Kroatien öffnet Susak-Archive für Haager UNO-Tribunal

21. April 2003, 10:59
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Dabei könnten auch Finanz-Affären der Tudjman-Partei aufgedeckt werden

Zagreb - Die kroatische Regierung hat nach dem Besuch der Chefanklägerin des UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, Carla del Ponte, vergangene Woche beschlossen, wichtige Archive zu öffnen. Es handelt sich dabei um Archive des 1998 verstorbenen Verteidigungsministers Gojko Susak, einem der engsten Mitarbeiter und Vertrauten des kroatischen Ex-Präsidenten Franjo Tudjman. Dabei könnten vor allem auch enorme finanzielle Affären während der Herrschaft der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) von Tudjman aufgedeckt werden.

Aufschlüsse über Geldflüsse von Zagreb nach "Herceg-Bosna"

So könnte etwa festgestellt werden, was mit den einigen hundert Millionen Euro tatsächlich passierte, die von Zagreb an den mehrheitlich von Kroaten bewohnten Teil Bosnien-Herzegowinas überwiesen wurden. Die HDZ hatte ihre Schwesterpartei in Bosnien-Herzegowina, die den Südwesten der Republik kontrollierte, stets unterstützt. In diesem Gebiet wurde auch der international nicht anerkannte Separatstaat "Herceg-Bosna" ausgerufen. Dieser "Quasi-Staat" war in höchstem Maße von Zagreb abhängig - vor allem finanziell. "Herceg-Bosna", einschließlich der bosnisch-kroatischen Armee, wurden fast ausschließlich von Zagreb finanziert.

"Teil Kroatiens"

Auch Susak hatte einst im Zagreber Parlament "Herceg-Bosna" als "einen Teil Kroatiens" bezeichnet. Der Ex-Verteidigungsminister wurde in der Öffentlichkeit als Verantwortlicher für die Finanzierung der Kroaten in Bosnien betrachtet. Nach inoffiziellen Angaben sollen das kroatische Finanz- und Verteidigungsministerium schätzungsweise 1,3 Milliarden Euro an Mostar transferiert haben. Nach anonymen Quellen aus der Regierung soll zumindest die Hälfte des Geldes, das zur Finanzierung der kroatischen Truppen und Kriegsopfer in Bosnien-Herzegowina gedacht war, in private Taschen geflossen sein.

Keine Unterlagen

Jozo Rados, der im Jahr 2000 der erste kroatische Verteidigungsminister wurde, der nicht aus der HDZ stammt, behauptete gar, dass nach im Ministerium gefundenen Dokumenten zwischen 1990 und 2000 mindestens 2,6 Milliarden Euro der "Herceg-Bosna" zur Verfügung gestellt wurden.

Tatsächlich könnte es sogar noch mehr Geld gewesen sein, "weil es überhaupt keine Unterlagen darüber in den ersten Jahren des Krieges gegeben hat", sagte der Ex-Verteidigungsminister der Zeitung "Vecerjni list". Seit die von der NATO geführte SFOR-Truppe auf Anordnung des damaligen internationalen Bosnien-Beauftragten Wolfgang Petritsch im April 2001 in der "Hercegovacka-Banka" in Mostar eine Razzia durchführte, leiten kroatische Behörden diesbezügliche Untersuchungen.

All diese "Geheimnisse" sollten nun aufgedeckt werden, nachdem die Archive von Susak geöffnet werden. Es scheint so, als ob hohe HDZ-Politiker, angefangen von früheren Ministerpräsidenten bis zu verschiedenen Ministern, in diese Affäre verwickelt sein könnten. Die Regierung in Zagreb will dem Parlament bis zum Sommer einen entsprechenden Bericht vorlegen. (APA)

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