Die Schiedsrichter ruinieren den Fußballsport

23. Juni 2010 18:48

Bei der WM in Südafrika reiht sich - einmal mehr - ein Fehlpfiff der Unparteiischen an den anderen. Zeit, die noch aus dem 19. Jahrhundert stammenden Regeln den heutigen Gegebenheiten anzupassen

Die Qualität der Schiedsrichterentscheidungen bei der Weltmeisterschaft gab Anfangs Grund zur Erleichterung, bis Schiedsrichter Koman Coulibaly aus Mali am 18. Juni ein völlig rechtmäßiges Tor der Vereinigten Staaten annullierte, das ihnen einen überaus wichtigen Sieg über Slowenien beschert hätte. Noch schlimmer ist, dass Coulibaly sich nie für seine fürchterliche Entscheidung rechtfertigen oder sie irgendjemandem erklären musste - weder den Spielern und Trainern auf dem Feld noch der Öffentlichkeit insgesamt.

Schiedsrichterentscheidungen im Fußball, egal wie ungeheuerlich falsch sie auch sein mögen, sind unanfechtbar und unveränderlich. Die Fußballfans auf der ganzen Welt werden sich immer an den empörenden Fehler erinnern, durch den Frankreich das entscheidende Tor gegen Irland zugesprochen wurde, mit dem sich die Mannschaft für das Turnier qualifizierte, trotz des offenkundigen Handspiels des französischen Superstars Thierry Henry.

Wir glauben, dass eine gemeinsame Bemühung zur Reformierung der Schiedsrichterpraxis im Fußball dringend notwendig ist. Schiedsrichterfehler beeinträchtigen das Spiel immer stärker auf allen Ebenen - landesweit und auf Vereinsebene, in Ober- und Unterligen, bei Turnieren und Spielen, die weltweit im Fernsehen übertragen werden, ebenso wie bei lokalen Wettkämpfen.

Überholtes System

Da diese Fehler große Auswirkungen auf den Ausgang entscheidender Turniere in dieser globalsten aller Sportdisziplinen haben, gefährden ihre Allgegenwart und Häufigkeit die Integrität des Spiels und somit seine grundlegende Legitimität. Aufgrund der rasanten Entwicklung der neuen Medien, die das Spiel immer globaler gemacht haben, sind derartige Episoden letztendlich immer stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten.

Was dieses Problem für die Zukunft des Fußballs so zentral macht, ist, dass die Fehler sich nicht aus der Nachlässigkeit oder Inkompetenz der Schiedsrichter ergeben. Sie reflektieren viel mehr das Tempo des Spiels, die Sportlichkeit der Spieler, die Größe des Felds und einen rätselhaften Widerstand der führenden Spielverbände, Regeln aus dem 19. Jahrhundert an die Gegebenheiten der Jetztzeit anzupassen.

Erstens sind Videoaufzeichnungen notwendig. Das würde das Spiel in den wenigen spielentscheidenden Situationen buchstäblich umdrehen, z. B. bei einem fälschlich annullierten Tor, einer irrtümlich gegebenen roten Karte oder einem krassen Abseitsfehler.

Man könnte eine Art übergeordneten Unparteiischen einsetzen, der das Spiel auf Videomonitoren verfolgt, offensichtliche Fehlentscheidungen sofort aufhebt und dem Schiedsrichter sowie den Linienrichtern auf dem Feld (die bereits mit Kopfhörern ausgestattet sind) diese Entscheidung mitteilt. Alternativ könnte man jeder Mannschaft die Möglichkeit geben, bis zu zwei Schiedsrichterentscheidungen pro Spiel anzufechten, wobei Videoaufnahmen eingesetzt würden, um Regelverstöße zu überprüfen und umstrittene Entscheidungen zu klären.

Dieses Verfahren gäbe den Schiedsrichtern auf dem Feld die Möglichkeit, ihre anfängliche Entscheidung gegebenenfalls aufzuheben. Zudem würden schnelle Überprüfungen nicht viel Zeit kosten oder den Spielfluss unterbrechen. Unter den derzeitigen Bedingungen nimmt die Schiedsrichterschelte durch die Spieler des gekränkten Teams mehr Spielzeit in Anspruch, als das bei einer Überprüfung jemals der Fall wäre.

