Interview: "Generationenvertrag ist Problem"

22. April 2003, 08:50
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Gabriele Boleloucky-Bolen, eine Betroffene der Pensionsreform, im Gespräch mit dieStandard.at

dieStandard.at: Welche Nachteile siehst du durch die geplante Pensionsreform der Regierung auf dich zukommen?

Boleloucky-Bolen: Ich sehe das Problem im Generationenvertrag schlechthin. Das Schlagwort vom "Generationenkrieg" hat schon seine Berechtigung. Denn die Pensionsversicherung wurde für die Kriegs- und Nachkriegsgeneration geschaffen. Seit dem Pillenknick ist der Generationenvertrag nicht mehr zu halten. Seit damals ist eigentlich klar, dass sich das so nicht ausgeht.

dieStandard.at: Was heißt das für deine persönliche Situation?

Boleloucky-Bolen: Pensionszeiten waren für mich schon immer ein Problem. Als ich meine Tochter bekam, war ich Studentin und habe kein Karenzgeld bezogen und meine Kindererziehungszeit wird somit für die Pension nicht angerechnet. Mein Problem ist, dass ich jetzt mit 37 erst zehn Pensionsjahre zusammen habe. Obwohl ich ab 18 gejobt habe, bekomme ich dafür nichts. Das System hat nicht gegriffen. Damals vertraute ich noch auf das Sozialsystem. Darauf, dass ich mit einer Aufstockung meiner unzureichenden Pension zumindest auf ein existenzsicherndes Grundeinkommen kommen würde.

dieStandard.at: Lastest du die Demontage von sozialen Leistungen der derzeitigen Regierung an?

Boleloucky-Bolen: Die sozialstaatlichen Leistungen werden immer weniger und ich rechne damit, dass in den nächsten 30 Jahren noch weiter abgebaut wird. Die derzeitige Politik legt den Schwerpunkt mehr und mehr auf private Eigenvorsorge statt sozialstaatlicher.

dieStandard.at: Kommt private Pensionsvorsorge für dich in Frage?

Boleloucky-Bolen: Einerseits würde ich ja gerne was weglegen, was mir aber aufgrund meines Einkommens nur minimal möglich ist. Andererseits bin ich skeptisch, wie sicher das ist. Es wäre Wahnsinn darauf zu vertrauen, was ein Geldinstitut über Jahrzehnte mit meinem Geld tut. Insbesondere wenn es sich dabei um Aktien handelt. Das halte ich eigentlich für unseriös. Abgesehen von der ganz normalen Inflation.

dieStandard.at: Was ärgert dich am Thema Pensionen am meisten?

Boleloucky-Bolen: Der Generationenvertrag an sich. Ich zahle jetzt ein und werde selber so gut wie nichts haben. Wenn ich nicht einzahlen müsste, könnte ich mir selber eine private Versicherung leisten. Aber so bekomme ich weniger als ich einzahle.

dieStandard.at: Was hältst du von einer christlichsozialen Frauenministerin?

Boleloucky-Bolen: Ich habe kein Vertrauen in die Konservativen. Eine sozialistische oder grüne Frauenministerin würde sich mehr für Frauen einsetzen.

dieStandard.at: Denkst du oft an eine ungesicherte Zukunft?

Boleloucky-Bolen: Das beschäftigt mich sehr. Ich bin mir sicher, dass es schwierig sein wird.

dieStandard.at: Wann hast du zum ersten Mal an Pensionsvorsorge gedacht?

Boleloucky-Bolen: Mit etwa 30. Da wurde mir klar, dass irgendwann "Schluss mit lustig" ist.

dieStandard.at: Kannst du dir ausrechnen, wie hoch deine Pension sein wird?

Boleloucky-Bolen: Jetzt, mit 37, habe ich erst zehn Versicherungsjahre. Ich kann nur versuchen, möglichst lange weiter zu arbeiten, aber die körperliche Kraft und Krankheiten sind nicht absehbar. Oder wenn ich arbeitslos werde, was ist dann? Ich rechne mit einer Mindestpension, doch davon könnte ich definitiv nicht leben.

dieStandard.at: Gibt es eine Alternative für dich?

Boleloucky-Bolen: Ich habe mit meiner Tochter einen privaten Generationenvertrag: ich verspreche ihr, dass ich alles für ihre Ausbildung aufbringen werde. Wenn ich dann alt bin, soll sie mich unterstützen. Z.B. in einer großen Wohnung ein Zimmer für mich zur Verfügung stellen oder so.

dieStandard.at: Und was sagt deine Tochter Lisa dazu?

Boleloucky-Bolen: Sie zitierte einen Werbespruch: "Wollen Sie wirklich von der Großzügigkeit Ihrer Kinder abhängig sein?"

Das Gespräch führte Dagmar Buchta.

  • Gabriele Boleloucky-Bolen, 37, Angestellte, Alleinerzieherin
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    Gabriele Boleloucky-Bolen, 37, Angestellte, Alleinerzieherin
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