Wetten, dass Hollywood in der Krise steckt

23. Juni 2010, 18:31
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Im US-Sommerkino breitet sich "Sequelitis" aus - der Markt wird von Erfolgsmarken wie "Twilight" und "Shrek" überschwemmt. Doch die Gewinnspannen sinken, und es fehlt an Mut zum Risiko

Wien / Los Angeles - Was im Internet auf Hollywood Stock Exchange schon seit geraumer Zeit als virtuelles Spiel funktioniert, soll nun bald auch in der richtigen Finanzwelt möglich sein: das Wetten auf den Erfolg von Kinofilmen. Zwei Anbieter haben die entsprechende Lizenz beantragt, und es gilt als ziemlich sicher, dass die zuständigen US-Behörden grünes Licht geben werden. Damit hätten Filme denselben Status wie Getreide, Baumwolle oder Schweine- und Rinderhälften - ein weiterer Rohstoff fürs Zocken.

Die großen Filmstudios protestieren gegen diese Entwicklung, weil sie mögliche Manipulationen befürchten. So ließe sich durch entsprechendes Insiderwissen ein Startvorteil sichern, aber auch Spekulationen ohne Hand und Fuß könnten sich zum Problem auswachsen, das die Marktchancen eines Films schon im Vorfeld zunichtemacht. Andererseits ist nirgendwo sonst Film so sehr Ware wie in Hollywood. Die Flut an Sequels, die auch diesen Sommer wieder über das Publikum hereinbricht, spricht eine eindeutige Sprache. Man setzt ökonomisch beständig auf das gleiche Pferd - und meidet kreatives Risiko.

Als besonders sichere Anlage dürfte sich der dritte Teil des Twilight-Franchise erweisen, Eclipse: Biss zum Abendrot, der am 24. Juni in den USA startet (in Österreich erst am 16. Juli). Die Teen-Fangemeinde der romantischen Vampirsaga gilt als besonders treu, was nicht zuletzt an Mädchenschwarm Robert Pattinson liegt; in Los Angeles kampieren die hartgesottensten "Twihards" bereits seit Tagen in Zelten vor dem Nokia-Kino, um bei der Premiere einen Blick auf ihre Stars zu erhaschen.

Mit den erwarteten Einspielergebnissen ist man dennoch vorsichtig geworden. Gerade in den letzten Wochen und Monaten häuften sich die Flops von Filmen, die sich zu sehr auf ihr gut eingeführtes Publikum verlassen hatten. Sex and the City 2 blieb ebenso weit hinter den Erwartungen zurück wie die Videogame-Adaption Prince of Persia, hinter der der sonst instinktsichere Erfolgsproduzent Jerry Bruckheimer steht. Shrek Forever After - der Titel verbirgt bezeichnenderweise, dass es sich um den bereits vierten Teil handelt - spielte bis jetzt "nur" um die 200 Mio. Dollar ein, bei Teil zwei waren es am Ende allein in den USA mehr als doppelt so viel.

3-D: Eine Sackgasse?

Natürlich lässt sich aus diesen Misserfolgen keine Regel ableiten, aber ein gewisser Überdruss der Kinogeher ist erkennbar. Dass Hollywoodfilme im Jahr 2009 mit 10,6 Milliarden Dollar dennoch ein zehnprozentiges Plus verzeichnen konnten, lag mehr denn je an Einzelleistungen wie James Camerons Avatar - doch solche Überflieger sind trotz exzessiven Einsatzes von 3-D-Technologie selten. Überhaupt scheint 3-D eine fragwürdige Erfolgsgarantie abzugeben - aufgepfropft um eines kleinen visuellen Mehrwerts wegen, der sich bald wieder abnützen könnte. Die Filmgeschichte ist bekanntlich reich an technologischen Sackgassen.

Die Gretchenfrage lautet immer noch, wie man das Filmerlebnis im Kino sichern will - auch im Heimkino. Technische Attraktionen behindern die Sicht auf Naheliegendes. Wie man ein einfallsreiches Sequel macht, führt etwa das Animationsstudio Pixar vor, das in Toy Story 3 die allerersten digital animierten Helden nach elf Jahren wieder ins Rennen schickt. Das Gefühl, zum alten Eisen zu gehören, wird zum hinreißend nostalgischen Grundthema des Films. Cowboy Woody und Co müssen befürchten, ausgemustert zu werden - ihr Besitzer hat das Collegealter erreicht und für die alten Plastikfiguren nun keine Verwendung mehr.

Bei Pixar lässt sich studieren, dass eben nicht allein das Franchise oder die Apparatur entscheidend ist, sondern die Sorgfalt eines Mitarbeiterstabs, der die bestehende Geschichte kreativ zu erweitern weiß. Es ist ein schlechtes Zeichen, dass diese sehr menschlichen Qualitäten derzeit so wenig gefragt sind - und selbst ein Regisseur wie Guillermo del Toro entnervt aus der Produktion der Hobbit-Filme aussteigt. Denn nur das Talent solcher Fantasten verhilft Großproduktionen zu Unverwechselbarkeit.

Der Film dieses Sommers, der menschliche Vorstellungskraft und die visionären Möglichkeiten des Kinos am ehesten zur Deckung bringt, heißt Inception (dt.: Anfang, Gründung), Christopher Nolan (The Dark Knight) hat ihn gedreht. Leonardo DiCaprio spielt einen Meisterdieb, der Personen Geheimnisse aus ihrem Unterbewusstsein stiehlt - nun muss er erstmals ein solches implementieren. Die ersten Trailer sind schwindelerregend - fast möchte man darauf wetten, dass der Film ein Erfolg wird. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.6.2010)

 

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    Bald wird sich das lange Warten gelohnt haben: Teenie-Fans der "Twilight"-Saga harren vor dem Nokia-Theatre in Los Angeles der Ankunft ihres Idols Robert Pattinson.

     

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