Zweitens müssen wir den Ball mit einem Elektrochip ausstatten, um endgültig zu klären, ob ein Ball die Spielfeldgrenzen oder die äußerst wichtige Torlinie überschritten hat. Eine im Wesentlichen gleichwertige Technologie hat die Linienstreitigkeiten bei großen Tennisturnieren beispielsweise erfolgreich verringert.

Drittens sollte man ernsthaft die Einführung eines zweiten Schiedsrichters in Betracht ziehen, wobei jeder der beiden für eine Hälfte des riesigen Spielfelds zuständig wäre. Schließlich setzt die US National Basketball Association drei Schiedsrichter auf einer Spielfläche ein, die nur ein Neuntel der Größe eines Fußballfelds misst.

Rechenschaftspflicht


Und zuletzt muss die Kultur der Verschwiegenheit und mangelnden Rechenschaftspflicht verändert werden, die in den wichtigsten Verbänden wie der FIFA, der UEFA und den verschiedenen Landesverbänden vorherrscht. Kein anderer großer Mannschaftssport duldet die Arroganz von Verbänden, die sich in keiner Weise dafür verantwortlich fühlen, ihr Handeln zu erklären.

Diese Maßnahmen - sowie viele andere, darunter der überfällige Einsatz verfügbarer Technologien - würden die Leistung der häufig im Dunkeln tappenden Schiedsrichter verbessern, deren Autorität durch die starke Zunahme maßgeblicher Fehlentscheidungen bei großen Spielen und Meisterschaften stark gelitten hat. Obwohl keine dieser Maßnahmen neu ist, würde ihre Einführung für wesentlich mehr Klarheit und Gerechtigkeit im Fußball sorgen und somit zur Legitimität des Spiels beitragen. (Andrei S. Markovits, Lars Rensmann, DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 24. Juni 2010)

Andrei S. Markovits und Lars Rensmann sind die Autoren von "Gaming the World: How Sports Are Reshaping Global Politics and Culture" und lehren am Institut für Sportwissenschaften der University of Michigan. © Project Syndicate

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    jerry springer
    26.06.2010 13:15
    ich hätte dem argument...

    ...der fifa, es sei alles nur ein spiel und fehlentscheidungen gehören zum spiel, vielleicht etwas abgewinnen können, aber ein spiel, in dem der veranstalter 2 milliarden gewinn einsteckt, ist schon lange dem spielestatus entstiegen. fussball ist milliardenumsatz in einem umfeld mit milliardeninteressen, dementsprechend sollen auch die eh pfeifen sein.

    Superserbe
    25.06.2010 11:21
    diese wm zeigt doch ganz deutlich, dass der videobeweis keine lösung ist ....lustige nebenerscheinung:

    ausgerechnet die, die am lautesten nach dem videobeweis&ende des sports krakeelen, haben dann nicht den iq um die bilder zu deuten ... auch wenn die sich nur in zeitlupe bewegen ...
    ein "schweizer" schlägt 2 chilenen hintereinander ins gesicht, klareres rot gibts nicht, aber nicht nur die alkis vom orf faseln von überharter karte (hitzfeld grunzt gar rassistischen unfug auf der pk)...
    zdf ANALysiert italiens gestohlene tore&kommt zum fazit, dass der ball nicht hinter der linie war und das zweite klare tor - natürlich - ein abseitstor war ... dieselben affen die lahms torraub gegen ghana in ddr-manier nicht zeigen wollten ...
    ps: warum sollte zB.deutschland nicht auch einen 4. schiri kaufen, so wie in allen spielen dieser gruppenphase ?

    Andreas1900
    24.06.2010 19:47
    Nicht neu, aber gut!

