DER STANDARD-Interview

Rektorenchef fordert Ja der Politik zu Studiengebühren

23. Juni 2010 18:08

Hans Sünkel über Tauschgeschäfte, einen vielleicht diabolischen Glücksfall und den Endbericht des "geschwätzigen" Hochschuldialogs

STANDARD:  Sie kennen den Endbericht des Hochschuldialogs, der kommende Woche präsentiert wird (und auch dem Standard vorliegt) bereits. Wie bewerten Sie ihn: "Geschwätz" oder hilfreiche Grundlage für eine neue Uni-Politik?

Sünkel: Durch dieses Papier, wo auf mageren 35 Seiten Dinge wiedergegeben werden, die auch vor sechs Monaten bereits bekannt waren, fühle ich mich bestätigt: Die Universitätenkonferenz ist im Frühjahr zu Recht ausgestiegen. In dem Papier sind vor allem Allgemeinplätze zu finden, es steht nichts Neues drinnen. Schon vor dem Dialog ist alles gesagt worden, aber anscheinend noch nicht von allen. Jetzt ist wirklich von allen alles gesagt worden.

STANDARD: Warum sind die Ergebnisse so dürftig?

Sünkel: Eine Runde von 50 Personen, die sechs Monate im Kreis sitzt und diskutiert, kann nicht zu strategischen Überlegungen gelangen, die dann in Empfehlungen für die Bundesregierung münden.

STANDARD: Beim Hochschulzugang drängt für Sie aber die Zeit.

Sünkel: Ja, weil sich die Studierendenströme dramatisch nach oben entwickelt haben mit Zuwächsen von mitunter 20 Prozent. Das ist wirklich nicht mehr länger verkraftbar. Die Zeit drängt auch vor dem Hintergrund, dass Bayern 2011 das neunte Schuljahr abschafft und damit zwei Abiturientenjahrgänge gleichzeitig an die Tore der Unis und Fachhochschulen drängen. Und 2012 geschieht das Gleiche in Baden-Württemberg. Ein Teil von ihnen wird nach Österreich drängen.

STANDARD: Was erwarten Sie sich von Wissenschaftsministerin Karl? Sie will ja die Frage der Zugangsbeschränkungen an die Einführung der Gesamtschule koppeln.

Sünkel: Ich halte diese Vorgangsweise für zielorientiert. Das ist ein Politikum, also ist mit politischen Instrumenten zu arbeiten, die da heißen: Tauschgeschäft. Ich finde das gut und bin sehr davon angetan, dass das Thema trotz erheblicher Proteste aus den eigenen Reihen von der Ministerin aufgegriffen wird. Ich erwarte mir, dass sie da am Drücker bleibt und es gemeinsam mit Ministerin Schmied bis 2011 zu einer Lösung kommt.

STANDARD:  Die Studiengebühren werden im Bericht gar nicht angesprochen. Ein Versäumnis?

Sünkel:Ich lese immer nur von "privaten Mitteln". Die Politik umschweigt das Thema Studiengebühren und hat nicht den Mut, offen auszusprechen, dass die Uni-Finanzierung auch Studienbeiträge braucht. Zumal offensichtlich in wirtschaftlich schwierigen Zeiten der Staat nicht genug Mittel bereitstellen kann. Die Politik wird auf Studiengebühren nicht verzichten können und sollte das auch klar beim Namen nennen.

STANDARD:  Insofern doch etwas Überraschendes an dem Bericht?

Sünkel: Ich bin enttäuscht, dass man nicht den Mut aufbringt, ein Thema anzusprechen, das ganz sicher ein wesentliches Element der Zukunft sein wird. Der Staat wird sich in der Finanzierung der Unis nicht beliebig weiterentwickeln können und wollen und wird auf zusätzliche Finanzierungsformen zurückgreifen.

STANDARD:  Bewegt sich bei den Zugangsbeschränkungen eher etwas als bei den Studiengebühren?

Sünkel: Studiengebühren scheinen derzeit wirklich ein völlig unbesuchtes Land zu sein. Über Zugangsbeschränkungen darf ja wenigstens diskutiert werden.

