Ein kafkaeskes Phantom

23. April 2003, 00:27
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Die beste Jugendbuchserie dieser Tage, Lemony Snickets "A Series of Unfortunate Events", wird demnächst mit Jim Carrey verfilmt

Wie viel Unglück ist notwendig, um große Literatur zu produzieren? Die beste Jugendbuchserie dieser Tage, Lemony Snickets "A Series of Unfortunate Events", ist mittlerweile bei Band 9, "Der grausige Jahrmarkt", angelangt - und wird demnächst mit Jim Carrey verfilmt.


Wien - Wen interessieren eigentlich glückliche Menschen? Eine gute Frage, der man sich an einem verregneten Nachmittag auch gemeinsam mit Kindern durchaus stellen kann: Wer würde ein Buch lesen oder einen Film sehen wollen, in dem der Held oder die Heldin alles kann, super lebt und vollkommen glücklich und zufrieden ist? Gewiss, das wäre vielleicht ein ganz erstrebenswerter Zustand, aber eine gute Geschichte ergibt es leider nicht.

Man nehme dagegen einen Romanauftakt wie diesen: "Wenn mein Arbeitstag vorüber ist und ich mein Notizbuch zugeschlagen, meinen Kugelschreiber versteckt und in das gemietete Kanu Löcher gesägt habe, damit es nicht gefunden wird, verbringe ich den Abend gern mit den wenigen Freunden, die überlebt haben. Manchmal sprechen wir über Literatur. Manchmal sprechen wir über die Leute, die uns zu vernichten trachten, und darüber, ob irgendwelche Hoffnung besteht, ihnen zu entkommen . . ."

Willkommen in der von Angst und Wehklagen dominierten Welt des Lemony Snicket. Der grausige Jahrmarkt heißt der mittlerweile neunte Band einer auf insgesamt 13 Folgen zu je 13 Kapiteln angelegten Series of Unfortunate Events, die in der deutschen Fassung als Die schaurige Geschichte von Violet, Sunny und Klaus nur bedingt dem Witz und der sprachlichen Eleganz des Originals entspricht.

Violet, Sunny und Klaus: Das sind die Geschwister Baudelaire, deren Eltern vermutlich bei einem Hausbrand ums Leben kamen - und seither trachtet ein verschrobener Bösewicht namens Graf Olaf (siehe Zeichnung), begleitet von einem sehr sinistren Mitarbeiterstab, nach ihrem Leben und Vermögen. Seufzerseen, Internate, Fahrstuhlschächte, erschreckend sterile Operationssäle waren etwa bisher Szenarien, in denen ein möglicher Baudelaire-Vormund nach dem anderen beseitigt wird. Die Geschwister drohen, sich nicht nur im Netz von Geheimnissen und falschen Indizien zu verzetteln. Sie werden auch von der Sprache des durchgeknallten Erzählers in die Enge getrieben.

"Lemony Snicket", der da am Cover als Autor firmiert und jedes Mal fleht, seine deprimierenden Bücher nur ja nicht zu lesen - dieser "Lemony Snicket" ist nämlich auch nur ein Phantom: ein fiktiver Charakter, erfunden vom US-Schriftsteller Daniel Handler. Ein kafkaeskes Phantom, das beständig um eine verstorbene Geliebte namens Berenice trauert ("Unsere Liebe hat mir das Herz gebrochen und deins zum Stillstand gebracht") - und eine denkbar kryptische Kurzbiografie aufweist: "Nachdem Snicket früher mehrere hervorragende Auszeichnungen erhalten hatte, ist er nun ein Flüchtling aus mehreren nicht so hervorragenden Gefängnissen."

Millionenauflagen

Wer würde diesem Mann wesentlichen Einfluss auf unsere Kinder zugestehen wollen? Nun, in den USA und in England ist A Series of Unfortunate Events in Millionenauflagen mittlerweile die einzige ernsthafte Konkurrenz von Harry Potter. Und dass dies in Hinkunft international so sein wird, dürfte wohl der jüngste Deal garantieren, den Hollywood soeben verkündet hat. Niemand Geringerer als US-Superstar Jim Carrey soll in einer geplanten Filmserie den Graf Olaf spielen, ab Sommer 2004 weltweit im Kino.

