Stadtverwaltung in China setzt "Kopfgeld" aus

22. April 2003, 19:27
20 Postings

Die Zahl der Sars-Fälle in China steigt drastisch, die Lungenkrankheit erreicht nun auch die Provinzen im Norden - Mit Grafik

Die Lungenentzündung Sars (Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom) dringt über den reichen Süden Guangdongs und der Hauptstadt Peking nun auch tief in Chinas Norden und zu der hundert Millionen zählenden Landbevölkerung vor.

Sars brach bereits in der Inneren Mongolei aus, aus deren Hauptstadt Huhehot wurden am Dienstag 33 Erkrankte und sechs Gestorbene gemeldet. Unter den unterentwickelten Gebieten hält aber die Provinz Shanxi mit 141 Erkrankten und dreizehn Gestorbenen einen traurigen Rekord. "Wer weiß", fragt Karin Janz, eine dort tätige deutsche Entwicklungsexpertin, "wie viele Kranke es wirklich in Shanxi gibt?".

Kopfgeld

Und die medizinische Versorgung ist auch nicht sicher: Lokale Medien meldeten, dass mehr als hundert Schüler wegen Vergiftungserscheinungen behandelt werden mussten, nachdem ihnen eine Überdosis an Medizin gegen Sars verabreicht worden war.

In der Provinz Shandong haben die Behörden der Hauptstadt Qingdao (bisher noch ohne Infektionsfälle) sogar eine Art Kopfgeld auf die mysteriöse Lungenkrankheit ausgesetzt: Derjenige, der den ersten Sars-Fall in der Stadt melde, erhalte eine Belohnung in Höhe von umgerechnet rund 110 Euro, berichtete eine lokale Zeitung am Dienstag.

WHO-Alarmruf

Ärzte der Weltgesundheitsorganisation WHO haben die Regierung in Peking aufgefordert, so schnell wie möglich medizinische Inspektionsgruppen in alle abgelegenen und bäuerlichen Provinzen zu schicken, um eine explosive Ausbreitung der Epidemie zu verhindern.

"Ich glaube, die kapieren dort den Umgang mit Sars nur, wenn von Peking aus direkt Druck auf sie ausgeübt wird", sagte der deutsche WHO-Arzt Wolfgang Preiser. Der Frankfurter Virologe, der seit einem Monat mit der WHO-Gruppe Chinas Hospitäler inspiziert, begründete den Alarmruf mit seinen Erkenntnissen aus Peking.

Dort werden auf Druck der WHO seit vergangenem Sonntag die wahren Zahlen der Epidemie täglich veröffentlicht. Aus Peking wurden bis Dienstagabend 588 Sars- Erkrankte, 28 Gestorbene und 666 vermutlich Infizierte gemeldet.

Konferenz geplant

"Der Kampf gegen die Lungenseuche wäre weltweit verloren, wenn sich Sars unter der ärztlich unterversorgten Bauernbevölkerung Chinas ausbreiten kann. Dann gibt es kein Rückholen mehr", sagt Preiser.

Die WHO plant für 17. und 18. Juni eine internationale Expertenkonferenz in Genf, wo die Strategien zur Eindämmung der Krankheit diskutiert werden sollen. Die WHO registrierte bisher weltweit knapp 3900 Sars-Fälle und 217 Todesopfer. (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD, Printausgabe, 23.4.2003)

Link

WHO
  • Bild nicht mehr verfügbar

    SARS breites sich weiter aus (zum Vergrößern anklicken)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.