STANDARD: Was sehr wohl im Bericht steht: Die Forderung nach einem verbindlichen Budgetpfad.

Sünkel: Im Entwurf des Regierungsprogramms stand: Zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) bis 2020. In der Letztfassung steht das Zwei-Prozent-Ziel, aber nicht das Zieldatum. Und im Bundesfinanzrahmengesetz steht weder noch. Diese geistige Verabschiedung ist mehr als bedenklich. Die Bundesregierung wäre sehr gut beraten, sich intensiv mit der Bedeutung des Themas Bildung zu beschäftigen und dem deutschen Vorbild zu folgen, wo 12 Milliarden zusätzlich in Forschung und Bildung investiert werden. Denken Sie an Länder wie Finnland oder Südkorea: Die waren bis vor 50 Jahren Armutsländer. Dort hat man ganz bewusst in Bildung und Forschung investiert. Heute sind beide führend auf dem Gebiet. Wir sollten diesem Beispiel dringend folgen, sonst setzten wir die Zukunft unserer jungen Generationen aufs Spiel und das wäre sehr, sehr fahrlässig.

STANDARD:  Setzen Sie da auf die nächste Regierung?

Sünkel: Die Bildungslandschaft muss jetzt neu gestaltet werden. Da hilft kein Nachjustieren, das muss neu aufgestellt werden. Ich hoffe, dass gerade die aktuelle wirtschaftliche Situation auslösendes Moment sein könnte, um das rasch voran zu treiben. Jetzt ist die Zeit reif, nicht nur Debatten zu führen und schöne Papiere zu schreiben, sondern Handlungen zu setzen.

STANDARD: Warum sind Investitionen in den Hochschulsektor in Österreich so unpopulär?

Sünkel: Politiker denken halt bis zu nächsten Wahl. Daher wird eher in Bereiche investiert, wo man sofort einen Erfolg sieht. Das ist im Bereich der Forschung, insbesondere der Grundlagenforschung nicht so leicht. Zudem ist Österreich ein Hochlohnland und weite Bevölkerungsschichten sind bereits saturiert. Da ist es schwer, zusätzliche Investitionen zu argumentieren. Südkorea war und ist bildungshungrig und investiert daher massiv in Bildung.

STANDARD:  Eine bessere Ausgangslage als die derzeitige Krise könnte Ihnen also gar nicht passieren?

Sünkel: Die Krise könnte in der Tat ein diabolischer Glücksfall sein, wenn man geistig vorbereitet ist. (Karin Moser, DER STANDARD, Printausgabe, 24.6.2010)

HANS SÜNKEL (Jg. 1948) ist Rektor der Technischen Uni Graz und seit Jahresbeginn Chef der Universitätenkonferenz.

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knorpeltierchen
02.07.2010 12:26
debatte über studiengebühren = kontraproduktiv, manipulativ aber logisch

meiner meinung nach ist diese unsägliche diskussion über studiengebühren haaresträubend.
Sie ist kontraproduktiv und manipulativ, aber logisch, weil sie ablenkt von den wahren problemen der forschungslandschaft. Natürlich hat sowohl die politik als auch die ÖH einen narren an ihr gefressen, weil sie die läute aufstachelt, in gruppen schart und gegeneinander aufbringt. So kann man jahrelang über unwesentliches diskutieren ohne die wirklich heißen kartoffeln angreifen zu müssen...

4711671
26.06.2010 10:44
Einfach Studiengebühr nachzahlen lassen!

Von den heutigen Rechtsanwälten, Ärzten, Ingenieuren, etc. Einfach als Solidaritätsabgabe.

WM Mix
02.07.2010 08:20
Funktiniert nicht

Was ist mit den Taxifahrern, Arbeitslosen und Hilfsarbeiter die Philosophie, Politwissenschaften, Germanistik oder ein anderes überlaufenes Studium absolviert haben, die haben einfach nicht das nötige Geld.

Techniker
01.07.2010 11:19

Dann muss aber sofort von allen auch die Gebühr bezahlt werden.

Alternative:
Zuerst zahlt jeder und wer einen dementsprechenden Erfolg vorweisen kann und Noten und Zeit in einem Rahmen passen der erhält einen Teil zurück?

