Als dem Regenbogen die Farben ausgingen

23. Juni 2010, 18:53
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Aufräumarbeiten und Durchhalteparolen nach dem würdigen Scheitern von Bafana Bafana

Der Morgen danach begann mit dem Abschminken. Viele Südafrikaner hatten dem medialen Flehen Folge geleistet und sich die Gesichter tatsächlich zum dritten Mal angemalt. In den Farben des Regenbogens, die sind gar nicht so leicht zu pinseln. Aber sie schafften es. Man hatte zum Sturm auf die Bastille aufgerufen, wohl wissend, dass das französische Team ein Bastillchen ist. Sie hatten noch einmal ihre Vuvuzelas ausgepackt und ihre grüngelben Dressen angezogen, sie stauten in klapprigen Bussen zu den Fan-Zonen von Johannesburg bis Kapstadt.

In den überfüllten Bars wurden nur widerwillig Getränke serviert, pfeif auf den Umsatz, auch das Personal hatte Besseres zu tun. Bafana Bafana kickte drüben in Bloemfontein und überall im Fernsehen. Es wurde laut, als Bongani Khumalo das 1:0 geköpfelt hatte. Es wurde nicht leiser, als der Franzose Yoann Gourcuff ausgeschlossen wurde. Das 2:0 von Katlego Mphela bedingte den Gipfel der Ausgelassenheit. Für den rasanten Abstieg sorgte der unnötige Franzose Florent Malouda mit seinem hässlichen 1:2.

Ab da war es still, noch drei Tore hätte Bafana Bafana fürs Achtelfinale benötigt. Selbst die kühnsten Optimisten wussten, das spielt es in den verbleibenden 20 Minuten nicht. Da taucht eher ein Fahnen schwenkendes Löwenrudel, verfolgt von drei regenbogenfarben Nashörnern und einer Elefantenherde, die Vuvuzelas statt Rüssel trägt, in der Bar am Nelson Mandela Square auf.

Anerkennender Applaus, als die Partie abgepfiffen wurde. Uruguay und Mexiko sind weiter. Südafrika hat bei der dritten Teilnahme endlich ein Spiel gewonnen, nett. Erstmals ist ein WM-Gastgeber in der Vorrunde gescheitert, überhaupt nicht peinlich, egal. Ein fix und fertiger weißer Südafrikaner sagte: "Wir sind ausgeschieden." Er korrigierte sich: "Bafana Bafana ist ausgeschieden." Möglicherweise hat die Fußball-WM eines ihrer großen Ziele verfehlt. Der Mann hätte es beim "Wir sind ausgeschieden" belassen sollen.

Die Zeitungen schwelgten in wehmütiger Begeisterung. "Was für ein großartiger Abgang", hieß es, von "Stolz" wurde geschrieben und davon, "dass Bafana Bafana die Herzen aller Menschen gewonnen hat". Erwähnt wurde freilich auch, dass die Chancen nicht ausreichend in Tore umgewandelt wurden. Sonst wäre man ins Achtelfinale aufgestiegen.

Die Aufräumarbeiten begannen gleich nach dem Match. Teamchef Carlos Parreira hat sich verabschiedet, er wirkte durchaus gerührt. Der Vertrag endet zwar erst am 15. Juli, da ihm die Arbeit spontan ausgegangen ist, hat der Brasilianer ab sofort nichts mehr zu tun. Er dankte dem Land Südafrika für die Zuneigung und dafür, "dass ich bei einer sechsten WM sein durfte. Wir haben sehr hart gearbeitet, ich bin stolz. Vor Südafrika liegt ein langer Weg. Macht weiter so." Der 67-Jährige wird maximal noch als Klubtrainer in Brasilen jobben.

Zuma entscheidet

Fußball in Südafrika ist Staatsangelegenheit. Präsident Jacob Zuma betonte, dass nun ein Afrikaner Coach der Mannschaft werde. Die Zeit sei reif. "Auch wir schaffen das, wir sind selbstbewusst." Heinz Fischer würde sich nie in Verbandsgeschäfte einmischen, obwohl er sich im Fußball ganz gut auskennt und die österreichische Verfassung keinen Passus hat, der dem Präsidenten die Bestellung des Teamchefs ausdrücklich verbietet. Zuma gab für den Rest der WM Durchhalteparolen aus: "Zeigt, dass wir die besten Gastgeber sind. Seid begeistert. Solange, bis wir Olympische Spiele ausrichten." Das ist frühestens 2020 möglich.

Ein, zwei, vielleicht auch drei südafrikanische Kicker werden im Ausland bei mittelmäßigen Vereinen unterkommen. Der fix und fertige weiße Mann aus der Bar wird sich möglicherweise wieder Cricket und Rugby zuwenden. Die hohe Mauer und der mit Starkstrom gefütterte Elektrozaun schützen und verstecken weiterhin sein Haus. 15 schwarze Südafrikaner haben sich in einen Minibus gepfercht, die Fahrt ins Township dauerte zwei Stunden. Sie warten weiter auf einen Job und werden den Fußball immer lieben. "Schön war die WM", sagten sie. Am Ende des Regenbogens soll ein Schatz liegen. (Christian Hackl aus Johannesburg, Der Standard Printausgabe 24.06.2010)

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    So groß, groß ist der Kummer. So bitter, bitter ist das Aus. So schön, schön war die Zeit.

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