    Aber: Nicht nur in der öst. Bundesliga wären 2 Schiedsrichter, 2 - 4 Linienrichter, 1 übergeordneter Schiedsrichter mit Video und die dafür noch mehr nötigen Kameras bei jedem Match und die Ballchips mehr als nur ein technisches Problem.

    vom anderen Sternli
    24.06.2010 19:32
    University of Michigan - Sportinstitut - Rechenschaftspflicht

    Ich will ja nicht hochnäsig sein, aber ich stelle mir die Frage, welche sozial- und politikwissenschaftliche Qualifikation diese Leute haben.
    Alles was diese "Wissenschaftler" beschreiben ist längst in Diskurs in den Fußballverbänden.
    Videobeweise gibt es auch in sehr wenigen anderen Sportarten. Vielleicht könnte man es so wie im Tennis machen, dass jede Mannschaft drei Videobeweise verlangen darf. Ansonsten wäre das Spiel mehr Szenenwiederholung (was mich jetzt schon mächtig nervt) als ein Fußballspiel.

    hack in den sack
     
    24.06.2010 18:29
    Und ich will eine Gerichtsverfahren...

    vom anderen Sternli
    24.06.2010 19:34
    ein Gottesurteil

    wäre noch besser!

    Superserbe
    25.06.2010 11:22
    bin für würfeln ...

    außer die würfel werden in einer adidas-kinderfabrik gemacht, so wie jabulani ...

    jabulani verwandelt sogar klasseteams zu dfb-tretern ...

    mfg

    telemike
    24.06.2010 18:03
    Wie soll dann Bestechung funktionieren,

    wenn der Schiedrichter nicht mehr der Allmächtige ist?

    m121
    24.06.2010 17:29
    Jetzt muß man den FIFA-Funktionären sichtlich schon erklären, dass nicht ihre Schiedsrichter das Wichtigste am Fußballsport sind, sondern die Mannschaften:-))


    Die Kunst des Schiedsrichters besteht im besten Falle darin, das sollte eigentlich unbestritten sein, das Spiel unauffällig zu "leiten".

    Fehlentscheidungen machen das Spiel definitiv nicht spannend, sondern verärgern unnötig Menschen, nämlich Spieler und Zuseher!

    Wenn es also stimmt, dass die FIFA Mill. ja Mrd. Euro durch den Verkauf von Übertragungsrechten verdient, dann ist es nur recht und billig, wenn die solcherart vorhandenen Mittel, nämlich Geld und Video dazu verwendet werden, das Spiel möglichst fair zu gestalten.

    Mannschaften, Spieler, Zuseher, Sponsoren, Wettbeteiligte, ... haben sogar ein Recht auf diese Fairness, und damit darauf, was hier als "Videobeweis" bezeichnet wird, wie auch immer dies konkret ausgestaltet wird!

    Flaumsen
    24.06.2010 17:19

    genau, stehplätze weg, rauchverbot in den stadion, pyro sowieso pfuigack und jetzt noch videobeweis - wieso will man mit aller gewalt diesen sport kaputt machen?

    ich hoff, dass ich die einführung des videobeweises nicht erlebe, geschweige denn ist mir völlig unklar, wie sich die spvg. hintertupfing oder der lac so eine anlage leisten soll, ganz abgesehen von der nicht unwichigen frage, von woher auf einmal die massen an neuen schiedsrichtern herkommen sollen...

    Pericolo Giallo
    24.06.2010 18:27
    ja sicher

    weil jeder tennisclub hinterwald ja auch den platz mit elektronik vollgestopft hat... schon klar.

    randolf
    24.06.2010 17:17
    Ja ja

    Was so schwer ist an der Sache? Die Schiris sind doch mittlerweile per Funk untereinander vernetzt, alos noch einen an einen Monitor setzen, oder am besten an mehrere Monitore, mit einem Kammera Techniker zusammen und bevor irgendetwas entschieden wird bei strittigen Punkten kurz in die Wiederholung schauen.

    Und siehe da Fehlentscheidungen ade- funktioniert beim Eishokey ja auch tadellos...

    Poidi Poidi
    24.06.2010 17:11
    einfache lösung:

    die fifa soll einfach in ihren lizenzvereinbrung einen passus einbauen, der eine (zeitlupen)wiederholung bzw. analyse strittiger situationen verbietet - somit sind tatsachenentscheidungen nicht hinterfragbar.

    sebastian strunz
     
    24.06.2010 17:01

    danke fuer diesen ausgezeichneten artikel! hoffentlich kommt irgendwann mal bewegung in die sache und die fifa- und uefa-mumien zeigen sich einsichtig...

    muppetbasher
    24.06.2010 16:11
    Alles zusammen:

    19.Jahrhundert ist vorbei, Fussball ist ein bedeutender Unterhaltungs- und Wirtschaftsfaktor. Es geht um sehr viel Geld. Die Pfeifenmänner sind oft richtige Pfeifen. Neue Regeln braucht das Spiel!