Vorteile: Effizienz und Effektivität steigen.

wuzi1970
 
25.06.2010 06:28

Ich bin gespannt wie das jetzt weitergeht. Dass einerseits Zugangsbeschränkungen, andererseits aber auch mehr finanzielle Mittel kommen müssen ist inzwischen den meisten klar. Interessant wird wohl wie das umgesetzt wird und welche Wahlen man noch abwartet bevor man dieses heiße Eisen wirklich angreift.
http://www.wuzi.at/?p=27261

Beatrix Karl, TRETEN SIE ZURÜCK!
24.06.2010 23:26
Neoliberaler Dummfug

Studiengebühren sind eine gefährliche Droge, die das Bildungssystem nachhaltig schädigen kann: Sind sie erst einmal eingeführt,reicht die anfängliche Dosis bald schon nicht mehr aus - Folge: Gebührenerhöhung. Doch wie es mit den Drogen eben ist, stellt sich wieder bald eine Gewöhnung ein:

Fast überall, wo in den letzten Jahren Studiengebühren eingeführt wurden, wurden sie schon bald nach oben geschraubt:

England: Verdreifachung (auf momentan 3000 Pfund)
Uni Zürich: Vervierfachung
Australien: Verdoppelung (auf momentan 5000 AusDollar)
USA: Anstieg um 14% im letzten Jahr; Anstieg um 50% in den letzten 10 Jahren.

Angesichts der Forderungen von Sünkel & Co droht uns ähnliches...

Quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=1130

also dann ...
25.06.2010 14:40
völlig d`accord ! hinzu kommt, dass gerade jene "vorbeter des unsinns"...

auch noch das geld in MIO-höhe bunkern...
(hohe Kassabestand der TU-graz - siehe unten)
oder in wertpapiere ( ? ) veranlagen.

geld... ist genug da ! nur eine völlig IRR-geleitete rektoren(professoren)schaft + den sog. univ. räten (industrielle - die sich nur billiges "lohnsklaven" ausbilden lassen wollen)
singt das stud.gebührenlied...
o h n e hirn & verstand !
ja...
genau sie sind nicht mal fähig, die ihnen zur vergügung gestellten mitteln, FÜR die studierenden
- wen sonst . . . ? -
auszugeben.

NONE
24.06.2010 19:09

Alles wird der Industrie unterworfen.

Bildung ist ab jetzt nur mehr jenen zugänglich die ausreichend finanzielle Mittel besitzen.

Amokk
24.06.2010 19:58

Intellektueller Inzest :-o

also dann ...
24.06.2010 18:51
sorry - hab die bilanz der tu-graz gefunden : es ist ja noch ärger ...

als ich dachte :

ad. bilanz, seite 6.
der KASSA-bestand beträgt sagenhafte45 mio ( ! )
(= 45 % der bilanzsumme)
d.h.
der chef aller rektoren...hat bei sich in seiner TU
- mehr als 30 % d. gesamten stud.gebühren
ö s t e r r e i c h s ... gebunkert
- und geht in die medien, um deren wiedereinführung zu verlangen ?

ad. G/V, seite 7
- der lohnaufwand stieg um 35 mio ( ! )
- die anzahl der beschäftigten jedoch nur um 60 !
- das rektorat kassierte 554.000.
= cas das doppelte wie für die Lehrgänge insgesamt.

rektoren...
die das geld horten, statt es für die studierenden
auszugeben, braucht k e i n e UNI !


http://portal.tugraz.at/portal/pa... z_2009.pdf

peraugym
24.06.2010 18:21
Studiengebühren - Ja Bitte aber...

mit einem sozial ausgewogenen Stipendiewesen. Die Kinder gut verdienender Eltern, Arztkinder die fast immer die Praxis von Mama o. Papa übernehmen, sollen gefälligst ihren Beitrag zahlen und das System stützen. Die aktuelle Regel betreibt keinerlei Umverteilung, ob Reich oder Arm, jeder zahlt nichts für sein Studium - Studiengebühren für soziale Gerechtigkeit!

die rote baronin
24.06.2010 17:46
Statt Studiengebühren könnte man auch an Stellen sparen, die den akademischen Bereich nicht wirklich beschneiden.

