"Der Unterversorgungsaspekt fehlt mir"

21. April 2003, 19:04
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Gesundheitsökonom Österle warnt im STANDARD-Gespräch vor Selbstbehalten - Sozial Schwache benachteiligt

Wien - "Selbstbehalte sind ein eher problematisches Steuerungselement." Gesundheitsökonom August Österle, Professor am Institut für Volkswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien, beurteilt die schwarz-blauen Pläne für generelle Selbstbehalte für alle ASVG-Versicherten im STANDARD-Gespräch skeptisch. Vor allem weil er die "tendenzielle Grundannahme" der Befürworter infrage stellt: "Man geht davon aus, dass in Teilbereichen zu viel medizinische Leistungen in Anspruch genommen werden. Aber niemand quantifiziert es. Dabei gilt diese Grundannahme sicher nicht generell."

Ganz im Gegenteil, sagt Österle: "Es gibt Menschen, die tendenziell zu viel in Anspruch nehmen. Es gibt aber auch solche, die tendenziell schon jetzt zu wenig medizinische Hilfe in Anspruch nehmen." Beide Gruppen würden je nach Selbstbehaltshöhe wohl weniger oft zum Arzt gehen, "in Teilbereichen die untere sogar stärker" - aber mit unterschiedlichen Auswirkungen auf ihren Gesundheitszustand, warnt der Gesundheitsexperte: "Der Unterversorgungsaspekt fehlt mir in der ganzen Debatte. Es gibt auch viele Defizite, etwa regionale Versorgungslücken, im Arzneimittelbereich, soziale Barrieren beim Zugang von sozial Schwachen und klassischen Randgruppen."

So funktioniere zwar der breite Zugang zum Allgemeinmediziner "relativ gut", nicht jedoch zu den Fachärzten, verweist Österle auf Studien, wonach "Personen mit geringem Einkommen und niedrigerem Bildungsniveau Fachärzte weniger konsultieren - obwohl ihr gesundheitlicher Zustand dies eigentlich erfordern würde". Bei der Inanspruchnahme von Fachärzten gebe es somit eine problematische soziale "Fehlverteilung". Die kolportierte jährliche Obergrenze von 300 Euro an Selbstbehalten "scheint mir sehr hoch", meint Österle.

Vorsorgen statt zahlen

Grundsätzlich stört ihn, dass Selbstbehalte meist als Disziplinierungsmaßnahme vermeintlich überkonsumierender Patienten dargestellt werden. Dabei gebe es vor allem im Spitalsbereich "Überinanspruchnahmen", bei denen die Patienten aber kaum selbst entscheiden. Prinzipiell hätten Selbstbehalte, die den Patienten abverlangt würden, den großen Nachteil, dass "sie nicht das Gesundheitsverhalten lenken, sondern erst beim Krankheitsfall ansetzen", kritisiert Österle. Nachhaltiger wären verantwortungsbewusste Vorsorge und Gesundheitserziehung. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2003)

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