Beruhigend dabei ist immerhin, dass Daniel Handler (der sich bei Autogrammstunden immer als Snickets Agent ausgibt) selbst das erste Drehbuch geschrieben hat. Dennoch stellt sich die Frage, was da auf der großen Leinwand überhaupt passieren soll. Denn obwohl die einzelnen Abenteuer der Baudelaires mit düsteren Titeln locken (The Bad Beginning . . .), kommen sie doch meist mit einem absoluten Minimum an nacherzählbarer Handlung aus:

Die jüngste Episode Der grausige Jahrmarkt (The Carnivorous Carnival) droht zwar mit einer Löwengrube als Endstation, brilliert aber eher in subtilen Reflexionen über das Schreiben selbst oder über die Herstellung kunstvoller Hochspannung. Da beginnt etwa ein "Kapitel 5" mit Ausführungen zum Thema "Déja vu" - um dann auf der Seite nebenan mit exakt denselben Formulierungen noch einmal zu beginnen, sprich ein "Déja vu" zu produzieren.

Wiederholt stellen sich auf diesem "Caligari-Jahrmarkt" inmitten expressionistischer Sonnenuntergänge im "Hinterland" Fragen wie: Sind die Baudelaires nicht längst schon Komplizen von Graf Olaf - in dem Sinne, dass sie wieder und wieder zur Freude des Publikums in miserable Situationen geraten?

Und das immer wieder mit den selben Reflexen: Violet beginnt wie manisch Hilfsmittel zu erfinden. Klaus betätigt sich in irgendwelchen Archiven als Forscher. Und Sunny, beinahe noch ein Baby, versucht sich gerne mit ihren ungewöhnlich scharfen ersten Zähnen.

Wer ist hier der Freak? Der so genannte Bösewicht? Die so genannten Opfer? Oder das Publikum, das vor der Löwengrube höchst vulgär eine Mischung aus "Gewalt und unmanierlichem Essen" einfordert? Und wie wäre es jetzt wirklich, wenn man vor dieses Publikum mit einer Geschichte über glückliche Menschen träte?

Daniel Handler hat darauf mittlerweile schon wieder mit einer neuen Finte geantwortet: Vor einigen Monaten publizierte er Lemony Snicket: The Unauthorized Biography - ein kryptisches Kompendium aus Fragen, Fotos und Fundstücken rund um den ewig verfolgten Baudelaire-Chronisten, in dem alles sehr bedeutsam oder auch völliger Nonsens sein könnte.

Den Umschlag zu diesem Buch, der extrem gefährliche Lektüre verheißt, kann man wenden: Dann verspricht er eine Geschichte über The Luckiest Kids in the World!, verfasst von einer puritanischen Matrone namens Loney M. Setnick.

Da beginnt dann ein Spiel - nicht nur mit Buchstaben: Manipuliert wird man als Leser immer, zeigt der Autor - aber wenn man das Grauen ausspart, dann wird die Manipulation oft primitive Propaganda. (DER STANDARD, Printausgabe vom 22.4.2003)

Von
Claus Philipp

Auf Deutsch erscheint: "Die schaurige Geschichte von Violet, Sunny und Klaus"

beim Verlag Beltz & Gelberg, der demnächst angeblich auch das bis dato wenig geglückte Layout der Bücher verbessern will. Die US-Version, erschienen bei HarperCollins, ist hingegen ein bibliophiler Genuss. Junge und ältere Menschen (die über ein gewisses Maß an Ironie und Humor verfügen sollten, lesen sich am besten in chronologischer Folge - ab "The Bad Beginning"/"Der schlimme Anfang" durch ...

  • Der fürchterliche Graf Olaf
    grafik: buch

    Der fürchterliche Graf Olaf

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