Analyse: "Glück" war im Irakkrieg auch eine militärische Kategorie

21. April 2003, 19:08
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Bagdad: Kein Sieg, sondern Abwesenheit von Kampf

Wien - Seit im Irak keine große Schlacht mehr zu erwarten ist - noch hat Oberkommandeur Tommy Franks nicht das Ende des Krieges verkündet, auch wenn der Abzug bereits begonnen hat -, hat in amerikanischen und britischen Militäranalystenkreisen das große Brainstorming begonnen: Was ist gut, was weniger gut gelaufen? In das dümmliche Jubelgeschrei von manchen Kommentatoren (auch in Österreich), welche die zu Kriegsbeginn konstatierten militärischen Probleme der Alliierten für durch den Sieg redundant erklären, stimmen die Experten keinesfalls ein.

Die geringe Anzahl von alliierten Opfern erkläre sich nicht daraus "was die US-Truppen getan, sondern was die irakischen Truppen nicht getan haben", zitiert Jane's Defence Weekly einen US-Offizier. Hätten die Iraker einerseits über bessere Ausstattung verfügt und andererseits gekämpft, hätte die Sache anders ausgeschaut, schreibt David Mulholland und führt einen von den Irakern perfekt geplanten und ausgeführten Hinterhalt an, der nur - aber dafür gleich völlig - an der Präzision der irakischen Panzergeschoße scheiterte: Glück für die betroffene US-Einheit. In einigen Bereichen hätten "die US-Militärs den Feind klar unterschätzt", sind sich alliierte Offiziere einig.

Gültig bleibt auch der Befund, dass die USA zeitweise unter Truppenmangel gelitten haben, was zuerst zu Versorgungsengpässen führte, dann aber auch in Bagdad dazu, dass die US-Armee ganz klar gegen die Genfer Konvention verstieß, indem sie nicht einmal Krankenhäuser, geschweige denn Kulturgüter schützte und sich nicht um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung kümmerte oder kümmern konnte.

In den Analysen wird nicht verschwiegen, dass die Schlacht um Bagdad (ebenso Kirkuk, Mossul und Tikrit) nicht militärisch gewonnen wurde, sondern einfach nicht stattgefunden hat. Dass der befürchtete Häuserkampf in der irakischen Hauptstadt ausblieb, hat den "Nachteil", dass die US-Armee ihre dazu in mehrjähriger Arbeit völlig neu entwickelten Konzepte und Methoden nicht testen konnte. Fast tröstend stellt Jane's DW fest, dass immerhin Strategie und Taktiken der Koalition zum schnellen Zusammenbruch des irakischen Regimes geführt und ergo funktioniert haben. Militärs fürchten aber jetzt, dass der Bereich der Kriegsführung in der Stadt künftig (auch finanziell) vernachlässigt werden könnte.

Diskutiert wird weiters, ob sich die bewusste Entwicklung der US-Armee in Richtung leichter und beweglicher und das Setzen auf Langstrecken-Präzisionswaffen bewährt hat und wieso die Kampfhubschraubereinheiten relativ verletzlich waren - Letzteres wahrscheinlich eine Frage des Einsatzes, so Analysten.

Selbstverständlich wirkt sich die Beantwortung dieser Fragen auch auf der Ebene künftiger Waffenkäufe auf, eine Diskussion, die aber auch bereits auf den Irak bezogen geführt wird. US-Waffenproduzenten machen wenig überraschend geltend, dass es auf lange Sicht billiger käme, eine neue irakische Armee mit amerikanischen Waffen auszustatten, als die alten sowjetischen in Stand zu halten. Washington und London sind sich dabei nicht einig, was Priorität hat - die Schaffung einer irakischen Polizeitruppe oder einer Armee. Das Pentagon ist für eine Armee, bereits existentes Personal, vor allem Offiziere, werden bereits durchleuchtet, ob man sie übernehmen kann. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2003)

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