Z.B. hatte ich etliche Vorlesungen zu absolvieren (v.a. im jeweiligen ersten Studienabschnitt), die ich meist gar nicht besucht habe, sondern mir einfach ein Skriptum besorgt habe oder nach Büchern gelernt habe.
Wie wärs damit: für gewisse Prüfungen werden nur Skripten herausgegeben - das spart Raum und Geld (und Zeit für die Studierenden), was dann für Seminare, Bücher usw. ausgegeben werden kann.

Techniker
01.07.2010 11:05

Das ist aber eine Pauschalierung, nur weil das bei Ihnen funktioniert hat, heißt das nicht autom., dass alle anderen auch die VL geschwänzen können und trotzdem durchgekommen.

Wo bleibt da das Gleichnisprinzip von dem alle sprechen?

worry1
24.06.2010 17:05
Die heutigen Mag. usw. haben alle ohne Gebühren

studieren dürfen und treten nun mit Füßen auf die, die heute studieren wollen.
Wenn Bildung die einem persönlich nichts kostet wertlos ist, dann ist auch die Meinung dieser Leute wertlos.

unbequem
02.07.2010 11:16
Pädagogische Inkompetenz

Auch der Herr Rektor hat nix bezahlen müssen und jetzt gibt er diesen pseudo intellektuellen Schwachsinn von sich der von einer persönlichen abgehobenen Aroganz zeigt und auch die pädagogische Inkompetenz des Herrn Professors unter Beweis stellt!

NONE
24.06.2010 19:11

Sehe ich auch so.

All jene die meckern aber selbst ohne Gebühren studiert hatten müssen nachzahlen.

Danach dürfen sie gerne meckern, aber sicher nicht wenn sie fertig studiert hatten ohne etwas bezahlen zu müssen.

jack johnson
 
24.06.2010 21:42
Weil

es woar ja scho imma so, und wo kommen wir denn dahin, da könnte doch jeder kommen...

*kopfschüttel*

Die Tatsache, dass sich zwischen 1980 ern und den 2000er ein bisserl was geändert hat - wurscht...

Otto Ottinger
 
24.06.2010 16:10
uiuiui dann werden die ganzen linken volltrottel wieder demonstrieren gehen ...

hier zum beispiel eine sehr supere aktion linker intellektuellInnen die pointiert aufzeigen dass unsere universitäten immer noch von kapitalistischen ausbeutern als steuerfinanzierte ausbildungsstätte missbraucht werden.

unverbesserlich!

Wolodja
25.06.2010 05:10
das is

schrott

FinalDestinati0n
24.06.2010 15:47

Ohne Gebuehren, geht es nun mal nicht.


Alles andere ist Utopie.

Amokk
24.06.2010 20:01

Stimmt.. sieht man auch am ORF. Da zahlt man und davon hat man auch ordentlich was. Im Achten und Tschuschenpower (schreibt man das so?), Saturday Nigthlife, ....
Ein Hoch auf die Gebühren und deren Verwendung!

Doktor Leid
24.06.2010 16:41
... und sofort auf den motorisierten Individualverkehr anwenden -- km-abhängige Maut für PKWs!

xes
24.06.2010 17:28

Lächerlich, die Steuer auf Treibstoff ist schon kilometerabhängige Gebühr. Denken, dann schreiben.

4321
24.06.2010 16:07

wenn österreich kein geld für die bildung seiner jungen aufwenden möchte, kann es diese selbstverständlich auch ausweisen. im ausweisen von unter 18jährigen leistet die vp ja ebeso wertvolles wie im jahrzehntelang ihr unterstellten bildungsbereich. schon komisch, dass international sich alle nationen bewusst sind, welche negativ auswirkungen das hätte. nicht so im raika pröll land, da macht man sich weiter einen karl auf kosten der jungen, der wettbewerbsfähigkeit, des pensionssystems usw. dies alles ist eine farce! die verantwortlichen sollte zurücktreten und platz für menschen mit ideen und konzepte machen. besser heute als morgen.

xxdmania
24.06.2010 15:57

solange es keine vermögenszuwachssteuer gibt nicht, stimmt.

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