    Alkolix
    24.06.2010 15:54
    was wäre fußball

    wenn man nicht genüßlich über den schitzrichter motzen kann?

    nurnoch halb so interesannt

    also ich bin dafür das so beizubehalten

    Ruben Manuel Da Silva
    24.06.2010 15:21

    danke für den artikel, habe den eindruck, dass langsam schwung in die sache kommt. zweifle aber, dass ich die änderung noch erleben werde.
    neues schwachsinnsargument der konservativen war zuletzt, dass spieler ja auch fehler machen, also dürfen schiedsrichter auch...
    nicht, dass das in sich falsch wär (bevor sich wieder wer dumm stellt), aber mich interessiert die leistungen des spielers, der ref soll moderieren.

    byron sully
    24.06.2010 14:58

    sind im großen und ganzen vorschläge, mit denen ich einiges anfangen kann. bei den schiedsrichtern gäbe es aber aus meiner sicht auch noch die alternative, den einen schiedsrichter beizubehalten, dafür aber vier linienrichter.

    diskdusk
    24.06.2010 14:34

    Es gibt Fehlentscheidungen. Aber alles in allem ist die Leistung der Schiedsrichter wirklich gut, gerade bei dieser WM. Dass denen, die sich langweilen und irgendwas zum Jammern brauchen, jetzt nachdem das Vuvuzela-Thema langweilig ist, wieder auf die alte Schiedsrichter-Diskussion zurückgreifen ist auch irgendwie klar. Man kann sich aussuchen was man sieht: Entweder man hat Spaß an der WM, regt sich manchmal über einen Schiedsrichter auf und lässts dann wieder gut sein. Oder man sieht zuerst den Spaß am Zuschauen zerstört vor lauter Getröte und findet dann das Spiel schlecht weil man sich auf Schiedsrichterfehler konzentriert statt auf schöne Szenen. Jeder wie ers braucht.

    `gsi
    24.06.2010 15:27
    hab in meiner jugend viel

    fußball gespielt und geschaut.
    find es aber wirklich uninteressant dem profifußball zu folgen da regelsystem ohne videobeweis einfach das spiel zerstört.
    find es blöd ein match zu sehen wo teams unrechtmäßig gewinnen. das ist kein sport.

    sixtasnet
    24.06.2010 14:52
    es ist übermenschlich

    von einem Schiri zu verlangen, dass er Dinge sehen soll, die nur mit Superzeitlupe zu erkennen sind ...

    und ja, es gab viele schöne Szenen ... ? ... als Argument gegen einen Videobeweis allerdings schwach ;)

    der vierte Offizielle schaut einfach kurz auf den Monitor, bevor er seine Entscheidung über Funk trifft ... keine große Sache

    diskdusk
    24.06.2010 15:46

    Meinetwegen kann man sowas sanft im Hintergrund einführen, solange es das Spiel an sich nicht zu sehr verändert. Aber solange es nicht da ist ist es mir auch nicht allzu wichtig darüber zu jammern. Bisher ist keine Mannschaft unverdient weitergekommen und keine unverdient ausgeschieden.

    WLG
    24.06.2010 22:15

    Frankreich-Quali?

    byron sully
    24.06.2010 14:51

    "Aber alles in allem ist die Leistung der Schiedsrichter wirklich gut, gerade bei dieser WM"

    das mag vielleicht an den ersten 1-2 tagen so gewesen sein, da war ich sogar positiv überrascht. aber mittlerweile häufen sich die fehlentscheidungen eklatant.

    angus1
    24.06.2010 13:46
    lauter experten...

    schiri-entscheidungen müssen anfechtbar sein, schon wegen der Tatsache, dass seine entscheidungen millionen von Euros bewegen kann. wer sagt denn, dass es schon jetzt bewusste fehlentschediungen gibt ? Auch im football wird per video und auch zentral entschieden. ein bisserl demokratie und kontrolle sollten die eher authoritär angehauchten zuschauer vertragen - schon aus therapeutischen gründen

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