffentlichkeit Stärke und Zusammenhalt demonstrieren können. Die Schiiten stellen bis zu 65 Prozent der irakischen Bevölkerung.

Sicherheitsgründe verhindern Teilnahme

Mehrere hohe Geistliche, die auch eine Rolle bei der politischen Neuordnung des Landes anstreben, erklärten, sie könnten aus Sicherheitsgründen nicht nach Kerbala kommen. Mohammed Bakr al Moussavi, ein bekannter schiitischer Würdenträger aus dem Nachbarland Kuwait, warnte die Pilger sogar ausdrücklich vor möglichen Terroranschlägen von Saddam-Anhängern in Kerbala. Der Vorsitzende der wichtigsten schiitischen Oppositionsgruppe, des "Obersten Rates für die Islamische Revolution im Irak", Ayatollah Mohammed Bakr al Hakim, hatte von Teheran aus zu dem großen religiösen Treffen aufgerufen.

Doppelte Feier

Die Schiiten, die von allen bisherigen - von Sunniten dominierten - Regierungen vielfach diskriminiert wurden, feiern in Kerbala in diesem Jahr nach eigenem Bekunden nicht nur das Ende der vierzigtägigen Trauerzeit für den von ihnen verehrten Enkel des Propheten Mohammed, Imam Hussein, der im 61. Jahr islamischer Zeitrechnung (680 n. Chr.) ermordet worden war, sondern auch den Sturz von Saddam Hussein.

"Nein zum Kolonialismus"

Bei den ersten Versammlungen in Kerbala wurden auch anti-amerikanische Parolen laut: Etwa 3000 Menschen skandierten Parolen wie "Nein zum Kolonialismus, nein zur Besatzung, nein zum Imperialismus", wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Die Menge habe damit die Parolen eines Geistlichen wiederholt, der vor dem Mausoleum des Imam Hussein gepredigt habe. Auch Rufe wie "Nein zu Israel" und "Nein zu Amerika, nein zu Saddam, nein zur Tyrannei" seien erschollen.

Neuerliche Proteste in Bagdad

In Bagdad demonstrierten erneut mehrere hundert Menschen für die Freilassung eines geistlichen Würdenträgers und fünf weiterer Gefangener. Nach irakischen Angaben hatten US-Soldaten den Mullah Sheikh Mohammed Fartusi in der Nacht zum Montag im Süden der Stadt gefangen genommen. Am Montag hatten bereits etwa 5000 Schiiten gegen seine angebliche Festnahme protestiert. Ein Sprecher der US-Armee zweifelte die Festnahme an. Es handle sich vermutlich um ein "Kommunikationsproblem". Fartusi hatte in der vergangenen Woche die ersten Freitagsgebete im Bagdader Armenviertel Sadr-City, dem ehemaligen Saddam-City, geleitet. In seinem Gebet hatte er gewarnt, die irakischen Schiiten würden keine Demokratie akzeptieren, in der sie nicht selbst über ihr Schicksal bestimmen könnten. (APA/dpa/AFP)

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    Schiitische Demonstranten in Kerbala

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